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Russell Crowe: Die Zähmung des Widerspenstigen

Sein Markenzeichen war schlechtes Benehmen. Nun gibt Hollywood-Rüpel Russell Crowe den braven Familienvater. Und kommt uns in der Komödie "Ein gutes Jahr" romantisch. Ein bisschen zu viel des Guten.

Von Christine Kruttschnitt

Früher, da war auf Russell Crowe noch Verlass. Er warf Hotelangestellten Telefonhörer an die Birne, wenn er nicht nach Australien durchkam, und legte seine Leinwandpartnerinnen flach, ob's im Drehbuch stand oder nicht. In Interviews zeigte er sich wahlweise arrogant, maulfaul und aggressiv - oder aber arrogant, aggressiv und aufbrausend. Und als er, im März vergangenen Jahres, einem US-Männermagazin enthüllte, dass al Kaida Pläne gehabt habe, ihn zu kidnappen, war das Erstaunen über die Wahl der Terrororganisation etwa so groß wie die Kommentarlage hämisch - da Osama bin Laden sich weiterhin auf freiem Fuß befinde, witzelte ein Fernsehkomiker, bestehe ja noch Hoffnung. Kein Zweifel, der Charme von Russell Crowe bestand darin, dass er keine Spur davon besaß - was ihn, den Oscar-ausgezeichneten "Gladiator" Maximus, immerhin maximal von all diesen netten, glatten, PR-polierten Star-Kollegen unterschied.

Nun aber gibt es auch im Leben der Männer fürs Grobe jenen feinen Moment, wo sie sich entscheiden, bessere Menschen zu werden. Oder zumindest andere. In Crowes Fall war es die australische Sängerin Danielle Spencer, die er an seinem 39. Geburtstag vor drei Jahren geheiratet hat. Er kaufte sich eine schöne Wohnung in Woolloomooloo, einem Stadtteil von Sydney, und eine Ranch im australischen New South Wales. Im Dezember 2003 kam sein Sohn Charles auf die Welt, ein dem Vater teuflisch ähnelnder kleiner Moppel, den man fortan auf Crowes Schultern reiten sah. In diesem Juli folgte Tennyson Spencer Crowe, das Familienglück war perfekt.

Sein Tag, verriet Crowe kürzlich in einem Pressegespräch, beginne mit der Frage, was seine Frau und seine Kinder brauchten, dann kümmere er sich um den Rest der Familie - Eltern und Bruder - und um enge Freunde, dann natürlich um die Tiere auf der Ranch, und dann treibe ihn noch die Frage um, ob der Dünger auch biodynamisch sei. Die anwesenden Reporter - allesamt an den alten Russell gewöhnt - mussten schlucken; es war, als hätte er selbst geknüpfte Makramee-Ampeln vorgeführt oder über die Wirksamkeit von Feuchtigkeitsmasken doziert.

Er wirkte entspannt, beinah bescheiden, liebenswert. "Dieses Jahr war so wunderbar", raunte er mit dieser tiefen Stimme, die immer klingt, als wäre das Gesagte bedeutungsvoll, "und auf das nächste freue ich mich schon und auch auf die vielen danach." Der Mann, der von Mitarbeitern schon als "zutiefst unglücklich" - lies: ekelhaft - beschrieben worden war, lächelte in die Runde und blinzelte schlupflidrig in Fotokameras; vergessen die Episode, wie er einmal einer Studentin, die ihn beglückt beim Drehen auf dem Uni-Gelände von Princeton knipste, den Stinkefinger zeigte. "Ein gutes Jahr" heißt sein jüngster Film - nach dem gleichnamigen Provence-Roman von Peter Mayle -, und die beste Werbung dafür ist der so südfranzösisch aufgeheiterte Hauptdarsteller. Gleichzeitig freilich auch sein größter Haken.

Der neue Crowe, Familienmensch und Schmusebär, kommt einem zwar ein bisschen komisch vor, aber komisch ist Crowe deswegen noch lange nicht. In der romantischen Komödie spielt er den kaltschnäuzigen Banker Max Skinner aus London, der vom Onkel ein Chateau nebst Weinberg in der Provence erbt. Er begutachtet das Anwesen, das er so schnell und so teuer wie möglich verkaufen will, verfällt jedoch dem Charme des Landlebens und speziell einer hübschen Café-Besitzerin. Um diese einspurige Geschichte wenigstens ein bisschen zu beleben, taucht eine junge Kalifornierin auf, die behauptet, uneheliche Tochter des Verstorbenen und damit ebenfalls erbberechtigt zu sein. Es wird viel Wein getrunken, viel Baguette gemampft und viel Käse geredet, und um das Ganze irgendwie französisch oh-là-là zu machen, fährt die Kamera genüsslich Beine und Brüste aller weiblichen Darsteller ab. Inszeniert hat Crowes "Gladiator"-Regisseur Ridley Scott, der zwar keinerlei Talent für leichte Stoffe hat, aber dafür einen drängenden Grund, in der Provence zu drehen: ein Ferienhaus, nebst Weinberg natürlich.

Der 68-jährige Scott, von Kinofans wegen seiner Filme "Alien", "Blade Runner" und "Thelma und Louise" vergöttert, wollte sich einfach mal eine nette Zeit machen beim Arbeiten. Nach seinem Mammutprojekt "Königreich der Himmel" sehnte er sich nach Drehtagen mit überschaubarer Crew, "kleinem" Budget (38 Millionen Dollar) und unkomplizierten Szenen; groß auch der Vorteil, jeweils abends nach der letzten Klappe nach Hause zu spazieren. Sein alter Freund Peter Mayle - die beiden haben vor 30 Jahren in London Werbefilme gemacht - lebt in der Nachbarschaft. Die beiden Briten und die australische Künstlerfamilie müssen, siehe Weinberg, viel Spaß gehabt haben beim Drehen. Und doch bleibt es eine Schnapsidee, dass ein Maximus ein gutes Mäxchen abgibt.

Als Schauspieler hat Crowe alle möglichen Qualitäten - eine Heftigkeit, die bedeutungsvoll, eine Schwermut, die geheimnisvoll wirkt; und selbst bei seinen zäheren Filmen vergeht dank seiner Virilität die Zeit wie im Samenflug. Hier soll er aber einen Fiesling spielen, der sich zum verliebten Narren wandelt. Hier soll er niedlich sein. Russell Crowe! Niedlich! Es ist, als schickte man Hugh Grant zum Kämpfen in die Arena. Bewaffnet mit einer Makramee-Ampel.

Inzwischen sind Scott und Crowe wieder in der Realität gelandet. In New York drehen sie ihren dritten gemeinsamen Film, einen Polizeithriller. Was Scott von den Wandlungen seines Helden hält? "Ich hoffe ja, dass Russell seinen inneren "Bad Boy" nie ganz verliert", sagt er. "Das macht ihn schließlich aus."

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