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Joachim Fuchsberger: "Die letzte Ölung hab ich mir selbst erteilt"

Zum Achtzigsten gönnt er sich noch mal einen Kinofilm: Joachim Fuchsberger über "Neues vom Wixxer", Eitelkeit, den Tod und wie er fast James Bond wurde.

Herr Fuchsberger, "Neues vom Wixxer" ist Ihr erster Kinofilm seit 34 Jahren. Wie fühlt sich das an?

Wie eine Art Wiedergeburt, eine sehr erfreuliche.

Warum die lange Pause?

Ich hatte in den frühen 70er Jahren gemerkt, dass meine Zeit als jugendlicher Liebhaber und ewiger Inspektor langsam vorbei war. Eine wunderschöne Zeit, keine Frage, aber ich wollte vermeiden, dass man irgendwann sagt: Ach, das ist doch der Fuchsberger, der sah ja mal ganz gut aus. Dafür war ich ein bisschen zu eitel.

Wie war denn der erste Drehtag?

Abgesehen davon, dass mein Flieger nach Prag erst mal defekt war: wunderbar! Als ich das Studio betrat und die Kulissen sah, dachte ich, mich trifft der Schlag! Ich fühlte mich sofort vierzig Jahre jünger und kam aus dem Staunen nicht heraus. Auch die persönliche Betreuung war vorbildlich. Ich dachte: Bin ich schon so alt, dass die alle so nett zu mir sind? Vorsicht, Blacky, da ist ein Kabel! Und da waren wir dann, Wolfgang Völz, Chris Howland und ich: Tun dir deine Knochen auch so weh? Bist du die Treppen hochgekommen? Wir drei, wir waren das Altersheim.

Und das Sagen hatten Leute, die zur Zeit des ersten Edgar-Wallace-Films noch nicht mal geboren waren.

Ich war wirklich erschrocken, als ich hörte, dass in dem Team kaum einer die Vierzig erreicht hat. Das war ein bisschen die Umkehrung der Dinge. Bei den Wallace-Filmen damals waren alle deutschen Schauspieler dabei, die Rang und Namen hatten: Elisabeth Flickenschildt, René Deltgen, Lil Dagover, Fritz Rasp. Und wir saßen da im Studio mit offenem Mund, offenen Ohren und dachten, wow, wie die das machen, da kann man was lernen. Nun waren wir die Arrivierten, und ich war erstaunt, wie kompetent und bemüht das Team war. In meinen 50 Berufsjahren habe ich selten eine derartige Konzentration auf Qualität erlebt. Und bei allem Respekt vor dem Alter haben die beiden Regisseure mich in manchen Szenen ganz schön gezwiebelt: Nee, Blacky, das war es noch nicht ganz. Los, zeig mal, was du drauf hast!

Wenn man Sie so reden hört, will man gar nicht glauben, dass Sie ziemlich harsch reagiert haben, als vor vier Jahren das Angebot für den ersten "Wixxer" kam.

Ja, ich kannte das Drehbuch nicht, nur den Titel, und dachte, die sind wohl mit dem Klammerbeutel gepudert. Schließlich waren vorher schon einige Versuche fehlgeschlagen, den Wallace-Kult wiederzubeleben. Später haben mir Oliver Kalkofe und Bastian Pastewka eine DVD vom "Wixxer" nach Australien geschickt, und ich war begeistert. Olli fragte mich, ob ich im nächsten Film mitspielen würde, und ich sagte, wenn Ihr eine gute Rolle habt, ja - nachdem ich mich für meine Voreingenommenheit entschuldigt hatte.

Eine Nebenfigur in "Neues vom Wixxer" ist eine Parodie auf Klaus Kinski, mit dem Sie damals recht gut befreundet waren. War er wirklich so irre, wie alle dachten?

Er war so intelligent zu wissen, dass man das Irresein von ihm erwartet. Er hat dem Affen Zucker gegeben. Manchmal hat er in der Tat ein bisschen zu viel draufgehauen. Da musste man eine gewisse natürlich gewachsene Autorität haben und ihm sagen: Wenn du mir dies oder jenes versaust, dann kriegst du ein paar hinter die Ohren.

Zum Beispiel?

Klaus und ich waren mal im "Wheelers" in London, einem sehr guten, wahnsinnig teuren Restaurant. Kaum hatten wir uns an den gedeckten Tisch gesetzt, wirft er den Löffel auf den Boden. Der Ober hebt ihn auf und bringt einen neuen, den Klaus wieder auf den Boden wirft. Als der Ober einen dritten Löffel auf den Tisch legt und Klaus danach greift, sage ich zu ihm: Wenn du den jetzt wieder wegschmeißt, kriegst von mir dermaßen eine gescheuert, dass du unterm Tisch liegst. Klaus lacht und ich sage zu dem Ober: Would you please serve this gentleman the soup. By the way, he loves soups. Als der Ober unsere Suppe bringt, sagt Klaus: I don't eat no... Und ich: Friss jetzt die Suppe, sonst schütt ich sie dir in den Kragen. Er lacht, probiert und sagt: not bad, not bad.

