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Joanne K. Rowling: Die Herrin von Hogwarts

Mit einer Zugfahrt hat es begonnen: Der Schweizer Literaturwissenschaftler und Harry-Potter-Fan Thomas Bodmer über das Leben, die Magie und den Erfolg von Joanne K. Rowling, der zauberhaftesten Schriftstellerin der Welt.

Nachdenklich legte die 81-Jährige den eben fertig gelesenen Harry-Potter-Band aus der Hand, wandte sich ihrer Enkelin zu und sagte: "Weißt du, was mich furchtbar ärgert? Dass ich vielleicht nicht mehr erleben werde, wie der siebte Band von Harry Potter ausgeht." Der Blick der Enkelin war wenig verständnisvoll und verriet nur: "Sorgen hat die Frau ..." Doch die alte Dame, meine Schwiegermutter, machte bereits Pläne: "Vielleicht gibt es vom Jenseits ja doch eine Verbindung nach hier unten. Wenn ihr also Band 7 lest und ein Kribbeln am Ohr spürt: Das bin dann ich, die euch beim Lesen über die Schulter schaut." Ein größeres Kompliment an die Adresse von Joanne K. Rowling, der Erfinderin von Harry Potter, ist kaum vorstellbar. Die wüsste es schon deshalb zu schätzen, weil ihre eigene Mutter nicht einmal das Erscheinen des ersten Bandes erlebte. Anne Rowling starb am 30. Dezember 1990 an Multipler Sklerose. Sie war erst 45 Jahre alt.

Tod und Verlust sind in allen HP-Bänden von großer Bedeutung. Harry Potter hat als Kleinkind beide Eltern verloren. Erst an seinem elften Geburtstag erfährt er, dass seine Eltern Zauberer waren, und kommt auf die Zaubererschule Hogwarts, die in einer geheimnisvollen Parallelwelt angesiedelt ist. Dort entdeckt er eines Tages einen Spiegel, der dem Hineinblickenden zeigt, was er am liebsten sähe. So sieht Harry nach zehn Jahren zum ersten Mal seine Eltern wieder. Ein so aufwühlender Moment, wie man ihn in einem Kinderbuch nicht erwartet. "Als ich die Szene am Tag nachdem ich das Kapitel abgeschlossen hatte, noch einmal las", gestand Joanne K. Rowling, "war mir fast peinlich, wie viele meiner Gefühle über den Tod meiner Mutter ich Harry gegeben hatte."

Besser geschrieben als die meiste Erwachsenenliteratur

Genau dieser emotionale Tiefgang ist einer der Gründe, weshalb die ursprünglich für Kinder geschriebenen Bücher auch so viele Erwachsene in ihren Bann ziehen. Rowlings Figuren haben ein komplexeres Innenleben als etwa die Gestalten eines John Irving. Und die Potter-Bücher sind unglaublich raffiniert gebaut: Von Anfang an hat Rowling die Saga auf sieben Bände angelegt; eine Figur, die im ersten Kapitel von Band 1 in einem Nebensatz erwähnt wird, erweist sich in Band 3 als Hauptfigur. Mit Lust legt die Autorin falsche Fährten, führt uns an der Nase herum und erweist sich überdies als Meisterin des komischen Fachs. Um es deutlich zu sagen: Die Harry- Potter-Bücher sind besser geschrieben als 97 Prozent der Erwachsenenliteratur.

"Ich genieße es ungeheuer, die Harry- Bücher zu schreiben - wahrscheinlich mehr, als irgendjemand die Lektüre genießt. Beim Schreiben bin ich 99 Prozent der Zeit sehr glücklich." Das erzählte mir Joanne K. Rowling am 23. April 1999 im "Nicolsons", jenem Café in Edinburgh, wo sie den ersten Band "Harry Potter und der Stein der Weisen" geschrieben hatte. Zwanzig Jahre lang war ich Verlagslektor und habe mich mit Literatur beschäftigt. Doch als ich Ende 1998 die ersten Sätze von "Harry Potter and the Philosopher’s Stone" las, ging es mir ähnlich wie bei der Lektüre von Julian Barnes' Meisterwerk "Flauberts Papagei": Da wurde ein Ton angeschlagen, der mich sofort in seinen Bann zog. "Mr and Mrs Dursley, of number four Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much." Vor allem das gesprochen klingende "thank you very much" begeisterte mich: Diese nachgeschobenen vier Wörter charakterisierten die Dursleys vortrefflich in ihrer selbstgefälligen Spießigkeit.

