Medienkolumne

Die Medienkolumne Der "Fall Emig" - auch ein Fall ARD?


In dieser Woche wird der Prozess gegen den ehemaligen Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, fortgesetzt. Der Fall um Bestechung und Untreue ist nicht nur von regionaler Bedeutung. Denn es gibt Indizien dafür, dass der Fall nicht nur den HR, sondern auch die ARD betreffen könnte.
Von Bernd Gäbler

Die Anklage

Hundert Seiten stark ist die Anklageschrift. Bestechlichkeit, Betrug und Untreue - so lauten die Vorwürfe gegen Jürgen Emig. Für hessische Sportveranstalter sollen TV-Übertragungen käuflich gewesen sein; die Agentur Sport Marketing & Produktion GmbH (SMP), die Emig verdeckt gegründet hatte, besorgte Sponsorengelder; Veranstalter und Sponsoren zahlten als "Beistellungen" bezeichnete Gelder für die TV-Produktionen des HR und sollen im Gegenzug privilegiert ins Bild gerückt worden sein. Insgesamt 625.000 Euro habe das Ehepaar Emig dabei für die Vermittlung kassiert. Obwohl die Tatbestände also gravierend sind, ist die Anklage begrenzt: auf die Jahre von 2000 bis 2004, auf die Aktivitäten der Firma SMP, an der Emigs Gattin Atlanta gemeinsam mit dem ehemaligen Tanzsportpräsidenten Harald Frahm geschäftsführend beteiligt war und auf das Hessische. Auch wenn Emigs Geldmaschine, die Agentur SMP, bei der ARD tatsächlich nicht zum Zuge kam: Der Senderverbund ist keineswegs fein raus.

Was bisher geschah

Schon am ersten Prozesstag hat sich Jürgen Emig zur Sache geäußert. In allgemeinen Worten und juristisch wenig fassbar sprach er von eigenen "Fehlern" und "Grauzonen", die es gegeben habe, vor allem aber zeigte er auf den Hessischen Rundfunk als Schuldigen. Es habe ein "System HR" gegeben, dem er nützlich gedient habe. Außerdem zeigte sich, dass die Freundschaft mit seinem ehemaligen Beschaffungskompagnon Harald Frahm zerbrochen ist. Nun verteidigt jeder vor allem sich selbst. Frahm stellt sich als im Grunde willenlosen Strohmann Emigs dar, der stets nur auf dessen Geheiß gehandelt habe. Der frühere MDR-Sportchef Wilfried Mohren, der Emigs Erfahrungen beispielsweise aus dem Radrennen "Rund um den Henniger Turm" schöpferisch auf die Übertragung der "Friedensfahrt" angewendet haben soll und deswegen ebenfalls strafrechtlich verfolgt wird, wird als Zeuge nicht zur Verfügung stehen - er muss sich nicht selbst belasten.

Einige interessante Erkenntnisse förderte der Prozess aber auch schon zu Tage. Während Emig generell verneinte, gegen Bezahlung redaktionelle Zugeständnisse gemacht zu haben, tauchten E-Mails der Firma SMP aus dem Jahre 2003 auf, in denen dem beschaulichen Städtchen Friedberg gegen Zahlung von 12.000 Euro ein zweiminütiges Stadtporträt zur "Ironman"-Übertragung zugesichert wurde. Zehn Prozent Provision erhielt dafür Emigs Ehefrau. Man darf davon ausgehen, dass nicht jede dieser Vereinbarungen auch per Mail schriftlich fixiert wurde. Zusicherungen für eine kameragerechte Platzierung von Werbebannern habe es aber nicht gegeben, wollte Radsport-Veranstalter Bernd Moos-Achenbach den Angeklagten entlasten. Schon der "dynamische Rennverlauf" lasse dies nicht zu. Als hätten nicht alle Fahrer zur Bergwertung an der Kittelhütte vorbei gemusst, wo dann wie zufällig die Plakate des Rhein-Main-Verkehrsverbundes hingen, der im Jahr 2002 dafür 60.000 Euro zahlte.

