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James-Bond-Dreharbeiten: Liebesgrüße aus Nassau

Hauptsache, die Journalisten haben gute Laune. Denn um den neuen James Bond steht es gar nicht gut. Der stern besuchte die Dreharbeiten auf den Bahamas.

Mitleid keimte lange schon. Ausgerechnet mit ihm, dem begehrtesten Mann der Welt, dem die Frauen mindestens zu Füßen lagen und gern auch weiter nordwärts. Und der doch nicht so sein durfte wie einst. Er rauchte nicht mehr, er soff nur noch verhalten, seine Witzchen waren politisch korrekt und kaum noch anzüglich, und wenn James Bond die Damen bettete, roch das zuletzt schwer nach Safer-Kuschelsex und wenig Testosteron. Armer Kerl, der Bond. Im Laufe der Jahre konvertierte 007 zu 08/15. Es konnte schlimmer kaum kommen.

Und es kam schlimmer.

Besorgniserregende Nachrichten erreichten die Welt vornehmlich aus dem Reich ihrer Majestät: Der neue Bond-Darsteller Daniel Craig, hieß es in der angelsächsischen Presse, habe sich beim Filmen einer Prügelszene für "Casino Royale" in Prag zwei Zähne ausschlagen lassen. Craig könne darüber hinaus den Aston Martin nicht mit Gangschaltung bewegen, weil - verzogenes Bürschchen - nur an Automatikgetriebe gewöhnt. Lizenz zum Töten ja, aber keine zum Fahren? Entsetzen.

Des weiteren, wurde kolportiert, leide der Brite beim Dreh auf den Bahamas an Sonnenbrand und Hautausschlag, jenen Imponderabilien mithin, die Mister Craig mit Millionen seiner Landsleute teilt, sobald die sich südlich von Kent aufhalten. Obendrein hagelte es Absagen bei der Suche nach einem tauglichen Bond-Girl: Angelina Jolie, Charlize Theron, Scarlett Johansson, Naomi Watts. Schlussendlich fiel diese Rolle der Französin (ausgerechnet) Eva Green zu, die noch dazu sagt, dass sie den Begriff "Bond-Girl" nun gar nicht mag und weder Ian Flemings Buch gelesen noch alle Bond-Filme gesehen habe. Als wäre das alles nicht schon genug, versammelte sich eine üppige Protestlergruppe im Internet, die zum Boykott von "Casino Royale" im November aufruft, weil Craig so ganz und gar nicht ins Kindchenschema des gemeinen Bond-Fans passt: Er ist nicht dunkel wie Connery, eher blass, und er spielte meistens Übelmänner. Sie nannten und nennen ihn wahlweise James Blond oder James Bland (fade).

Das war die Nachrichtenlage. Es stand nicht gut um 007.

Weshalb die Produktionsfirma Sony auf die sonnige Idee kam, mehrere Dutzend Journalisten aus der ganzen Welt auf die Bahamas zu fliegen, auf dass sie sich vor Ort vom ordnungsgemäßen Zustand des Protagonisten überzeugen sollten. Nassau ist der Ort und gut gewählt, denn die Bedeutung des Wörtchens Nassauer erfährt hier durchaus Sinn.

Der geschlauchte Journalist, weit gereist für drei Tage am Set, erhält von den freundlichen Sony-Damen erst einmal ein Geschenketäschchen mit allerlei Nippes drin, ein Taschengeld von 100 Dollar pro Tag und Flug- und Hotelkosten ohnehin erstattet. Wenn man den freundlichen Sony-Damen erklärt, dass man Flug und Hotel doch lieber selbst bezahlt, die Zeiten des Taschengeldes viele, viele Jahre zurückliegen und Geschenketaschen auch nicht sein müssen, weil ein paar Tage in der Sonne schon Geschenk genug sind, schauen sie erst geschüttelt und dann gerührt. Schließlich aber verstehen die Damen vom Fach: Es geht um die Sache, es geht um Erkenntnisgewinn - was macht eigentlich James Bond?

Zwei Tage vergehen, bis man Mister Bond zum ersten Mal begegnet. Um genau zu sein, begegnet man gleich drei James Bonds am Strand von Coral Harbour. Ein Bond steht an einem Wohnwagen in der Sonne und liest ein Automagazin. Er ist Franzose, Lehrer von Haus aus und die Lichtfigur am Set. Er wird immer dann gerufen, wenn Gesichter ausgeleuchtet werden müssen. Der zweite Bond ist eine Art Stuntman und hastet unentwegt dem Filmschurken durchs Wäldchen hinterher, bis die Kameraeinstellung feststeht, und der Regisseur Martin Campbell "Daniel" zur Arbeit ruft. Sodann erscheint ER. Bond. James Craig Daniel Bond. Neu, frisch, blond, keine Zahnlücke wie befürchtet und auch kein Hautausschlag wie Millionen Mallorca-Briten.

