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Harald Schmidt: Macht Dirty Harry weiter?

Nach dem überraschendem Aus für die Harald-Schmidt-Show schweigt der Entertainer beharrlich über seine Pläne. Andere Sender zeigten bereits Interesse.

Nach dem überraschenden Aus für die "Harald Schmidt Show" steht der Privatsender SAT.1 unter Zugzwang. Der frei gewordene Sendeplatz soll mit einer neuen Late-Night-Show gefüllt werden, teilte der Sender am Dienstag mit. An diesem Mittwoch wird das Thema Harald Schmidt auch bei der Aufsichtsratssitzung der ProSiebenSat.1 Media AG erörtert werden, vermuten Beobachter. Einige Aufsichtsratsmitglieder seien irritiert, hieß es in Presseberichten.

Die Entscheidung für eine neue Late Night Show sei am späten Montagabend beim Sender gefallen, hieß es von SAT.1. "Wenn eine in der Fernsehlandschaft einzigartige Sendung über acht Jahre auf einem stabilen Sendeplatz läuft, entstehen bei der Zuschauergruppe ritualisierte Sehgewohnheiten", sagte der neue Geschäftsführer Roger Schawinski am Dienstag der dpa. "Genau hieran wollen wir mit unserer neuen Show anknüpfen." Über einen Starttermin machte er keine Angaben.

Late-Night Schow mit Thomas Koschwitz?

Die neue Sendung soll laut Schawinski wochentags um 23.15 Uhr "originell und witzig das reflektieren, was die Menschen am Tag bewegt hat". Der "Bild"-Zeitung hatte Schawinski gesagt, das neue Format "soll aktueller sein - die wichtigste Person des Tages soll Thema sein oder sogar live in der Show sitzen. Ab heute ist das Rennen eröffnet". Nicht auszuschließen ist, wie Branchenkenner vermuten, dass mit Thomas Koschwitz geredet werde. Ihn hat SAT.1 ab 2004 eigentlich fürs Frühstücks-TV verpflichtet. Koschwitz moderierte bereits bei RTL eine Nachtshow.

Von Harald Schmidts Firma war auch am Dienstag keine Stellungnahme zu erfahren. "Keinen Kommentar zur Situation", sagte seine Managerin Sigrid Korbmacher. Sie wies jedoch darauf hin, dass die Firma Bonito TV mit ihren rund 90 Mitarbeitern bestehen bleibe, weil allein schon das SAT.1-Format "Was guckst Du?" mit Kaya Yanar weiter produziert werde. Auf dem Bonito-Gelände reagierten Mitarbeiter am Dienstag überrascht auf die Entwicklung. Ein Beleuchter meinte: "Dass es zu Ende geht, wusste hier bis gestern niemand. Das ist eine ganz neue Sache." Thomas Schmidt, stellvertretender Geschäftsführer und Producer der "Harald Schmidt Show", sagte: "Wie - aus? Ist doch Pause, oder?"

Persönliche Entscheidung von Harald Schmidt

Urs Rohner, Vorstandsvorsitzender der Sendergruppe ProSiebenSat.1 Media AG, wies eine Schuld am Ende Show von sich. "Das war eine persönliche Entscheidung von Harald Schmidt, die definitiv nichts mit dem Geschäftsführerwechsel und nichts mit Geld zu tun hat", sagte Rohner der Tageszeitung "Die Welt" (Mittwochausgabe). Vergangene Woche war der SAT-1-Chef und Schmidt-Freund Martin Hoffmann abrupt entlassen worden. Rohner wehrt sich auch dagegen, Hoffmann aus persönlichen Ressentiments entlassen zu haben: "Das ist Unsinn. Wer mich kennt, weiß, dass ich noch nie aus persönlichen Gründen eine Entscheidung getroffen habe."

Andere Sender äußerten sich zuweilen optimistisch, was ihr Interesse an Schmidt anbelangt. "Wir interessieren uns nicht nur für Harald Schmidt, wenn er nicht zu haben ist", sagte der ARD- Vorsitzende Jobst Plog. WDR-Intendant und ARD-Vizechef Fritz Pleitgen warb offen um Schmidts Rückkehr. Er sei "höchst interessiert, das will ich überhaupt nicht verheimlichen", zitiert ihn die "Süddeutsche Zeitung" (Mittwochausgabe). Er habe Schmidt immer geschätzt. "Mit seinem intellektuellen Anspruch ist er doch für das öffentlich-rechtliche Fernsehen wie geschaffen." Beim WDR in Köln hatte Schmidts TV-Karriere einst begonnen.

Schmidt bei Sendern begehrt

Pleitgen versicherte trotz seines Vorstoßes in der "Süddeutschen Zeitung", er respektiere den offensichtlichen Wunsch Schmidts, derzeit in Ruhe gelassen zu werden. "Ich will Schmidt nicht gleich bedrängen", sagte der WDR-Intendant. Ähnlich zurückhaltend äußerten sich Sprecher von ARD und WDR. Es gelte die Aussage von ARD-Programmdirektor Günter Struve: "Harald Schmidt ist ein hervorragender Protagonist, aber momentan führen wir keine Gespräche mit ihm." ZDF-Sprecher Alexander Stock sagte, auch sein Sender habe Interesse an einem Mann wie Schmidt. Es gebe aber noch keine Kontakte, generell sei es zu früh, um etwas Konkretes zu sagen.

MDR-Intendant Udo Reiter schrieb Schmidt, er könne nur schwer mit der Tatsache leben, "dass Sie eine längere Kreativpause einlegen wollen und im deutschen Fernsehen dann ausschließlich in den Werbeblöcken zu sehen wären." Reiter will den Entertainer am liebsten zu sich holen: "Sie haben den MDR so oft als ihren Lieblingssender bezeichnet", heißt es in einem per Fax übermittelten Schreiben. "Diese Freundschaft soll keine Einbahnstraße sein. Deshalb unser Angebot: Kommen Sie zu uns nach Leipzig!"

RTL nein, Premiere ja

Distanzierter klang die Stellungnahme von RTL: "Diese Frage stellt sich nicht", hieß es vom Kölner Privatsender. Dafür zeigte der Münchner Pay-TV-Sender Premiere Interesse an einer Verpflichtung von Schmidt. "Es gibt schon seit langem grundsätzliche Überlegungen, Premiere auch als Premiumanbieter im Bereich Unterhaltung und Comedy zu positionieren", sagte ein Sprecher des Pay-TV-Senders am Dienstag in München.

Harald Schmidt war am Dienstag nicht zu einer Stellungnahme bereit. Auch in seiner Late-Night-Ausgabe am Montagabend, die 1,31 Millionen Zuschauer sahen, verlor er kein Wort in eigener Sache. Selbst von seinem Gast, dem "heute journal"-Moderator Claus Kleber, ließ er sich nicht aus der Reserve locken. Möglicherweise äußert Schmidt sich am Sonntagabend bei Günther Jauchs Jahresrückblick "2003! Menschen, Bilder, Emotionen" zu seinem Rückzug. Eingeladen ist er, nur zugesagt hat er noch nicht.