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Kiefer Sutherland: Droge 24

Jetzt geht das wieder los: die Sucht nach der zweiten Staffel der mörderspannenden Echtzeitserie mit Kiefer Sutherland.

Vielleicht ist es wie mit Chipsletten, Nougatpralinen und anderen harten Drogen: Lieber die Finger davon lassen, ehe die Sucht dich in ihre Klauen nimmt und dein Leben nicht mehr das ist, was es war. Wer will, dass alles beim Alten bleibt, der muss konzentriert weggucken. Denn es ist eine Qual. Und diesmal sogar noch schlimmer als beim ersten Mal.

"24", die preisgekrönte Agenten-Serie aus Amerika, läuft wieder an. Dienstags, viertel nach acht auf RTL2 - überlegen Sie sich gut, ob Sie sich das antun wollen. Schon bei der ersten Staffel gab es Leute, deren natürlicher Lebensrhythmus völlig durcheinander geriet, weil sie keine Folge verpassen wollten. Dreimal die Woche kam diese wahnsinnige Serie, die in Echtzeit gedreht ist und an einem Tag, einem verdammt miesen Tag, im Leben des Antiterror-Agenten Jack Bauer spielt.

Diesmal zeigen sie einmal die Woche eine Doppelfolge, sodass man als Zuschauer wenigstens noch ein bisschen am sozialen Leben teilnehmen kann. Das Prinzip der Serie ist einfach. Kiefer Sutherland, der den saucoolen Bauer spielt, erklärt es dem stern-Leser in all seiner Schlichtheit: "Ein Typ muss von hier nach da gelangen und etwas Bestimmtes schaffen. Wenn ihm das nicht innerhalb von 24 Stunden gelingt, wird etwas Schreckliches passieren." In der ersten Staffel verhinderte Bauer ein Attentat auf einen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten. Dabei wurde seine Frau ermordet. Die war allerdings eine ziemliche Nervensäge. Was die meisten Zuschauer schlimmer getroffen hat, war, dass Bauers Kollegin und Ex-Geliebte Nina Myers sich als die Böse entpuppte.

Ein gutes Jahr später, Jack Bauer hat sich von seiner Antiterror-Abteilung zurückgezogen und ist ziemlich fertig, beginnt die zweite Staffel. Ein nuklearer Terroranschlag ist geplant. In den nächsten 24 Stunden wird in Los Angeles eine Bombe hochgehen. Präsident Palmer, der Jack Bauer sein Leben verdankt, beordert den Agenten zurück in den Dienst. Und dann geht's los: eine üble Folter hier, eine Explosion da, ein intrigantes Weib, ein verdächtiger Bräutigam, ein radioaktiv verstrahlter Agent und ein drohender Weltkrieg - um nur ein paar der Widrigkeiten zu nennen, mit denen es Bauer diesmal zu tun hat. Dieser zweite Tag ist tatsächlich noch viel, viel schlimmer als der erste. Noch spannender, noch überraschender, brutaler, gemeiner, cooler.

Unerträglich. Nichts, was du erwartest, geschieht. Kein Verdacht, den du hast, bestätigt sich. Du bist immer nur komplett erstaunt, auch das Ende ist keine Erlösung, und du fragst dich, wie du die Zeit bis zur dritten Staffel rumbringen sollst und warum diese verdammte Serie nicht "48" oder, besser noch, "Ein verlängertes Wochenende" heißen kann.

"24" sei "wie permanentes Vögeln, ohne je zum Orgasmus zu kommen", sagt die Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Guter Vergleich. "Als wir die erste Staffel drehten, haben wir uns vor Panik fast in die Hosen gemacht", erzählt Kiefer Sutherland dem stern. "Keiner von uns hatte jemals eine Echtzeit-Serie gedreht. Ich war nervös. Bei der zweiten Staffel war unser Ziel, sie noch besser zu machen. Für die dritte konnten wir nur versuchen, die Qualität zu halten. Wir wollten nicht mehr besser, wir wollten bloß nicht schlechter werden." In den USA ist Staffel Nummer drei bereits gelaufen. Wenn ein Amerikaner heute von einem harten Tag nach Hause kommt, sagt er nicht mehr: "Ich bin fertig", sondern: "Ich bin total jackbauer."

Für Kiefer Sutherland bedeutete die Hauptrolle in "24" ein ziemlich unerwartetes Comeback. In den Achtzigern und Neunzigern hatte der Sohn des großartigen Donald Sutherland ein paar ganz gute Filme gemacht. "Flatliners" zum Beispiel. Danach fiel er nur noch unangenehm dadurch auf, dass seine Beziehung zu Julia Roberts ganz kurz vor der geplanten Hochzeit zerbrach. Angeblich, weil er sie betrogen hatte, der Idiot. Dann war Sutherland weg vom Fenster, man hörte mal was von Kokain- und Alkoholproblemen, das interessierte aber so recht kein Schwein.

Vor drei Jahren bekam er das Drehbuch zu "24" und dachte: "Hey, das ist viel zu gut, als dass es funktionieren könnte. Aber ich kann das Geld brauchen." Für seine Rolle, diesen verdammt coolen Hund Bauer, der niemals lächelt und auch mal kurz entschlossen einen wichtigen Zeugen abknallt, hat Sutherland den "Golden Globe" bekommen. Jetzt hat er Schiss vor der vierten Staffel. Denn er fragt sich bang wie alle "24"-Süchtigen: Wie viele schlechte Tage kann ein Typ aushalten?

Ildikó von Kürthy
Mitarbeit: Andrew Berg