Einige der Kollegen heben ihre neuen Designer-Sonnenbrillen, die abends zuvor von einer Firma gespendet wurden, was zu tumultösen Zuständen führte, fatal an Raubtierfütterung und ausgeschlagene Zähne am Prager Bond-Set erinnerte. Niemandem entgeht, dass Daniel Craig seine Sache a) sehr ernst nimmt und b) sehr gut macht. Ein paar blutige Kratzer hat er am Arm, sie sind echt. Allgemeines Staunen.

Alle sind glücklich. Die Journalisten, die ihn haben live sehen dürfen. Die Sony-Frauen, weil die Journalisten glücklich sind. Und die Schauspieler, weil die Journalisten und Sony-Frauen endlich wieder abhauen. "Bis heute Abend", sagt der Produzent Michael G. Wilson, von dem auch das Zitat stammt: "Uns ging die mentale Energie aus. Wir brauchten etwas Neues."

Sie brauchten einen wie Craig, blond und blauäugig und tough, voller mentaler Energie. Der in der Nähe von Liverpool aufwuchs, Theater spielte und später vornehmlich düstere Rollen hatte, zuletzt in "München". Der im richtigen Leben mit Heike Makatsch zusammen war und dem diverse Liebschaften nachgesagt wurden und werden wie James Bond, als er noch James Bond sein durfte.

Die Nassauer Veranstaltung erreicht ihren eindeutigen Höhepunkt am Abend des dritten Tages. Interviews. Endlich Interviews. Das heißt, keine Interviews im klassischen Sinne, sondern Gesprächshappen in Gruppen zu viert. Viele Journalisten haben sich fein gemacht dafür, als würden sie zur Hochzeit gehen oder ins Kasino. Dabei ist alles nur wie beim Kinderspiel "Die Reise nach Jerusalem". Stunt-Koordinatoren rotieren an den Tisch sowie das missgelaunte Bond-Girl Eva Green, Produzent Michael G. Wilson und der Regisseur Martin Campbell. Nach jeweils zehn bis fünfzehn Minuten treten die freundlichen Damen von Sony an die Tische und sagen: "Your time is up", worauf die Bond-Leute an den nächsten Tisch rochieren und das Gleiche in Grün erzählen: dass der neue Bond anders sei, ganz anders, ultimativ anders. Grenzwertiger, realistischer, dunkler, künstlerischer auch und brutaler. Und selbstverständlich loben alle Daniel Craig als außergewöhnlich, erfrischend, sensationell, sexy, verführerisch, vor allem aber als: anders, ganz anders, ultimativ anders.

Irgendwann sitzt der ultimativ

andere am Tisch. Daniel Craig hat eine tiefe Stimme, um sein Kinn sprießen blonde Haare, seine Augen sind stechend blau und klar. "Casino Royale" ist Flemings erstes Bond-Buch, er entwickelt darin den Charakter von 007. Und also kann/soll/wird sich auch Craig entwickeln im Laufe des Films von einem Killer in abgewetzten Khaki-Hosen zum Agenten im Smoking. "Die Zuschauer", sagt er, "sind reif für mehr Komplexität." Er sagt lauter solche Sätze. Dass er sich der Verantwortung dieser Rolle bewusst sei, "niemand mehr als ich". Wie "physisch" dieser Film sei, "ich hole mir jeden Tag meine Beulen". Auf diese Weise verlor er auch die Zähne in Prag. Aber er ist dental längst wieder im grünen Bereich und mental auch. Das Schlimmste kommt nämlich noch. In einer Szene wird Bond gefoltert, und zwar genau in jenem Bereich, um den sich, außer Eva Green, jedes unanständige Bond-Girl immer reißen würde. Als "Ball-whacking" bezeichnet das der Regisseur, was frei übersetzt etwa "Eier klopfen" bedeutet. Er wird sich nicht doubeln lassen, und bei allem Respekt für Realitätsnähe und ausgeschlagene Zähne möchte man Mister Craig doch wünschen, dass er seine tiefe Stimme behält.

"Your time is up", sagt eine Sony-Frau, und Craig geht zum nächsten Tisch. Die Kollegen sagen, die Interviews seien sehr gut gewesen. Man hat da so seine Zweifel, aber die Kollegen sind Set-Profis. Sie bekommen als kleines Dankeschön für so viel Arbeit noch Chips, Casino Royale!, und dürfen an Black-Jack-Tischen spielen im Garten des Luxushotels. Die Bond-Crew verschwindet. 007 muss schlafen. Denn der Morgen stirbt nie.

Michael Streck / print