"Nicht länger als zwei bis drei Stunden"

Ich hatte doppeltes Glück, dass ich bereits 1998 von der niederländischen Sängerin Fay Lovsky auf Harry Potter aufmerksam gemacht wurde: Noch war der Hype nicht ausgebrochen, der einem jede Lust nehmen kann, die Bücher zu lesen. Und vor allem: Noch war es möglich, die Autorin zu interviewen. In einem Fax schrieb Rowlings Agent Christopher Little, das Gespräch könne stattfinden unter der Bedingung, dass ich nach Edinburgh fliege und es "nicht länger als zwei bis drei Stunden" dauere. Heute ein absolut unvorstellbarer Luxus - aber damals war eben Band 3, "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", noch nicht erschienen, mit dem der Potter- Wahnsinn erst richtig ausbrach.

Die Frau, die im "Nicolsons" auftauchte, war klein, ihr Gesicht schmal, ihre Augen waren knallblau und hellwach. Sie trug große Ohrringe, war schwarz gekleidet, und ihre Mähne war rotblond gefärbt. Man hatte sie als Spice Girl beschrieben und - natürlich - als Hexe. Dabei war sie einfach eine gut aussehende, witzige, sympathische Frau, die noch immer nicht glauben konnte, was ihr widerfahren war - und schon gar keine Ahnung hatte, was noch auf sie zukam. Sie bestellte ein Bier und zündete sich eine Zigarette an: "Entschuldigen Sie, ich habe eigentlich zu rauchen aufgehört, aber die letzten Monate waren einfach zu verrückt." Wohl eher die letzten Jahre. Joanne Rowling wurde 1965 in Chipping Sodbury geboren - am 31. Juli, wie ihr Geschöpf Harry Potter. Ihr Vater war Flugzeugingenieur, die Mutter zunächst Hausfrau und begeisterte Leserin, danach Chemielaborantin. Joanne und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Dianne wuchsen im idyllischen Forest of Dean auf.

"Hermine ist eine Karikatur von mir"

Bereits mit sechs Jahren begann Joanne zu schreiben. "Mein erstes Buch handelte von einem Kaninchen namens Kaninchen, das die Masern bekam", erzählte sie später. Sie sei gern zur Schule gegangen, weshalb andere Kinder sie als Streberin gepiesackt hätten. "Hermine in den Potter-Büchern ist eine Karikatur von mir. Sie ist allerdings klüger, als ich es damals war." Doch an der Universität Exeter verflüchtigte sich Joannes Begeisterung. Vielleicht weil sie nicht englische Literatur, sondern auf Anraten ihrer Eltern Französisch studierte: "Ich könnte als Fremdsprachensekretärin arbeiten, meinten sie. Tatsächlich war ich in meiner kurzen Zeit als Sekretärin ein Albtraum."

Sehr wichtig aber war ein anderer Kurs, den sie an der Uni belegte: "Griechisch-römische Studien". "Wir lasen Homer und Aischylos in englischer Übersetzung, doch die Journalisten haben später kurzerhand ein Altphilologie-Studium daraus gemacht." Immerhin lernte Rowling damals die griechischen Mythen sehr gut kennen, und sie las während dieser Zeit auch Tolkiens "Herr der Ringe". Nach dem Studium arbeitete sie eine Zeitlang bei Amnesty International in London, sie recherchierte Menschenrechtsverletzungen in französischsprachigen Ländern Afrikas. Daneben schrieb sie an einem Roman für Erwachsene. Und dann kam die Zugfahrt, die ihr Leben auf den Kopf stellen sollte.

Ihr Freund aus Universitätstagen war nach Manchester gezogen, und Joanne wollte ihm folgen. Nach einem Wochenende der ergebnislosen Wohnungssuche war sie im Juni 1990 auf der Rückfahrt von Manchester nach London. "Ich saß im Zug. Plötzlich tauchte aus dem Nichts die Idee 'Zaubererschule' auf. Ich spürte körperlich, wie gut diese Idee war, denn mir sprang das Herz im Leibe. Gleichzeitig spazierte dieser kleine schwarzhaarige Junge in mein Hirn, von dem ich wusste, dass er nicht wusste, was er war."

Seit ihrer Kindheit trug Joanne immer Schreibzeug mit sich. "Der Zug war brechend voll, ich bemühte mich, das Notizbuch hervorzuziehen, ohne die Leute um mich herum anzurempeln, griff zum Stift - und das Ding funktionierte nicht. Doch das hatte auch sein Gutes, denn so verbrachte ich vier Stunden im Zug nur mit Nachdenken. Ich wurde so aufgeregt, dass ich es kaum erwarten konnte, nach Hause zu kommen und zu schreiben.

