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Marianne Faithfull: "Nie geglaubt, sechzig zu werden"

Mit 15 wurde sie berühmt. Mit 30 war sie fast tot. Und mit 61 brilliert sie als wichsende Oma in dem Film "Irina Palm". Marianne Faithfull schaut auf ein turbulentes Leben zurück, in dem keine Zeit blieb, für die Rente zu sparen.

Von Claus Lutterbeck

Da steht sie und singt, stampft mit ihren schwarzen Lackstiefeln auf die Bühne und klammert sich ans Mikrofon wie an einen Rettungsring. Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt noch stehen und singen kann, eigentlich hätte Marianne Faithfull, 61, schon hundert Mal tot sein müssen, verreckt an Heroin und allem, was sonst noch verboten ist. Und längst begraben, irgendwo auf einem Londoner Armenfriedhof.

Nun ist sie wieder auf Tournee. Antwerpen, ein anonymer Saal gleich neben dem Bahnhof. "Oh doctor please" röhrt sie in den Raum, "I drink and I take drugs, I love sex and I move around a lot." Eigentlich kann man sowas nach fünfzig Jahren voller Oh-Baby-I'm-high-and-down-Gejaule kaum noch hören, aber wenn die Faithfull es singt, wirkt es beängstigend echt und verzweifelt. Ihre Stimme ist zerfräst von Whisky, Rauschgift, Verzweiflung, Kippen, LSD, Valium, Hustensaft, Einsamkeit und Koks.

Eine Stimme voller Wunden

Diese rauchige Stimme. "Sie hat mir all den Ärger eingebrockt." Aber ihr verdankt sie auch, immer noch am Leben zu sein. Eine Stimme voller Scharten und Wunden, wie das Leben dieser kleinen Frau, die gerade wieder mal groß rauskommt. Als Schauspielerin in "Irina Palm" ist sie ab 14. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

Sie tanzt ein paar ungelenke Schritte, greift in ihre blonde Mähne und wirft sie theatralisch zurück. Auch nach 45 Jahren im Geschäft ist die Faithfull unfähig zur Show. Sie inszeniert sich nicht, sie singt jeden Abend um ihr Leben. "Wir lieben dich", schreit ein Zuschauer zu ihr hinauf. Erschöpft und nassgeschwitzt stellt sie sich in ihrem kurzen Sackkleid vor einen Ventilator und lässt sich kühlen. "Ich brauch' jetzt einen Tee mit Honig", krächzt sie, und dann leise: "Das war nicht immer so." Nur eine Handvoll Leute wagt zu lachen.

Kräutertee statt Heroin

Früher hätte sie jetzt etwas Speed genommen, hätte ein paar Mandrax mit Wodka geschluckt, vielleicht noch zwei Nasen gezogen oder sich so viel Heroin gespritzt, bis sie hinter der Bühne in einen Eimer gekotzt hätte. Früher hätte sie sich irgendwo anlehnen müssen, heute steht sie breitbeinig vor ihrer Band, blond, klein, füllig, und trinkt Kräutertee. Als ein paar grauhaarige Fans als Zugabe noch "Sister Morphine" hören wollen, winkt sie müde ab. Ihre frostige Hymne an die Droge will sie nicht mehr singen: "Wir machen einen anderen Song heute Abend, okay?"

Anderntags sitzen wir im Frühstücksraum eines Antwerpener Luxus-Hotels, die Faithfull trägt ein quietschrosa Chanel-Jäckchen, darunter ein durchsichtige rosa Bluse und einen schwarzen BH. Es ist elf Uhr morgens, ihre Augen sind klein, übermüdet und rot gerändert, die Hände zittern leicht. Sie ist nervös, weil sie gerade mal wieder versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Auf dem linken Arm klebt ein Nikotin-Pflaster, es soll die letzte Sucht bekämpfen, die sie noch plagt. "Ich bin clean seit 20 Jahren, aber ganz ohne Narben ging es nicht." Sie hustet lang, ein tiefes Grollen aus der Brust. Im vergangenen Herbst wurde Brustkrebs diagnostiziert, "Gottseidank hat man ihn früh erkannt, ich hab's wohl grade noch mal geschafft". Seit Jahren ist sie HIV-positiv, "derzeit geht's mir gut, Inschallah, eines Tages wird mich der Virus kriegen, aber der Tag ist noch nicht da."

Kämpfen macht alles noch schlimmer

Wenn man 20 Jahre lang so rabiat versucht hat, sich zu zerstören, wie kämpft man sich dann wieder zurück ins Leben? Kämpfen, sagt sie, sei so ziemlich das Dümmste, was man machen könne, wenn man im Dreck steckt. "Wenn du kämpfst, machst du alles noch viel schlimmer." Früher habe sie das Leben auch als Schlacht begriffen, und "das Ergebnis war, dass ich in der Hölle gelandet bin". Erst seit sie Therapien macht und zu Psychiatern geht, hat sie begriffen, dass sie ihrer Sucht, dem Absturz, der Selbstmordgefahr und den Krankheiten nicht davon laufen kann. "Du musst jede Niederlage einstecken. Ergib dich! Nimm das Leben, wie es ist, und wenn die Realität Krebs heißt, dann akzeptiere sie, sonst frisst sie dich."

