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Die Medienkolumne: Das Aschenputtel vom Reißbrett

Mit der Telenovela "Anna und die Liebe" will Sat1 den Quotenerfolg "Verliebt in Berlin" kopieren. Doch der Plot geht nicht über die Adaption eines Kindermärchens hinaus, Besetzung und Dialoge bedienen zuverlässig alle gängigen Klischees. Schön, dass es trotz alledem etwas zu lernen gibt.

Von Bernd Gäbler

Die Promotion läuft auf Hochtouren: Auf der Website von Sat1 blinken Ankündigungen in kreischendem Pink. Die Presse berichtet ausdauernd und in den Talkshows sitzen die Hauptdarsteller und bewerben die heute startende Telenovela "Anna und die Liebe". "Endlich wieder Telenovela-Fieber", heißt es bei Sat1. Doch von extatischer Freude kann keine Rede sein, wenn man sich die Preview der ersten Folge ansieht, die online bereits seit Tagen zur Verfügung steht. Der einzige Grund, aus dem man sich die neue Serie ansehen sollte: Der Plot, die Besetzung und die Dialoge lassen Rückschlüsse darauf zu, wie die heutige Generation der TV-Macher tickt. Nämlich furchtbar simpel.

In der Telenovela "Verliebt in Berlin" landete Alexandra Neldel, mit dicker Brille und Zahnspange zum hässlichen Entlein Lisa Plenske verunstaltet, einen Quotenerfolg. Der soll nun wiederholt werden. Damals durfte sich das zum schönen Schwan gereifte Mädchen am Ende den Märchenprinzen nach freiem Willen aussuchen. Dann war Schluss. Alle Fortsetzungen ohne die Hauptdarstellerin scheiterten erbärmlich. Darum gibt es jetzt einen neuen Anlauf mit neuer Besetzung.

Kindermärchen im Telenovela-Format

Woher aber sollte man einen ähnlichen Plot nehmen? Ganz einfach, man muss nur ein wenig in den alten Bücherkisten wühlen und trifft früher oder später auf eine Geschichte, die sich als Grundlage vortrefflich eignen dürfte: auf "Aschenputtel". Sie ist tief verankert in der gesamten europäischen Kultur und von Walt Disney als "Cinderella" im Biedermeier der fünfziger Jahre zu Weltruhm gekommen. Nehmen wir also einfach das Werk der Brüder Grimm, inklusive bösem Schwiegervater und garstiger Stiefschwester und schreiben daraus ein neues - und irgendwie uraltes - Drehbuch.

Die dunkle Gegenwart, ein Café, in dem Aschenputtel putzt und bedient, heißt wie im Märchen "Goldelse". Das Schloss, die verheißungsvolle Gegenwelt, ist heutzutage eine Werbeagentur, der Prinz dort Juniorchef. Man ist reich und schön, vor allem aber "kreativ". Das sieht so aus: In "Meetings" oder im Café verdrehen alle die Augen und schauen schräg nach oben, dann kommen Ideen, mit denen man sich zugleich selbst verwirklicht. Dem Zuschauer wird von Anfang an garantiert, dass Aschenputtel das Zeug dazu hat, mitzuhalten. Das Schloss - nein, die Werbeagentur - ist aber zugleich ein Hort böser Intrigen: Der König hat eine Geliebte, die Königin will sein Reich und der Märchenprinz ist noch verblendet. Das Fernsehen ist eine unfassbar infantilisierende Anstalt.

Breitwandig den Mainstream treffen

Wer soll sich dieses Märchen-Remake ansehen, fragt man sich? Was hat diese scheue TV-Cinderella mit der Gegenwart zu tun? "Fast 50 Prozent der Deutschen schätzen sich selbst als schüchtern ein", verkündet stolz der Produzent Christian Popp. Und erst recht die heranwachsenden Mädchen. Bestens mit Umfrage-Ergebnissen abgesichert, hat Popp seine Zielgruppe sicher im Visier, wenn diesmal nicht "hässlich" und "schön", sondern "schüchtern" und "selbstbewusst" zu den Polen des "Coming out" erklärt werden.