Sie wollte nur noch eines: weg

Sie schrieb fünf Jahre lang. Schon im Zug war ihr klar geworden, dass die Geschichte sich nicht in einem einzigen Buch unterbringen lassen würde. Sechs Monate nachdem Joanne den ersten Band angefangen hatte, starb ihre Mutter. Dann wurden bei zwei Einbrüchen Erinnerungsstücke an die Mutter gestohlen, und Joanne wollte nur noch eines: weg. Sie nahm in Portugal eine Stelle als Englischlehrerin an, verliebte sich in einen portugiesischen Journalisten, die beiden heirateten im Oktober 1992, bekamen ein Kind, stritten sich und trennten sich im November 1993, keine vier Monate nach der Geburt von Tochter Jessica.

Joanne zog nach Edinburgh, wo ihre Schwester Dianne wohnte. Dort lebte Joanne mit Jessica in einer eisigen Einzimmerwohnung von Sozialhilfe. Sie geriet in eine klassische Armutsfalle: Sie hatte zu wenig Geld, um eine Tagesmutter für ihre Tochter zu bezahlen, und konnte folglich trotz ihrer Ausbildung nicht arbeiten. Jeden Tag schob sie den Kinderwagen so lange durch Edinburgh, bis Jessica einschlief. Nun hatte sie anderthalb Stunden Zeit zu schreiben. Sie ging immer ins selbe Lokal, eben ins "Nicolsons", bestellte einen Espresso und ein Glas Wasser - für mehr reichte das Geld nicht - und schrieb von Hand in ihr Notizbuch, bis Jessica wieder aufwachte. Dass sie auf Servietten geschrieben habe, ist ebenfalls eine Journalistenerfindung.

Zwölf Verlage lehnten das Manuskript ab

Der zweite Literaturagent, den Rowling anschrieb, Christopher Little, nahm das Manuskript der Unbekannten 1995 an und riet ihr, statt ihres Vornamens Initialen zu verwenden: "Jungen wollen keine Bücher von Frauen lesen." Da sie keinen zweiten Vornamen hat, nahm sie den ihrer Großmutter väterlicherseits, Kathleen. Deshalb kennt man sie in England als J. K. und in Deutschland als Joanne K. Rowling. Zwölf Verlage lehnten das Manuskript ab. Dann sagte Bloomsbury zu und bot einen Vorschuss von umgerechnet rund 2200 Euro. Band 1 erschien 1997 in einer Startauflage von 1000 Exemplaren - vom sechsten Band, "Harry Potter und der Halbblutprinz", wurden 2005 in den ersten 24 Stunden weltweit 6,9 Millionen Exemplare verkauft.

Joanne K. Rowling hat nicht vergessen, wie demütigend das Leben als alleinerziehende Sozialhilfeempfängerin war: "Wenn ich auf der Post mein Geld - um die 100 Euro pro Woche - abholte, hatte ich das Gefühl, ein riesiger Neonpfeil zeige auf mich, und ich hoffte immer, die Leute sähen nicht, was genau ich da am Schalter tat." Seit sie reich ist, hat sie allein dem National Council for One Parent Families rund 750.000 Euro gespendet. Sie schrieb zwei Bücher über das von ihr erfundene Spiel Quidditch und über fantastische Wesen. Der gesamte Erlös dieser Bücher - über 22 Millionen Euro - ging an die Organisation Comic Relief, welche die Ärmsten der Armen in aller Welt unterstützt. Rowling gründete ein Zentrum für Multiple-Sklerose-Kranke in Aberdeen und kämpft für eine bessere Behandlung behinderter Kinder, vor allem in den Ländern Osteuropas.

Reicher als die Queen

Mittlerweile besitzt sie je ein Stadthaus in Edinburgh und London und ein Landhaus in der Nähe der schottischen Stadt Perth. Ihr Vermögen wird auf umgerechnet rund 810 Millionen Euro geschätzt. Sie ist reicher als die Queen. Aber als sie sich zu ihrem 40. Geburtstag märchenhafte Diamant-Ohrringe gönnte, musste sie zur Beruhigung ihres Gewissens gleich einen Scheck über denselben Betrag für einen wohltätigen Zweck ausstellen.

Je reicher sie wurde, desto weniger glaubte sie daran, noch einmal zu heiraten. Wie sollte sie erkennen, ob ein Mann tatsächlich an ihr oder nur an ihrem Geld interessiert war? Dann aber traf sie den Arzt Neil Murray, der, wie sie sagt, "eigentlich nie Geld ausgibt. Das ist nicht sein Ding". Die beiden heirateten Ende 2001. Im März 2003 wurde der Sohn David Gordon geboren, im Januar 2005 die Tochter Mackenzie Jean.