Er brauchte einen, der ihn an die Leine nahm.

Aber vor der Kamera war er absolut präzise. Alfred Vohrer, einer unserer Regisseure, wusste mit seiner Exaltiertheit umzugehen. Der hatte zwar nur einen Arm, war aber verdammt stark und hat ihn nie aus dem Ruder laufen lassen. Er sagte immer: Kläuschen...!!! Und dann hat er gehorcht.

Aus dem Ruder gelaufen sind dafür zahlreiche Actionszenen. Allein bei Ihrem Debüt im "Frosch mit der Maske" haben Sie sich Ihre Kniescheibe angebrochen und fast ein Auge verloren.

Wir hatten damals keine professionellen Stuntleute. Und ich habe mich gegen die Produzenten gewehrt, die irgendwelche unerfahrenen Männer nehmen wollten, die dann von der Leiter fallen. Ich fand das unverantwortlich, dass jemand für mich seine Gesundheit aufs Spiel setzt. Ich war aktiver Judoka, Träger des ersten Dan und 1943 immerhin mal dritter der Gebietsmeisterschaft von Rheinland-Westfalen im Halbschwergewicht gewesen. Da hat man einen gewissen Ehrenkodex. Man weiß, wie man sich verhalten muss, wenn es mal hart auf hart geht.

Ganz schön mutig.

Und nicht selten ziemlich übermütig. Bei einem Film, ich glaube, das war "Die Bande des Schreckens", wollte ich unserem Regisseur Harald Reinl zeigen, was eine Harke ist und ihm eine Fallübung vorführen. Ich sagte: Pass auf, ich spring über einen Tisch, schlage auf einer Kante von einem Sofa auf, reiß es um, nehme die Sitzfläche als Deckung und schieß von da hinten. Reinl fand das gut und meinte: mach mal. Ich spring also los, verpasse die Kante, das Sofa bleibt stehen, und lande mit dem Knie in einer Wand. Darin steckten Nägel, von denen ich mir einen ins Knie rammte. Ich sag Ihnen, ich hab gepfiffen wie 'ne Elster.

Wie haben Sie sich selber gesehen? Als Actionheld, als deutschen James Bond?

Nein, über so etwas habe ich nicht nachgedacht. Außerdem wusste man da noch nichts von Bond. Obwohl: Beinahe wäre ich's geworden.

Wie bitte?

Eines Tages kam Horst Wendlandt, der Produzent der Wallace-Filme, mit Ian Flemings erstem Bond-Roman zu mir und sagte: Das müssen wir machen. Ich sagte, Mensch, Horst, das ist ein Ding, das kannste nicht für 750 000 Mark in Schwarzweiß machen. Da musst du in Farbe drehen. Und dann die ganzen exotischen Locations. Das wird richtig teuer. Er hat sich dann doch nicht getraut und lieber die Karl-May-Filme gemacht.

Und Sie haben sich in den Hintern gebissen.

Ach, es gab eine Menge solcher verpasster Gelegenheiten. Ich bin zu lang in diesem Beruf und zu alt, als dass ich mir heute noch den Kopf darüber zerbrechen würde.

Hatten Sie keine Angst, das Edgar-Wallace-Image nicht mehr loszuwerden?

Nein, im Grunde waren diese Filme meine Rettung. Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht gemacht bin für Don Carlos und diese ganzen Klassiker. Ich wurde in zahlreichen Berichten mit den Worten zitiert: "Ich bin ja gar kein Schauspieler..."

...wofür man Sie der Koketterie verdächtigte.

Ja, aber das war nur ein Halbzitat. Was ich gesagt habe, war, dass man das unterteilen muss. Es gibt den Schauspieler, das ist der Handwerker, der in ein Theater-Ensemble gehört und alles spielen muss, was der Spielplan bringt. Dann gibt es den Darsteller, zu denen ich mich zähle. Während der Schauspieler versucht, in eine Rolle hineinzufinden und sich als Person aufzugeben, macht es der Darsteller umgekehrt. Er transponiert eine Situation auf sich und sagt: Wie würde ich in einer solchen Situation reagieren? Das bin ich. Ich habe das Schauspielhandwerk ja nie gelernt.

Nach dem Krieg haben Sie erst mal als Bergmann gearbeitet.

Ich hatte mich dazu verpflichtet, um früher aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassen zu werden. Zeche Ludwig zwo, Recklinghausen. Sie haben uns ganz nach unten gesteckt und uns den Verbindungsstreb zwischen zwei Stollen buddeln lassen. Da lagst du dann in einem kaum 70 Zentimeter hohen Streb, hast mit der Hacke an der Seite die Kohle weggehauen, nach hinten weggeschoben, und der Nächste hat sie übernommen. Da habe ich meine Klaustrophobie entwickelt, unter der ich bis heute leide. Wenn der Berg anfängt zu arbeiten, ist das wie ein schweres Gewitter, du liegst da unten fast 1000 Meter tief und denkst, jetzt kommt gleich alles runter.

