Interview Michelle Pfeiffer "Ich fürchte mich vor Wasser und habe Platzangst"


Im neuen Film "Chéri" spielt Michelle Pfeiffer, eine der schönsten Frauen Hollywoods, eine alternde Kurtisane. Im stern.de-Interview spricht sie über Schönheit und Kontrollverlust.

Kurioser Zufall, Mrs. Pfeiffer, dass Sie fast genau 20 Jahre nach "Gefährliche Liebschaften" erneut mit Regisseur Stephen Frears nach einem Drehbuch von Christopher Hampton zusammenarbeiten.
Ja, nicht? Und Madame de Tourvel und Lea de Lorval sind sich vom Typ her sogar recht ähnlich. Sie besitzen sehr viel Anstand, beide sind auf merkwürdige Art sehr moralisch. Lea ist außerdem sehr aufrichtig und liebenswürdig, ehrlich mit sich und anderen. Madame de Tourvel wäre aber im Gegensatz zu Lea bestimmt keine Kurtisane geworden. 20 Jahre, meine Güte, meine Rolle war damals noch viel kleiner. Ich hatte weniger Szenen und damit weniger Arbeit, über die ich mir Gedanken machen musste.

Sie sagten mal, Ihre Triebfeder ist die Angst sich zu blamieren. Ist Unsicherheit besser für eine Schauspielerin?
Ich finde, man sollte die Rollen wählen, vor denen man am meisten Angst hat. Ein Schauspiellehrer sagte mir mal, dass diese Nervosität und Angst Bestandteile der kreativen Energie sind. Es gibt ja Kollegen, die vor besonders schweren Szenen meditieren. Doch das ist das Schlimmste, was einem passieren kann: Zu entspannt werden.

Wie ist das bei Ihnen?
Am Anfang eines Films bin ich immer sehr nervös. In der ersten Woche, bis ich drin bin. Ansonsten hängt das von der jeweiligen Szene ab. Wenn sie mir richtig viel abfordert, ich mich sehr stark konzentrieren muss, kann ich schon ziemlich nervös werden. Für "Chéri" drehten wirl eine Szene mit mehreren Seiten Dialog und vielen Schauspielern. Nahe des Drehortes befand sich ein Flugfeld, alle zehn Minuten donnerte ein Flugzeug über uns hinweg. Wir standen also unter Druck, das schnell zu machen, auf den Takes gut zu sein, wenn kein Flugzeug flog.

Hat sich das geändert über die Jahre?
Oh ja, früher habe ich wirklich gezittert vor Aufregung. Obwohl mir man das nicht anmerkte, hatte ich das Gefühl, jeder konnte sehen, wie ich am ganzen Leib bebte. Aber das ist vorbei.

Fühlten Sie sich jemals wegen Ihrer Schönheit als Schauspielerin unterschätzt?
Nein, das hat mich nicht belastet. Vielleicht zu Beginn meiner Karriere, aber damals war ich auch nicht wirklich gut. Ich hatte ja ohne großes Training mit der Schauspielerei begonnen. Ich fing plötzlich beim Fernsehen an, lernte den Job also vor den Augen aller. "Scarface" änderte die Dinge ein bisschen. Und "Die Mafiosibraut" bedeutete dann 1987 wirklich einen Sprung. Die Leute bemerkten plötzlich, oh!, die ist ja wirklich vielseitig!

Keiner der üblichen Kämpfe eines schönen Menschen gegen sein Aussehen?
Nein. Ich verlor zwar früher die eine oder andere Rolle, weil gesagt wurde, ich wäre zu schön. Aber in Wahrheit geht es doch darum, ob man zu der Rolle passt. Man kann nur versuchen, vielseitig zu sein. Im neuen digitalen Zeitalter scheint es aber nach oben bald keine Grenzen mehr zu geben, wie man in "Der seltsame Fall des Benjamin Button" schon sehen konnte. Man kann bald in jede Figur verwandelt werden. Das macht einem schon ein bisschen Angst.

Wenn's um die Wahl Ihrer Rollen geht, gelten Sie als etwas - sagen wir mal - wechselhaft. Ihr Agent nennt Sie ...
Dr. No, stimmt.

... weil bei Angeboten Ihr erster Impuls Nein ist, und wenn Sie dann doch Ja sagen, anschließend kalte Füße bekommen.
Das ist nicht einfach für ihn.

Woher kommt das?
Ich weiß es nicht.

Glauben wir Ihnen nicht.
Ich liebe es zu arbeiten, so ist es nicht. Ich denke, ich bin halt ein bisschen wählerisch.

Und? Weiter?
Ich tendiere dazu, Dinge dahingehend auszuwählen, wie ich emotional auf sie reagiere. Ich denke: Wenn ich nicht darauf anspringe, springt keiner drauf an. Womit ich oft falsch liege. Aber ich kann mich nur auf etwas einlassen, wenn ich es liebe, es mich auf gewisse Weise berührt. Filme zu drehen ist hart. Es ist wahnsnnig aufregend, fordert dir aber auch alles ab. Machst du etwas aus den falschen Gründen, kann das eine ziemlich elende Zeit werden. Hab ich auch ein paar Mal gemacht. Und ernsthaft gelitten.

