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Michael Haneke im Interview: "Sentimentalität ist mir peinlich"

Man muss sich Michael Haneke als einen glücklichen Menschen vorstellen - auch wenn seine Filme gar nicht so aussehen. Ein Gespräch über "Liebe", Filmtitel und Susanne Lothar.

Von Sophie Albers

Haneke: Alle Fragen, die Interpretationen anbelangen, bitte nicht fragen. Ich werde den Teufel tun und darauf antworten. (lacht) Was der Film will, muss jeder für sich herausfinden.

Warum haben Sie "Liebe" gedreht?
Weil es ein persönliches Erlebnis in der Familie gab, das mich sehr bewegt hat: Wie gehe ich mit dem Leiden eines Menschen um, den ich liebe? Das war der Ausgangspunkt. Die ganzen Themenkreise, die sich dazu öffnen, haben sich ergeben. Grundsätzlich hasse ich Filme, die Statements von sich geben. Das ist meistens blöd. (lacht) Ein Film sollte ein Dialog sein zwischen dem Macher und dem Rezipienten. Und der Dialog besteht darin, dass der Rezipient mit den Fragen, die er sich aneignet, etwas anfängt.

Aber wenn Sie im Dialog denken, müssen sie doch zumindest eine Vorstellung von den Antworten haben?
Ja, aber die sind ja hoffentlich unterschiedlich. Ambiguität ist künstlerisch wesentlich interessanter als Eindeutigkeit. Ich will keine Antworten diktieren. Deshalb ist in meinen Filmen ja auch oft die Lösung verweigert, weil der Zuschauer dann anfängt, ein bisschen darüber nachzudenken, wer es denn nun gewesen sein könnte. Anders ist es langweilig.

Der Titel "Liebe" klingt aber sehr eindeutig.
Ich hatte eine ganze Liste an Titelvorschlägen. Dann saßen wir beim Mittagessen in Paris mit dem Jean-Louis (Trintignant, Hauptdarsteller, Anm.d.Red.), und der hat gesagt: "Der Film handelt doch von Liebe, warum nennst du ihn nicht 'Liebe'?" Ich war sehr glücklich über die "Liebe". (lacht laut) Beim "Weißen Band" war ich immer gegen diesen Titel. Ich dachte, das klingt nach Schneiderwerkstatt, aber dann hat es ja gut funktioniert.

Herr Haneke, ich habe Sie mir ehrlich gesagt strenger vorgestellt.
Doch, ich bin streng, aber mir ist nichts Besseres eingefallen. Schauen Sie, ich kann ja nicht befehlen. Bei "Funny Games" war von vornherein klar, dass der so heißt. Das war der richtige Titel, aber es gibt Titel, bei denen man sich nicht so sicher ist. Titel finden ist das Unangenehmste. Er soll die Leute neugierig machen und ins Kino bringen, er soll den Film nicht verraten, sondern bündeln, ohne dass er ein Program ist . Das ist gar nicht so leicht.

Soll ein Film unterhalten?
Jeder Film soll unterhalten, jedes Theaterstück, jedes Musikstück. Fragt sich nur auf welchem Niveau. Die Matthäus-Passion ist auch Unterhaltung. Wenn sie nicht unterhaltsam wäre, wäre sie langweilig, und das ist sie nicht.

Warum spielt "Liebe" in Paris?
Wegen Jean-Louis Trintignant. Ich habe das Buch für ihn geschrieben, weil ich mit ihm arbeiten wollte. Ich wüsste weltweit niemanden, der die Rolle so spielen kann. Ich hatte mein ganzes Leben lang zwei Lieblingsschauspieler: Marlon Brando und ihn. Die haben beide so ein Geheimnis, das man nicht restlos entschlüsseln kann. Das bleibt immer, egal was sie spielen. Außerdem geht es immer auch um Produktonsbedingungen, und in Paris ist es leichter, Geld aufzutreiben als in Österreich.

Was war das Schwierigste bei der Inszenierung?
Ich sehe zwei Gefahrenquellen: zum einen die Sentimentalität und zum anderen den Miserabilismus, dass man sich badet im Degoutanten und Schrecklichen. Man kann jemandem stundenlang zuschauen, wie ihm der Arsch ausgewischt wird, aber das interessiert mich nicht. Sondern die emotionale Komponente. Dass der Film jetzt doch gut ankommt, liegt wohl auch daran, dass dieses Gleichgewicht gewahrt ist, zwischen dem, was notwendig ist zu zeigen und dem, was man ignorieren kann, weil man es ohnehin weiß. Die große Gefahr ist, dass man auf das Sentiment drückt. Aber das kann ich ja ganz gut unterdrücken (lacht laut) Ich bin allergisch auf Sentimentalität, auch im Privatleben halte ich das schlecht aus. Das ist mir immer ein bisschen peinlich.

Warum?
Was ist Sentimentalität? Das ist vorgeschütztes, falsches Gefühl. Jemand drückt auf etwas, das unangemessen ist. Mehr Gefühl als gerechtfertigt.

Ärgert es Sie, wenn es nun heißt, Sie seien in der soften Phase?
Nein, ich ärgere mich überhaupt selten über solche Bennungen. Wenn man mir jetzt Altersweisheit unterstellt, soll es mir auch recht sein. Warten wir den nächsten Film ab, dann werden wir sehen, wie weise ich bleibe. Es ist der gleiche Kopf, der die anderen Filme gemacht hat.

Was haben Sie eigentlich gegen abgeschlossene Geschichten?
Das Leben ist nicht so.

Macht die Ambivalenz das Leben leichter oder schiweriger?
Das normale Leben macht es natürlich schwierig, aber das Leben ist ja schwierig. Im Leben ist nichts eindeutig, nur in schlechten Filmen, schlechten Büchern, schlechten Theaterstücken. Politiker sind eindeutig, die wissen immer wie es geht. Darum sind wir dort, wo wir sind.

Nach Ulrich Mühe haben Sie mit Susanne Lothar eine Ihrer Lieblingsdarstellerinnen verloren...
Das ist wirklich eine menschliche Tragödie, eine Familientragödie. Am Schlimmsten ist es für die Kinder. Erst den Vater unter schrecklichen Umständen zu verlieren und jetzt die Mutter. Ich war natürlich geschockt. Aber was kann man da sagen? Abgesehen davon dass es wirklich gute Freunde waren, waren es auch meine zwei Lieblingsschauspieler. Uli war ja sozusagen mein Alter Ego im Kino, und die Suse, ohne sie hätte es die Rolle im "Weißen Band" nicht gegeben. Das waren wirklich große Schauspieler. Es gibt nicht viele auf diesem Niveau. Man kann nichts dazu sagen. Wir wissen alle, dass es schrecklich ist, aber man kann nur Klischees äußern.