Ein Problem mit Sex

Seit der erste Band der Harry-Potter- Reihe erschien, ist nicht nur das Leben der Autorin komplizierter geworden, sondern auch das ihres Helden - und das nicht nur, weil Harrys Gegenspieler Lord Voldemort immer mächtiger wurde. Auch die Pubertät macht ihm zu schaffen. "Das hat mich bei Enid Blytons 'Fünf Freunden' immer so geärgert: Die Frau scheint ein Problem mit Sex gehabt zu haben", sagte Rowling im "Nicolsons". In den "Fünf Freunde"-Büchern und anderen Werken Blytons komme Pubertät nicht vor. "Ich aber möchte, dass Harry und seine Freunde ihre Hormone entdecken. Nicht, dass sie plötzlich Minderjährigen-Sexspiele treiben, das würde nicht zum Ton der ersten Bücher passen. Aber ich will, dass sie älter werden, Freundinnen und Freunde haben und die entsprechenden Gefühle kennenlernen."

Tatsächlich wird Harry in Band 5 von seinen Emotionen dermaßen gebeutelt, dass er sich immer tiefer ins Elend reitet und zum Schluss gar seinem Mentor Professor Dumbledore misstraut. Das Buch hat entschieden mehr Ähnlichkeit mit Musils Internatsroman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" als mit "Fünf Freunde beim Wanderzirkus". "Ich mag keine Fantasy", sagte Rowling. "Da sind die Bösen böse und die Guten gut, und wenn es brenzlig wird, drehen sie an ihrem Zauberring, und schon sind sie gerettet." Das ist ihr zu einfach.

Jane Austen ist die Allergrößte

Zu Rowlings Lieblingsautoren zählt Vladimir Nabokov. Das beste Buch über ihr Werk, "Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte", stammt denn auch von Michael Maar, der sonst nur über Schwerstliteraten wie Marcel Proust und Thomas Mann schreibt. Doch die Allergrößte für Rowling ist Jane Austen: "Sie war die absolute, unerreichte Meisterin der Konstruktion. Ihre Romane entwickeln sich völlig nahtlos, erst wenn Sie zurückblättern, um nachzusehen - und das habe ich wieder und wieder getan -, sehen Sie, wie raffiniert das konstruiert ist. Beim Lesen merken Sie nicht, wie Ihr Blick gelenkt wird."

Genau das beherrscht Rowling wie kein anderer Autor der Gegenwartsliteratur. Sie hat sich dafür viel Zeit genommen. Nachdem Harry 1990 in ihren Kopf spaziert war, musste sie erst einmal herausfinden, was es mit ihm und der Zauberwelt auf sich hatte. "Während ich am ersten Band arbeitete, habe ich zahllose Notizen darüber gemacht, wie Zauberei funktioniert und - ganz, ganz, ganz wichtig - darüber, wo ihre Grenzen sind. Denn wenn einfach alles möglich ist, wird die Sache herzlich langweilig."

Abschied von Harry fällt ihr sehr schwer

Nun hat sie auf ihrer Website www. jkrowling.co.uk angedeutet, dass sie aus diesem Material vielleicht eine Enzyklopädie der Zauberwelt schaffen will, ein Buch, dessen Erlös erneut gespendet würde. Es sei, schreibt sie, einerseits eine große Erleichterung, die Geschichte endlich abzuschließen, an der sie 17 Jahre gearbeitet hat. Andererseits falle ihr der Abschied von Harry und seinen Freunden sehr schwer. Ein Buch für kleinere Kinder ist schon fertig. Es handelt von einem Ungeheuer, Rowling bezeichnete es dem "Tatler" gegenüber als "politisches Märchen".

Doch die Fans beschäftigt derzeit nur, wie Harrys Geschichte endet. Seit Langem werden Wetten abgeschlossen, wer in Band 7 sterben wird. Ausgerechnet Stephen King und John Irving, zwei Autoren, bei denen es eine Menge Tote gibt, haben Rowling beschworen, Harry nicht sterben zu lassen. Natürlich gibt es jetzt schon Hacker, die sich im Internet wichtig machen und behaupten, sie wüssten, wie Band 7 ausgeht. Ich weiß nur eines: Am Samstag, dem 21. Juli, will ich keine Freunde sehen. Auch am Sonntag und am Montag nicht. Meine Frau und ich haben zwei Exemplare des Buchs bestellt, andernfalls wäre unsere Ehe in Gefahr. Wir werden nicht ins Internet gehen, weder fernsehen noch Radio hören, keine Zeitungen lesen - denn als Band 5 erschien, entblödete sich die Schweizer "Sonntagszeitung" nicht, bereits in der Überschrift zu verraten, wer in dem Buch umkommt. Hoffentlich wird das Buch wirklich länger als alle anderen. Denn sosehr ich mich auf "Harry Potter and the Deathly Hallows" freue: Es wird auch der Abschied sein aus einer Welt, die mir so viel Lesegenuss bereitet hat wie nichts sonst in den letzten zehn Jahren.

Thomas Bodmer / print