Gab es in Ihrer Karriere einen Film, der Ihrer Ansicht nach unterbewertet worden ist?
Ich kann mich nicht mehr an die Kritiken erinnern, aber ich weiß noch, dass "Frankie & Johnny" aus unerfindlichen Gründen floppte. Ich war sehr enttäuscht, denn ich war darauf sehr stolz. Es war eine Schande. Aber das passiert halt manchmal.

Andererseits gab es auch überbewertete Filme. Dem US-Magazin Newsweek verrieten sie, "Die Hexen von Eastwick" wäre zwar der Wendepunkt Ihrer Karriere gewesen, die Rolle der Sukie darin aber die am meisten zu vernachlässigende.
Kann sein ... Hm ... Ja. Würde ich zustimmen. Nicht die am meisten zu vernachlässigende, aber eine davon. Und der Film hat wirklich alles verändert. Ich war gerade mit Susan Sarandon und Cher in Europa unterwegs, als der Film in Amerika rauskam. Bei meiner Rückkehr war nichts mehr wie vorher. Plötzlich erkannten mich die Leute auf der Straße.

Welche Rolle war denn Ihre schwerste?
Das lässt sich nicht so einfach sagen. Das Schwerste, was ich jemals für eine Rolle machen musste, war Russisch lernen für "Das Russland-Haus". Fred Schepisi, der Regisseur, ließ mich monatelang diese kleine Passage büffeln, die ich in Russisch sprechen musste. Das war wahnsinnig mühselig, weil diese Sprache Töne enthält, die wir nicht machen. Fast genau so schlimm waren die ganzen Unterwasserszenen in "Schatten der Wahrheit".

Warum das?
Ich fürchte mich vor Wasser und habe Platzangst. Das ist schon komisch, wie dein Bewusstsein Dinge ausblendet, die du nicht willst. Ich hatte diesen Film unbedingt machen wollen und natürlich auch das Drehbuch gelesen. Später am Set las ich wieder darin und stieß auf diese spannende Szene mit der vollen Badewanne. Ich fragte, wo die denn plötzlich herkäme, und der Regisseur sagte, die war doch die ganze Zeit da! Ich hatte die vorher einfach ignoriert!

Sie wuchsen quasi als Beachgirl auf und haben Angst vor Wasser?
Ja, vor allem, wenn ich mir auch noch vorstelle, wie kalt es ist. Ich saß meistens nur im Sand.

Sie waren nie im Wasser?
Doch ab und zu. Wenn ich erstmal drin bin, ist es auch gut.

Woher kommt diese Angst?
Könnte was mit Kontrollverlust zu haben.

Wenn Sie Platzangst haben, dürften Filmpremieren nicht zu Ihren Lieblingsbeschäftigungen zählen.
Geht so. Ich mag keine Menschenansammlungen. Bei Konzerten ist es ähnlich. Als ich 1993 "Zeit der Unschuld" beim Filmfestival in Venedig präsentierte, gab es aus irgendwelchen Gründen keine großen Kontrollen und Absperrungen. Martin Scorsese, Daniel Day-Lewis, ich und die anderen fassten uns also an den Händen und lotsten uns gegenseitig durch die Menge. Da hatte ich wirklich ziemliche Angst.

Von 2002 bis 2007 zogen Sie sich fast komplett aus dem Filmgeschäft zurück. Wie fühlte sich die Rückkehr an?
Ich bin ein wenig gelassener. Auch, was meine Funktion als öffentliche Person betrifft. Ich habe lange nicht akzeptieren wollen, dass öffentliche Präsenz wichtig für den Erfolg eines Films sein kann. Ich dachte: Mein Job ist es zu schauspielern. Und den Film dann verkaufen ist der Job eines anderen. Ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, dass man bei der kurzen Aufmerksamkeitsspanne heute alles dafür tun muss, damit der Film wahrgenommen wird.

In Ihren beiden letzten Filmen "Hairspray" und "Stardust" gingen Sie sehr spielerisch mit den Themen Alter und Schönheit um. Auch "Chéri" dreht sich darum, nur weniger satirisch.
Scheint tatsächlich ein Thema zu sein, oder? Als ich die Rolle annahm, war mir klar, dass es nun ins Auge des Sturms geht. Frontal, konfrontativ, kopfüber. Ich sah mich sofort bei den Pressekonferenzen und Inteviews sitzen, und jede Frage würde sich ums Altern drehen. Der Witz an der Sache war, dass ich während der Dreharbeiten auch noch 50 wurde. Was dann etwas Befreiendes hatte. Es schwebt nicht mehr über einem, man stellt fest, okay, du bist immer noch dieselbe, und der Druck ist weg.

Als Sie 40 wurden, fühlte sich das anders an?
Oh ja. In diesem Business fängt man ab 35 Jahren an über das Alter zu reden. Als ich "Schatten der Wahrheit" mit Harrison Ford drehte, war ich knapp 42. Einer der Kritiker schrieb über uns als "mittelalte Protagonisten". Ich dachte, gut, da bin ich jetzt also angekommen.

Altern passiert jedem von uns, sagten Sie einmal, und wenn du das akzeptierst, entlastet es dich. Diesen Punkt haben Sie offenbar jetzt erreicht.
Früher habe ich zu diesem Thema viele schlau klingende Sachen gesagt, aber jetzt lebe ich das auch. Das ist eine große Erleichterung. Ich fühle, ich fühle mich, ich weiß nicht ...

... wieder wie 18.
Ja, ich fühle mich jünger!

Matthias Schmidt, Bernd Teichmann print

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