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Jenny Gröllmann: "Ich muss das zu Ende bringen - meinetwegen bis zum Tod"

Die krebskranke Schauspielerin Jenny Gröllmann über Stasi-Vorwürfe, ihren Ex-Mann Ulrich Mühe und ihre letzte Hoffnung.

Jenny Gröllmann, eine der prominentesten Schauspielerinnen der DDR und nach der Wende auch im Westen sehr gefragt - unter anderem als Anwältin Isenthal in der Kultserie "Liebling Kreuzberg" mit Manfred Krug -, kämpft um ihren Ruf. Die 59-Jährige soll nach einer Akte, die vor fünf Jahren in der Berliner Behörde für Stasi-Unterlagen aufgefunden wurde, für den DDR-Geheimdienst gearbeitet haben. Unter dem Decknamen "Jeanne" soll sie in Ost-Berlin akkreditierte West-Journalisten bespitzelt haben. Schon 2001 hatte der Fall Schlagzeilen gemacht.

Erneut erhoben wurden die Vorwürfe zum Start des Kinofilms "Das Leben der Anderen", in dem es um Stasi-Spitzeleien in der Kulturszene geht. Den Anstoß gab diesmal Hauptdarsteller Ulrich Mühe, 53, der mit Jenny Gröllmann von 1984 bis 1990 verheiratet war - die gemeinsame Tochter der beiden, Anna Maria Mühe, 20, bekam gerade als beste Nachwuchskünstlerin die Goldene Kamera. Die schwer krebskranke Jenny Gröllmann bestreitet entschieden, jemals für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Nach einem kürzlich ergangenen Urteil des Berliner Landgerichts darf Mühe nicht mehr behaupten, seine Ex-Frau sei "inoffizieller Mitarbeiter" (IM) der Stasi gewesen.

Frau Gröllmann, wie wichtig ist Ihnen dieses Urteil gegen Ihren früheren Ehemann Ulrich Mühe?

Es hat mich erleichtert. Ich wollte eigentlich keine gerichtliche Auseinandersetzung. Ulrich Mühe hatte einer außergerichtlichen Einigung über seinen Anwalt bereits zugestimmt, sie aber kurz darauf widerrufen und ein Gerichtsverfahren bevorzugt.

Warum haben Sie sich nicht schon 2001, als erstmals über Ihre IM-Akte berichtet wurde, juristisch dagegen gewehrt? Warum erst jetzt?

Damals bin ich auf Anraten meiner Anwälte nicht gegen die wenigen Presseveröffentlichungen vorgegangen, die ja auch nur von Verdachtsmomenten ausgingen. Das haben die Anwälte dann mit den Medien geklärt. Ich hatte damals bereits gesagt, dass ich damit absolut nichts zu tun habe. Das ebbte dann ja auch ganz schnell ab und war vergessen. Jetzt ist leider eine andere Situation entstanden. Im Zusammenhang mit seinem Film "Das Leben der Anderen" hat Ulrich Mühe, aus für mich nicht zu erklärenden Motiven, diese Anschuldigung wieder in die Öffentlichkeit gebracht, und es ist leider eine Kampagne daraus geworden.

Sie haben in den vergangenen Monaten keine Interviews gegeben. Warum nicht?

Weil man da immer in eine Rechtfertigungshaltung kommt. Die Rechtfertigung brauche ich nicht, die lehne ich ab. Ich muss mich nicht rechtfertigen. Es gibt auch nichts zu widerlegen, weil ich weiß, dass das, was da ist, nicht die Wahrheit ist. Dass das nicht mit mir passiert ist.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie diese IM-Akte zum ersten Mal in der Hand hatten?

Ich bin fast verrückt geworden. Ich bin eine Woche herumgelaufen und dachte: Jetzt werde ich wahnsinnig, schizophren, mein Gehirn setzt aus. Was mache ich jetzt? Ich konnte damit nicht umgehen, da standen Sachen drin über Leute, denen ich noch nie begegnet bin, da soll ich über Leute geredet haben, die ich gar nicht kannte. Das ist ein Zustand, in dem du wirklich denkst, du musst dich einweisen lassen. Für mich war wichtig, dass mir die Familie und mein Freundes- und Bekanntenkreis glauben.

Der Akte nach sollen Sie auf West-Korrespondenten angesetzt gewesen sein, vor allem auf Peter Pragal, damals für den stern in Ost-Berlin. Wie hat Ihr angebliches "Opfer" Peter Pragal reagiert?

Ich habe ihm die Akte gezeigt. Er hat dann denjenigen, der die Akte geführt hat, ausfindig gemacht. Der hat erklärt, dass er die Akte ohne mein Wissen und hinter meinem Rücken geführt hat. Auch, aus welchen Versatzstücken er Informationen zusammengestellt und mir zugeschrieben hat. Von da an wusste ich wenigstens, dass ich nicht schizophren bin. Peter Pragal hat in seiner eigenen Akte übrigens auch nichts Authentisches von mir gefunden. Kann er ja auch nicht.

Der Vorwurf, ein Stasi-Spitzel zu sein, ist schon für einen gesunden Menschen eine riesige Belastung. Wie halten Sie das aus?

Das ist das Schlimmste, was mir widerfahren konnte in den letzten Monaten. Ich habe bisher durchgehalten, weil ich das zu Ende bringen muss - meinetwegen bis zum Tod. Das bin ich meinen Töchtern schuldig. Auch ein Grund, warum ich mich auf die juristische Auseinandersetzung eingelassen habe.

Haben Sie sich jemals mit Einzelheiten der Akte auseinander gesetzt?

Wie ich schon sagte: Ich lehne den ganzen Inhalt dieser Akte ab. Aber meine Freunde sind eine große Stütze für mich. Sie hat es nicht in Ruhe gelassen, und sie haben angefangen, zu recherchieren und die Akte genau zu analysieren. Sie haben lauter Ungereimtheiten gefunden, die meine Erklärungen bestätigen. Sie haben damit auch meinen Anwalt unterstützt.

Ulrich Mühe, so sagt er, habe schon 2001 die Hoffnung gehabt, dass Sie mit ihm darüber reden. Warum haben Sie das nicht getan?

Zwischen der Familie Mühe und mir herrschte damals schon lange eine Art Eiszeit - aus ganz anderen, privaten Gründen. Es war einfach nicht möglich, miteinander zu sprechen, obwohl es mein Wunsch gewesen wäre. Ich habe es mir oft erträumt, dass es möglich wäre. Mit unserer Tochter Anna habe ich natürlich gesprochen. Sie leidet am meisten unter dieser Erbarmungslosigkeit. Im Übrigen habe ich mich auch Ulrich Mühe gegenüber nicht zu rechtfertigen, weil ich nichts Unrechtes getan habe. Mein Name ist missbraucht worden, das ist alles. Er selbst hat sich ja auch nicht bei mir gemeldet, im Gegensatz zu vielen Freunden damals. Ich finde das alles sehr bedauerlich und traurig.

Können Sie sich erklären, warum Mühe so hartnäckig an den Vorwürfen festhält?

Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er sehr skrupellose Medienberater. Den Weg zum Homo politicus wenigstens nehme ich ihm nicht ab.

Wie wird es jetzt weitergehen?

Ich weiß es nicht. Wie gesagt, ich bin froh darüber, dass durch das Urteil ein erster Schritt zu meiner Rehabilitierung getan wurde. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr.

Interview: Dieter Krause, Werner Mathes

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