Eigentlich hat sie keine Lust, über diesen "Scheißbalanceakt" zu reden, der ihr Leben ist. Was sie darüber zu sagen hat, schreit sie lieber raus, wie in "Broken English", ihrem schwarzen Song von 1980, zu dem Ulrike Meinhof von der Roten Armee Fraktion sie inspiriert hat: "Blockierte Emotionen machen die Leute zu Junkies oder Terroristen." Erst recht hat sie keine Lust, über Mick Jagger zu reden, mit dem sie fünf wilde Jahre lang befreundet war, als die Rolling Stones gerade zur Superband aufstiegen. "Ich habe alles schon zehn Millionen Mal gesagt."

"Ich wollte nie berühmt sein"

Wie eine Flut ist damals der Ruhm über sie hereingebrochen, wehren konnte sich die schüchterne Fünfzehnjährige nicht: "Ich wollte ja nie berühmt sein", sagt sie, "ich habe erst viele Jahre später in der Drogentherapie kapiert, was damals los war." Bis dahin hatte sie bei Schulfesten ein paar brave Folksongs gesungen. Dann entdeckte der Stones-Produzent den "blonden Engel mit den großen Titten" auf einer Party, stellte ihn mit einer Gitarre auf die Bühne und ließ ihn nette Lieder singen wie "As Tears go By". Das Lied wurde zum Hit, Marianne zur Geliebten von Jagger, und alles ging nun so schnell bergauf/bergab, dass sie sich noch heute schüttelt: "Das Leben in der Öffentlichkeit war die Hölle." Zur Entspannung las sie damals den Marquis de Sade und seufzte zufrieden: "Es hätte ja noch schlimmer kommen können." Anfangs betäubte sie sich mit Geld, verprasste ein "paar tausend Pfund in einer dreiviertel Stunde" oder flog mit Mick schnell mal in die Karibik, um eine Insel zu kaufen. "Ich war eigentlich noch ein Kind", schrieb sie später in ihrer Autobiografie, "und viel zu jung und naiv für das Lotterleben im Swinging London der sechziger Jahre". Die Stones konnten gut leben mit "der Tyrannei des Hip-Seins". Die Faithfull zerbrach daran.

Jahrelang lebte sie als Pennerin in den Straßen von Soho. Saß auf dem Mäuerchen eines zerbombten Hauses, lebte von einem Schuss zum nächsten und verlor das Sorgerecht für ihren Sohn Nicholas. Sie war auf dem Nullpunkt, aber selbst heute denkt sie noch mit einer gewissen Wehmut daran zurück: "Keiner kannte mich, die Anonymität war das Schönste."

Sehnsucht nach einem besseren Leben

Ihr Vater Glynn war nach dem Krieg britischer Geheimdienstoffizier in Wien, dort lernte er die junge Baroness Eva Erisso kennen, eine Nichte des Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch. Die hübsche Tänzerin war beim Einmarsch der Russen vergewaltigt worden und sehnte sich nach Normalität, Brot und einem besseren Leben, nur zu gern zog sie mit dem charmanten Spion nach England.

Es war eine Mesalliance der schrägsten Sorte, denn sie heiratete in eine völlig verrückte Familie. Großvater Faithfull war selbsternannter Sexualwissenschaftler und mit einer Zirkustänzerin durchgebrannt, er hatte einen Apparat erfunden, die "Frigiditätsmaschine", mit der er die verdrängte Libido seiner verklemmten Zeitgenossen freisetzen wollte. Und er hatte den Tick, nie zu baden. Er sei der "schrecklichste, schmutzigste alte Mann auf Gottes Erdboden", beschwerte sich die Schwiegertochter. Vater Glynn war ein gelehriger Schüler der wirren Sexualtheorien, mit seiner adligen österreichischen Frau verstand er sich nie. Als jüngst ihre Cousine Barbara starb, erbte Marianne ihren Titel, "Baroness von Sacher-Masoch" steht nun in ihrem Pass: "Ich bin die letzte Blume der dekadenten Sippe."

Ein Leben lang auf der Flucht vor sich selbst

Die Kindheit unter lauter Exzentrikern hat sie geprägt, ein Leben lang ist sie vor sich selbst weg gelaufen, aber es gelang ihr immer exzellent, in fremde Rollen zu schlüpfen. "Irina Palm" erzählt die Geschichte von Maggie, einer Frau aus der Londoner Arbeiterklasse, die versucht, ihren todkranken Enkel zu retten. Weil die Operation teuer ist, braucht sie schnell Geld, viel Geld. Die Sechzigjährige findet einen Job in einem Sexclub. Dort stecken die Männer ihren Penis durch ein Loch in der Wand, dahinter sitzt Großmutter Maggie, gespielt von Marianne Faithfull, in ihrer Kittelschürze und legt so geschickt Hand an, dass die Kundschaft bald Schlange steht, um von ihr bedient zu werden.

Der Rest ist schnell erzählt: Am Ende wird der Enkel gerettet und der sympathische Besitzer von "Sexy World" verliebt sich in die Großmutter. Um den Film müsste man eigentlich einen großen Bogen machen, ihn rettet nur eine außergewöhnliche Marianne Faithfull. Sie spielt die wichsende Oma so lakonisch und glaubwürdig, dass man streckenweise vergisst, wie dünn das Drehbuch ist.

Nun steht sie wieder im Rampenlicht, aber eigentlich versuche sie seit 40 Jahren, "unter dem Radar zu fliegen". Warum zieht sie dann herum und singt, obwohl sie dieses "lausige Popmusikbusiness" schon immer satt hatte? "Honey, glaubst du etwa, ich hätte für meine Rente gespart? Ich hab doch nie geglaubt, dass ich jemals sechzig werde."