HOME

Was von den Oscars 2015 bleibt: Die Academy macht auf Merkel, die Sieger auf Revolution

Bloß keine Politik, ein halbnackter Neil Patrick Harris muss reichen: Die Oscar-Nacht 2015 wird als durchschnittlich in Erinnerung bleiben. Wären da nicht die politischen Dankesreden der Gewinner.

Von Jens Maier

Es gibt Oscar-Momente für die Ewigkeit. Die rührenden zum Beispiel: Eine in Tränen aufgelöste Gwyneth Paltrow, die vor lauter Heulen für ihren ersten Oscar 1999 kaum mehr einen Ton herausbekommt. Die Starken: Als 2002 mit Denzel Washington und Halle Berry zum ersten Mal in der Geschichte der Academy Awards zwei Afroamerikaner die Preise als bester Hauptdarsteller erhalten. Oder die lustigen: Wie im vergangenen Jahr, als Gastgeberin Ellen DeGeneres das wohl bekannteste Selfie aller Zeiten schoss.

Und dann gibt es Oscar-Momente, die eher wie eine Ben-Stiller-Komödie wirken. Ganz nett anzuschauen zwar, aber nicht nachhaltig beeindruckend. Kein Aha-Moment, keine großen Gefühle, keine Gänsehaut. Die Oscar-Nacht 2015 hatte leider sehr viele dieser eher schwachen Augenblicke. Moderator Neil Patrick Harris sorgte zwar für einige Lacher, zum Beispiel als er in Unterhose auf der Bühne stand, doch ansonsten war die Verleihung so harmlos wie ein Tupperware-Abend. Zu vorhersehbar, zu glatt, zu perfekt.

Die Merkelisierung der Academy

Es scheint fast so, als habe sich die Academy ihren neuen Kurs bei Angela Merkel abgeguckt. Bloß nicht anecken, bloß keine unpopulären Entscheidungen treffen. Es werden nur solche Filme geehrt, die mainstreamtauglich sind. So bewegten sich die Entscheidungen der Academy innerhalb eines klaren Schemas: Vor und hinter der Kamera standen vor allem weiße Männer, und fast alle nominierten Filme erzählen von Problemen der weißen (US-)Mittelschicht. Egal, ob "Die Entdeckung der Unendlichkeit", für das der herausragende Eddie Redmayne als Physiker Stephen Hawking zu Recht als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, oder "Birdman" um einen abgehalfterte Hollywoodschauspieler. Schwarze Schauspieler durften nur Preise überreichen, aber keinen entgegennehmen. "Heute ehren wir Hollywoods Weißeste, äh, Entschuldigung, Hellste", hatte Moderator Neil Patrick Harris gleich zu Beginn der Show noch sarkastisch prophezeit. Politische Impulse? Fehlanzeige!

Inmitten einer fast schon langweilig abgespulten Show lieferten die Gewinner die stärksten und eindringlichsten Momente. Patricia Arquette nutzte die Bühne für den ersten Appell des Abends. "Nun ist endlich unser Moment gekommen - für gleiche Löhne und gleiche Rechte für Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika", rief sie unter dem frenetischen Applaus von Stars wie Meryl Streep. John Legend, der für den "Selma"-Song "Glory" gewann, erinnerte in seiner Rede an die Ungleichheit, die in den vergangenen Monaten schwarze Bürger wie in Ferguson zu Protestmärschen auf die Straße brachte: "Es sind heute mehr Schwarze unter Kontrolle der Justiz als zu Zeiten der Sklaverei 1850. Leute, die zu unserem Lied marschieren, sollen wissen, wir sind bei euch. Marschiert weiter!"

Starke Dankesreden statt seichter Witze

Eines der politischsten Statements des Abends kam in allerletzter Minute. Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu hatte seine Oscar-Dankesrede für den besten Film schon gehalten, da griff er sich erneut das Mikrofon. Er widme seinen Preis auch den jungen Immigranten der USA: "Ich bete dafür, dass sie mit derselben Würde und demselben Respekt behandelt werden wie diejenigen, die vor ihnen kamen und diese unglaubliche Einwanderer-Nation aufgebaut haben", sagte er mit seiner Trophäe in der Hand.

Sänger John Legend , der für "Glory" im Bürgerrechtsdrama "Selma" den Oscar für den besten Filmsong bekam, erinnerte daran, wie aktuell das Thema Rassismus ist. "Selma" ist jetzt, weil der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit gerade jetzt stattfindet. (...) Es sind heute mehr Schwarze unter Kontrolle der Justiz als zu Zeiten der Sklaverei 1850. Leute, die zu unserem Lied marschieren, sollen wissen, wir sind bei euch. Marschiert weiter!", sagte er in seiner Dankesrede.

Seine Rede war symptomatisch für diese 87. Oscar-Verleihung: Starke Sieger mit politischer Botschaft an einem ansonsten öden und unspektakulären Abend. Einzig die Entscheidung der Academy, den Oscar als Beste Dokumentation an die deutsche Ko-Produktion "Citizenfour" über Edward Snowden zu geben, kann als spannende politische Fußnote gewertet werden. Immerhin.

mit DPA