Jake Gyllenhaal "Ich habe ständig an Guantanamo gedacht"


Im US-Film "Machtlos" spielt Jake Gyllenhaal einen CIA-Agenten, der Foltermaßnahmen überwachen muss. Dadurch hat sich seine Haltung gegenüber der US-Regierung stark verändert. Der Schauspieler spricht im stern.de-Interview über Gewalt auf der Leinwand, sein Verhältnis zu Reese Witherspoon und seine Nichte.

In Ihrem neuen Film "Machtlos" spielen Sie einen CIA-Analytiker, dessen Aufgabe es ist, in einem Amerika-freundlichen arabischen Land eine "extraordinary rendition" - also eine Entführung und Folter eines verdächtigen Terroristen durch die Geheimpolizei fernab des amerikanischen Rechtes - zu überwachen. Warum haben Sie sich für diese Rolle interessiert?

Die Rolle war ursprünglich für einen älteren Schauspieler gedacht. "Das ist meine erste Folter", sage ich zu Meryl Streep, als meine Figur Douglas Freeman den Auftrag aus Washington bekommt. Fasziniert hat mich, dass ein junger Typ wie ich zufällig in so eine Position gerät, die er eigentlich nicht inne haben sollte. Mir gefiel die Idee, dass dieser Typ praktisch unsichtbar zu sein hat und keine Emotionen zeigen kann. Als Schauspieler hat mich gereizt, alles zurückhalten zu müssen. Unzählige Male habe ich mir daher die Filme "Der Spion, der aus der Kälte kam" mit Richard Burton und "Der gute Hirte" mit Matt Damon angesehen. Ich habe die beiden kopiert, aber wahrscheinlich nicht wirklich gut.

Was halten Sie nun von CIA-Agenten?

Es ist ein Job im politischen Umfeld, in dem man seine Anweisungen hat. Ich persönlich kann meine Meinung haben, kann mir Filme aussuchen die Bestimmtes aussagen, aber bei anderen Menschen lässt das der Job nicht zu. Ich könnte es mir nur schwer vorstellen, mit diesem Druck, der aus diesem inneren Konflikt erwächst, zu leben.

Was wussten Sie vor dem Film über Folter?

Ich höre Nachrichten und lese den internationalen Teil der Los Angeles Times, um zu erfahren, was in der Welt los ist. Aber wer weiß schon wirklich, was alles in Guantanamo Bay vor sich geht? Daran musste ich während der Dreharbeiten ständig denken. Auf die Hintergründe und darauf, wie barbarisch diese "Renditions" sind, bin ich erst durch den Film aufmerksam geworden. Ich hoffe dieser Film wird Diskussionen auslösen. Ich persönlich bin gegen Folter!

Jack Nicholson sagte einmal "You can cut of a breast, but not kiss a nipple", um die Einstellung der Amerikaner zu Sex und Gewalt im Film zu beschreiben. Glauben Sie, dass die Zuschauer Gewaltszenen gegenüber unempfindlich geworden sind?

Es ist eigenartig, dass Sexualität auf der Leinwand verboten ist, Gewalt aber nicht. Meine Generation wird nahezu täglich ermahnt, Kondome zu tragen, den Partner nicht zu wechseln, am besten gar keinen Sex zu haben. Aber die Regierung wird überhaupt nicht zur Verantwortung gezogen, was Gewalt betrifft. Das ist sehr irritierend.

Vor fünf Jahren waren Sie noch sehr freimütig in Interviews und erzählten, dass Sie nicht genug Sex haben würden. Mittlerweile sind Sie berühmt. Wie hat sich Ihr Sexleben verändert?

Ich bin zum Asketen geworden. Ich lebe in einer Höhle, deswegen trage ich einen Bart. Ich hab keinen Sex und bin viel interessanter geworden. (lacht).

Wie beeinflusst Ruhm Ihr Leben?

Eigentlich hat sich nicht viel verändert. Man kann in zwei Richtungen gehen: Man kann drauf reinfallen, oder eben nicht. Für mich hat es einen Schub bedeutet, mir darüber klar zu werden, was ich wirklich will, wer ich wirklich sein möchte. Allerdings bin ich noch immer auf der Suche nach meiner Identität.

Sie haben eine sehr enge Beziehung zu Lance Armstrong. Stimmt es, dass ein Film über sein Leben mit Ihnen in der Hauptrolle geplant ist?

Lance und ich sind gut befreundet. Radfahren ist eine große Leidenschaft von mir. Ich bin sogar einen Teil der Tour in den Alpen mit Lance geradelt. Ja, ich würde ihn gerne spielen. Matt Damons Produktionsfirma hat das Drehbuch entwickelt, daher ist es eigentlich sein Film.

Welche Qualitäten schätzen Sie an Ihrer Filmkollegin Reese Witherspoon?

Sie ist eine der bestern Schauspielerinnen ihrer Generation, wenn nicht die Beste. Das ist die Wahrheit und ich glaube, die meisten Leute werden mir zustimmen. Außerdem ist sie eine unglaublich gute Mutter, ihr Privatleben steht an erster Stelle. Das ist für sie wichtiger als die Schauspielerei. Davor habe ich großen Respekt.

Es gibt das Gerücht, dass sie beide ein Paar sind. Äußern Sie sich dazu?

Ich werde... (lacht). Nein. Angeblich gehe ich mit vielen verschiedenen Menschen aus, nicht nur mit dem anderen Geschlecht. Deswegen ist das alles sehr interessant und amüsant. (lacht).

Sie sind mit zwei starken Frauen aufgewachsen. Ihre Mutter, Naomi Foner Gyllenhaal ist eine Oscar-nominierte Drehbuchautorin und Ihre Schwester ein Golden-Globe-nominierte Schauspielerin. Wie hat Sie das beeinflusst?

Ich hab einen angeborenen Respekt vor dem Verstand von Frauen. Ich finde Frauen haben Power und Energie, sie halten die Welt zusammen. Ich habe großen Respekt vor jeder Frau, die ich treffe. Jeder der Zeit mit Frauen verbringt, weiß doch wie außergewöhnlich sie sind. (lacht).

Welchen Rat hat Ihnen Ihre Mutter zum Thema Frauen gegeben?

Meine Eltern feiern ihr 30-jähriges Jubiläum und jemand fragte meinen Vater, wie das so sei, 30 Jahre mit der gleichen Frau verheiratet zu sein. Er antwortete: Sie ist nicht die gleiche Frau. (lacht).

Sie sind vor kurzem Onkel geworden. Ihre Schwester Maggie hat mit dem Schauspieler Peter Sarsgaard, ein guter Freund von Ihnen, eine kleine Tochter namens Ramona. Wollen Sie auch Kinder?

Der Zuwachs in unserer Familie hat für mich viel geändert, ich blicke anders auf mein eigenes Leben. Ich weiß seither, was Verantwortung bedeutet, und auch was es an Aufmerksamkeit und Selbstlosigkeit braucht, ein Kind groß zu ziehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich all diese Qualitäten schon habe. Irgendwann möchte ich aber schon Vater werden. Darauf freue ich mich.

Interview: Frances Schönberger

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