Dagegen ist das Showgeschäft ein Klacks.

Erfolge genießt man erst dann wirklich, wenn man zuvor durch die Hölle gegangen ist. Wie soll einer Glück empfinden, der kein Unglück kennt?

Nach Ihrer Filmkarriere wurden Sie mit "Auf los geht's los" einer der erfolgreichsten deutschen Showmaster. Und einer der umstrittensten. Einiges von dem, was Sie in Ihren Sendungen sagten oder taten, kam bei den Leuten nicht so gut an.

Ja, der Erfolg hat mich übermütig gemacht. Das kann bei Einschaltquoten von 52 Prozent schon mal passieren. Wenn dir alle sagen, du bist der König, bildest du dir ein, du wärst es wirklich.

Sie sorgten damals für große Empörung, als Sie nach einer verlorenen Wette bei "Wetten, dass ..?" eine Sendung im Nachthemd moderierten. Fühlten Sie sich missverstanden?

Nein, ich hab gesagt, wie blöd sind die, dass die sich über so etwas aufregen?

Waren Sie Ihrer Zeit voraus?

Ja. Als Tommy Gottschalk neulich in "Wetten, dass ...?" im knappen Badeanzug ins Wasser gegangen ist, haben alle gejubelt. Damals hieß es: Wie kann man so was machen? Ich hatte so ein Image, über das ich mich ein bisschen geärgert habe. Peter Frankenfeld durfte alles. Kuli durfte alles. Aber ich durfte gar nichts. Bei Frankenfeld und Kuli kam keine deutsche Mutter auf die Idee, dass das ihr Schwiegersohn werden sollte. Bei mir pausenlos. Darunter hab ich gelitten. Ich musste immer der Brave sein. Da war in einer Show diese sehr füllige junge Dame, und ich habe sie gefragt, was können Sie? Sie sagte: steppen, und als sie dann anfing, sah das so grotesk aus, dass ich bemerkte: Das erinnert mich an die Elefantentanzschule. Na, da ging's aber los!

Sie müssen eingestehen, dass das nicht besonders nonchalant war.

Zugegeben, da hab ich wirklich die Contenance verloren und mich darüber auch geärgert. Aber wenn man sich mal anhört, was der Bohlen da bei "Deutschland sucht den Superstar" loslässt - dafür hätte man uns früher standrechtlich erschossen.

Sie haben oft gesagt, dass Sie sich auf das Alter freuen, weil Sie dann mehr respektiert würden. Fühlten Sie sich nicht respektiert?

Selten. Ich wollte unterschiediche Rollen in meinem Beruf ausprobieren, und fast immer meinte man: Dafür sind Sie zu jung. Ich dachte, verdammt noch mal, hoffentlich werde ich bald älter. Als ich 30 war, hab ich gesagt, ich muss älter werden. Mit 40 auch. Mit 50 auch. Jetzt bin ich 80.

Und kommen trotz aller Bypässe daher wie ein flotter Siebzigjähriger.

Kann ich Ihnen einen besseren Beweis liefern, dass ich ein guter Schauspieler bin?

Wie geht es Ihnen?

Diese Frage ist immer nur sehr augenblicklich zu beantworten. Ich habe einen Slogan für mich erfunden: Jetzt Hosianna - morgen früh Intensivstation. Dazwischen geht es hin und her. Mein Arzt hat gesagt: Wir müssen jetzt vorsichtig sein, wir haben bald keine Ersatzteile mehr.

Wie sehr beschäftigt Sie der Tod?

Eigentlich gar nicht. Ich bin ständig mit dem Tod konfrontiert worden. In den Bombennächten als Kind, an der Front und später, als mein Sohn schwer krank war. Ich habe keine Angst davor und habe meinen Frieden mit mir gemacht. Die letzte Ölung hab ich mir selbst erteilt - und bin damit ganz zufrieden.

Eins möchten wir zum Schluss noch klären: Woher stammt Ihr Spitzname Blacky?

Der kommt aus der Zeit in München, in den Fünfzigern, als ich Erster Nachrichtensprecher beim Bayerischen Rundfunk war. Ein Kollege war krank, und ich musste einspringen. Man hatte mich um vier Uhr morgens im Funkhaus von einer Party geholt, ziemlich blau. Um sechs saß ich halbnüchtern am Mikro und verhaspelte mich gehörig. Trunkenheit am Mikrofon - ein Skandal. Der Programmdirektor zitierte mich zum Rapport und fragte: Was haben Sie denn getrunken? Irgendwas mit Whisky, Black & White, sagte ich, woraufhin er antwortete: Na, wenn Sie mal Vater werden, kriegen Sie kleine Blackys. Das haben einige Journalisten mitbekommen und mich am nächsten Tag in ihren Berichten Joachim "Blacky" Fuchsberger genannt. Das ist die ganze Geschichte.

Interview: Alexander Kühn, Bernd Teichmann / print