Richtig viel Mühe haben sich die Macher der neuen Telenovela beim Titel gegeben: Das große Wort "Liebe" sollte rein - "Aschenputtel" ging natürlich nicht. Und der Name der Heldin? Maria wäre zu katholisch. Rein und einfach, auf keinen Fall exotisch oder kontrovers - so muss er sein: "Anna" ist wunderbar. "Anna und die Liebe" - simpler geht's kaum. Muss noch ein Logo her: Ein Herzchen, das ist es doch! So liegt alles auf der Hand. Die Aufgabe des Produzenten lautet: breitwandig den Mainstream treffen, nur Türen einrennen, die bereits sperrangelweit offen stehen, alles Bewährte kopieren, unbedingt affirmativ sein, bloß keinen Zuschauer überraschen.

Halbnackte Rock-Röhre mimt Aschenputtel

Doch all das sind ja nur die Nebenschauplätze. Das Wichtigste ist die Heldin. Mit Alexandra Neldel war damals dem Publikum garantiert worden, dass - wie absurd auch immer die Verunstaltungen durch die Maske anfangs waren - am Ende die Schönheit siegen würde. Allerdings konnte Neldel ja sogar schauspielern. Hier nun soll Jeanette Biedermann aufdringlich zur Identifikation einladen. Sie wurde schon als die "deutsche Britney Spears" gehandelt und versuchte sich lasziv als halbnackte Rock-Röhre. Leider ist ihr schauspielerisches Repertoire so begrenzt, dass man ihr das schüchterne Aschenputtel keine Zehntelsekunde lang abnimmt. Entsprechend hölzern gerät, was die Produzenten den "Magic Moment" nennen, also die erste Begegnung mit der großen Liebe.

Auch dieser Märchenprinz, der natürlich seine Zeit braucht, bis "er erkennt, was wahre Gefühle sind" ist herrlich kalkuliert besetzt: Roy Peter Link muss man nicht kennen, aber der einschlägigen Kundschaft ist er bestens vertraut. In "Marienhof", "Unter uns" und "Rote Rosen" war er bereits mit von der Partie. Hinzu kommt Mathieu Carrière, der einst verheißungsvoll in Volker Schlöndorffs "Der junge Törless" startete und nun den Karl-May-Festspielen abgeluchst wurde. Und dann ist da noch ein echter "Superstar": Alexander Klaws, dem Dieter Bohlen einst "Take me tonight" diktierte, spielt in der Telenovela den netten Freund Lars. "Meine Vorstellung von einem Superstar ist nun mal, dass er vielseitig ist", gibt Klaws arglos zu Protokoll und ergänzt: "Ich will meiner Rolle so viel Persönlichkeit wie möglich geben." Da ist nur leider keine.

Selbstauslöschung jeder Kunst

Eine TV-Serie oder Telenovela muss nicht die Qualitäten eines Fassbinder-Filmes haben. Kein Quentin Tarantino muss Regie führen, kein Armin Müller-Stahl mitspielen. Die Produktion selbst darf seriell sein. Aber selbst im Kunsthandwerk taucht, wenn es denn überzeugend ist, noch ein kleiner Überschuss an Können auf, ein Quäntchen Persönlichkeit der Macher, eine Ahnung des Möglichen. Hier, bei "Anna und die Liebe" kommt alles vom Reißbrett. Jedes Detail ist pures Kalkül. Keiner verlangt Subversivität, aber hier wird jeder Esprit in Schema und Klischee erstickt. Sollte diese Selbstauslöschung jeder Kunst als Quotenbringer tatsächlich funktionieren, spräche das auch gegen das Publikum.

"Anna und die Liebe" startet heute um 19 Uhr und läuft ab sofort immer montags bis freitags auf Sat1

  • Bernd Gäbler