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Kinotrend: Englisch erobert die Filmplakate

Bei Filmtiteln wird zunehmend auf die deutsche Sprache verzichtet. Doch anstelle des englischen Originaltitels denken sich die Verleiher immer öfter komplett neue Titel aus - mit teilweise skurrilen Ergebnissen.

Der neue Film des deutschen Regisseurs Wim Wenders läuft unter dem Titel "Don't come knocking" in den deutschen Kinos, Heike Makatsch spielt und singt in einer einheimischen Produktion mit dem Titel "Almost Heaven". Horror-Regisseur George A. Romero schockt die Besucher auch hier zu Lande mit seinem neuen Werk "Land of the Dead", und bald kommt Jim Jarmuschs Tragikomödie "Broken Flowers" unter diesem Titel in die Kinos von Flensburg bis Konstanz. Deutsche Filmtitel gibt es zwar noch, aber sie werden immer seltener.

Christoph Schubert, Anglizist an der Universität Würzburg, hat in einer Studie Filmtitel im Zeitraum von 1994 bis 2002 untersucht. Bei über 47 Prozent der untersuchten Filme wurden die englischen Originaltitel beibehalten. In den zehn Jahren davor waren es nur knapp 37 Prozent. "Der Trend geht dahin, englische Titel für den deutschen Markt zu vereinfachen. So heißt der neue Sandra-Bullock-Film 'Miss Congeniality 2' bei uns 'Miss Undercover 2'", so Schubert.

Verfälschende Übersetzungen

Dieses Verfahren bringt einige kuriose Blüten hervor: So bekam ein brasilianischer Film um einen Mann, der seiner Freundin mit Geld imponieren will und deshalb Banknoten kopiert, nicht den deutschen Titel "Der Mann, der kopiert", was eine exakte Übersetzung des portugiesischsprachigen Originaltitels wäre, sondern firmiert nun in den Kinos unter "The Man who Copied". Und wenn in Kürze das amerikanische Skateboarder-Drama "Dogtown Boys" anläuft, so ist der Film keineswegs unter dieser Bezeichnung jenseits des Atlantiks gezeigt worden, sondern unter "Lords of Dogtown", was einen erheblichen Unterschied ergibt.

Die Praxis, einen englischen Originaltitel für den deutschen Markt in englischer Sprache "griffiger" zu machen, ist keineswegs selten: Aus "Bend it like Beckham" wurde so "Kick it like Beckham", und der wohlklingende Filmtitel "Crouching Tiger - Hidden Dragon" musste die Reduktion auf "Tiger and Dragon" hinnehmen, was als "Tiger und Drachen" auch nicht so schlecht verkäuflich gewesen wäre.

Verschiedene Motive für Beibehaltung des Originaltitels

Im scharfen Kontrast zu der zunehmenden Verwendung englischsprachiger Titel steht die Behandlung französischer, spanischer oder italienischer Filme. Bei Kinoimporten aus diesen und anderen europäischen wie auch außereuropäischen Ländern wird noch meist ein deutscher Titel gesucht und - mehr oder weniger treffend - auch gefunden. Die Verleihfirmen, die entscheiden, unter welchem Titel die Filme ihres Programms auf die Leinwände gelangen, geben verschiedene Motive für die Bevorzugung des Englischen an und reagieren auch verschieden: Tobis Film in Berlin berücksichtigt nach eigener Auskunft bei "Broken Flowers" ausdrücklich den Wunsch von Jim Jarmusch, seine Arbeiten weltweit unter der Originalbetitelung zu zeigen. UIP in Frankfurt am Main, stets mit einigen Filmen und derzeit mit "Don't come knocking" und "Land of the Dead" in den Kinos vertreten, mag hingegen zu diesem Thema überhaupt keine klärende Auskunft geben.

Gerade bei den deutschen Verleih-Niederlassungen der großen Hollywoodstudios wie UIP, Warner und Buena Vista herrscht innerbetrieblich ohnehin eine starke Dominanz des Amerikanischen. Wenn dort über Titel für den deutschen Markt entschieden wird, spielt das keine geringe Rolle. Noch stärker wirken aber wirtschaftliche Erwägungen auf die Entscheidungen ein. Ein Großteil des Publikums ist jung. Diese Altersschicht ist vertraut mit dem Internet und bekommt auf diesem Weg schon früh Informationen über originalbetitelte neue US-Filme, die erst später dann auch in Deutschland anlaufen.

Weltweite Strategie

Eine bedeutsame Rolle bei der Wahl der Kinotitel spielen die zunehmenden Kooperationen zwischen Hollywood-Studios und multinationalen Unternehmen: Wenn letztere für einen Film im Rahmen ihres weltweiten Vertriebsnetzes werben, weil sie sich davon mehr Glanz für die eigenen Produkte versprechen oder auch im jeweiligen Film selbst mit ihrer Marke werbewirksam vertreten sind, dann ist es von Vorteil, überall auf den englischen Titel zurückgreifen zu können. Ferner erfolgt in vielen Ländern, anders als in Deutschland, keine Synchronisation in die jeweilige Sprache, sondern werden fremdsprachige Filme in der Originalversion mit Untertiteln gezeigt.

Letztlich ist es aber die ungebrochen hohe Akzeptanz des Publikums, die es möglich macht, immer öfter gerade amerikanische Filme mit ihren Hollywood-Titeln in die deutschen Kinos zu bringen. Wenn die Verleihfirmen Hinweise bekämen, der Verkauf ihrer Ware könnte durch unverständliche Benennung beeinträchtigt werden, würden sie ihre Geschäftspolitik ganz schnell ändern. Dann würde aus "Star Wars" wieder "Krieg der Sterne", was sich vor 20 Jahren übrigens noch bestens verkaufen ließ.

Bis in die 1980er Jahre wurde den Englischkenntnissen der Deutschen offenbar noch nicht so viel zugetraut: Der Film "Blind Date" wurde mit dem deutschen Untertitel "Verabredung mit einer Unbekannten" versehen. Solche Zusätze und Untertitel haben sogar zugenommen, allerdings wesentlich geringer als die identische Übernahme der Titel. Heute würde der Titel "Blind Date" auch ohne deutschen Untertitel auskommen. Wörtliche Übersetzungen wie "Geboren am 4. Juli" waren in der Vergangenheit gängig, nehmen aber stetig ab.

che mit Material von AP