Neue Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, trotz des laufenden Prozesses weitere Ermittlungen anzustellen. Hilfreich dabei dürfte sein, dass Harald Frahm und Jürgen Emig nicht mehr zusammenhalten. Als kaum hilfreich dürfte sich Martin Buchhorn, der ehemaliger Fernsehspielchef des Saarländischen Rundfunks (SR), erweisen, der mit dem Sender inzwischen tief zerstritten ist und dem Richter gerne alles erzählen möchte, was er über Schleichwerbung weiß. Da gibt es andere, stärker Erfolg versprechende Spuren.

Verdachtsmoment Tanzen

Harald Frahm war Präsident des Deutschen Tanzsportverbandes und der HR über das Regionale hinaus auch für manche Tanzsportübertragung der ARD zuständig. Frahm ist aussagewillig. Haben sich hier die Geschäftsbeziehungen zu Emig angebahnt? Gab es Bestechung wirklich nur, wenn das Tanzen hessisch war? Sahen die Verträge fundamental anders aus, wenn es um bundesweite Ausstrahlung in der ARD ging?

Verdachtsmoment Auto

Zur Rechtfertigung seines Tuns gab es im Prozess eine interessante Aussage von Jürgen Emig, deren Wahrheitsgehalt zumindest überprüft werden sollte. Über Jahre hinweg, erklärte Emig, habe er dafür gesorgt, dass die Berichterstattung des HR über die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt den Sender de facto nichts gekostet habe. Der HR war aber auch für die ARD-Berichterstattung zuständig. Verwundern konnte es einen schon, wie selbstverständlich der HR jeweils sein IAA-Studio auf dem Opel-Stand einrichten durfte. War es tatsächlich so, dass diejenigen, über die kritisch und unabhängig hätte berichtet werden sollte, die Kosten dafür übernahmen? Hat Jürgen Emig dafür gesorgt und war der Sender damit einverstanden? Damit wäre das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf den Kopf gestellt worden. Hier ist noch manches zu klären. Lange Zeit unterhielt der HR als eine der kleinsten ARD-Anstalten einen der größten Wagenparks. Zufällig fuhr man Opel.

Verdachtsmoment "Tatort"

Gegenstand des Prozesses ist auch der "Frankfurt-Messe-Marathon". Allerdings nur bis zum Jahr 2004. Die Finanzierung der Veranstaltung aber geht schon deshalb auch die ARD an, weil mit dem Lauf im Jahr danach eine sehr schöne "Tatort"-Produktion verbunden war. Der achte Fall des Ermittler-Duos Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) wurde am Abend des 29. Oktober 2006 ausgestrahlt. "Das letzte Rennen" war ein guter Krimi, der zum Teil schon auf dem Frankfurt-Marathon 2005 gedreht worden war; Jörg Schüttauf hatte ganz schön rennen müssen. Man muss kein staatsanwaltlicher Ermittler sein, sondern jedem einfachen Zuschauer fiel auf, wie penetrant die Laufschuh-Marke Asics ins Bild gerückt wurde. Selbst auf Promo-Fotos für den Krimi wurden Asics-Luftballons ins Bild gehalten. Jürgen Emig war schon als Sportchef suspendiert. Hatte er noch den Sponsor für den Laufveranstalter besorgt, der dann mit Schleichwerbung im ARD-"Tatort" entlohnt wurde? Bei der ARD fühlt man sich diesbezüglich nicht zuständig und verweist auf den redaktionell zuständigen HR.

Nicht nur für den Prozess selbst, auch für den HR und die ARD insgesamt wäre ein umfassende Aufklärung gut. In den öffentlich-rechtlichen Anstalten muss eine Kultur der Offenheit entstehen, in der Grauzonen ausgeleuchtet werden, Dubioses gar nicht erst zugelassen und Kriminelles energisch bekämpft wird.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker