Thomas Kausch "Glaubwürdig sein, authentisch wirken"


Den meisten ist er als Moderator von "heute nacht" bekannt. Jetzt wird Thomas Kausch Anchorman bei den Sat.1-Nachrichten. An seinen neuen Job geht er gelassen ran: Beim ewigen Quotenvierten kann er nicht viel falsch machen.

Berlin, Schlosshotel im Grunewald. Er sitzt an einem Tisch auf der Terrasse, die braunen Haare geheimratseckig, die Koteletten ohrläppchenlang, er kneift die blauen Augen zusammen, die Sonne blendet. Ein Kellner bringt Kaffee und fragt: "Milch?". "Nein, danke", sagt er. Und dann rutscht dem Kellner die Milchkanne vom Tablett, und die volle Ladung landet auf Thomas Kauschs dunkelblauem Jackett. Man könnte in solch einer Situation laut "Scheiße!" brüllen oder aufspringen und den Kellner zusammenfalten. Thomas Kausch guckt kurz auf sein Sakko und dann auf den Kellner, der sich entschuldigt und hektisch zappelt. "Macht nichts", sagt Kausch, "ich geh das mal eben abspülen." Als er zurückkommt, sagt er: "Vielleicht hätte ich doch Milch nehmen sollen."

Bodenständiger Westfale

Thomas Kausch, 41, scheint ein eher gelassener Mensch zu sein. Er sei halt Westfale, sagt er, "Westfalen bleiben ein Leben lang auf dem Teppich". Es könnte sein, dass so einer genau der Richtige für eine besonders aufgeregte Fernsehanstalt ist: Seit dem 1. August stellt sich Kausch der Aufgabe, die Nachrichten bei einem Sender zu revolutionieren, den man nicht auf dem Schirm hat, wenn man Nachrichten gucken will - Sat 1. Thomas Kausch besetzt dort einen Posten, der extra für ihn geschaffen worden ist: "Leiter Information". Und vom 30. August an wird er als Anchorman von "18:30" zu sehen sein - er soll der als zu schrill verschrienen Nachrichtensendung ein Gesicht geben; siehe Peter Kloeppel, siehe "RTL-aktuell".

Markenzeichen: "Ciao"

"Ich will erreichen", sagt Kausch, "dass wir auf Augenhöhe sowohl mit ARD und ZDF als auch mit RTL wahrgenommen werden - als seriös, kompetent, schnell." Das hinzukriegen dürfte in etwa so einfach sein wie der Gewinn des Meistertitels für den Bundesliga-Neuling FSV Mainz 05. Wie also lautet der Plan? Und warum tut er sich das an? Thomas Kausch hätte auch beim ZDF bleiben können, wo er in den vergangenen vier Jahren "heute nacht" moderierte, die Spätnachrichten, bei denen er am Ende immer "Ciao" sagte, was bei einem latent verstaubten Sender lässig daherkam und natürlich sein Markenzeichen wurde. Vermutlich hätte er irgendwann beim "heute journal" landen können, aber das, sagt er, sei ja gerade neu besetzt worden. "Wenn du siehst, auf der Autobahn ist ein Stau, lohnt es sich manchmal, einen anderen Weg zu nehmen. Außerdem siehst du mehr von der Landschaft."

Lernen und gestalten

Die Sat-1-Nachrichten haben im Leben des Thomas Kausch bislang "keine Rolle" gespielt, und deshalb dachte er zunächst auch "Nee, das interessiert mich nicht", als der Sat-1-Geschäftsführer Roger Schawinski ihn anrief. Der war gerade in Wiesbaden - und stand zwei Stunden später bei Kausch vor der Tür. Schawinski sagte: "Ich will Sie, ich rede mit keinem anderen." Und dann erfuhr Kausch, was er künftig verdienen würde, und fand es doch spannend, dort anzufangen, wo er noch etwas gestalten kann. "Ich glaube nicht", sagt er ruhig und lehnt sich zurück, "dass mir das schadet, unabhängig davon, ob es gelingt oder nicht. Ich werde unheimlich viel lernen."

Mit Mut zur Lücke

Wahrscheinlich ist er auch deshalb so gelassen, weil er weiß, dass er es zumindest nicht schlechter machen kann beim ewigen Quotenvierten. Die Sendung bekommt einen neuen Namen ("Sat 1 News") und ein größeres Studio, in dem der Moderator herumlaufen kann. Dort will Kausch den Leuten "das Ganze ein bisschen anschaulich machen". Was er ganz gut kann, Kausch spricht gern in Bildern. "Wenn ich einfach alles nacheinander anbiete, rauscht es an den Zuschauern vorbei - man muss den Mut zur Lücke haben und Schwerpunkte setzen und sagen: Ich stelle euch jetzt ein Menü zusammen, mal ist es leicht bekömmlich, mal ist es schwer verdaulich", je nach Nachrichtenlage. Mal kommentiert er mit einem Grinsen oder hochgezogener Augenbraue, oft ist er einfach ernst.

Das wichtigste Rezept sei, sagt Kausch, "glaubwürdig zu sein, authentisch zu wirken. Wenn man emotional moderiert, wenn es um Menschen geht, die in einem Krieg gestorben sind, sollte man schon mal Menschen gesehen haben, die in einem Krieg gestorben sind - und nicht 22 sein, von der Moderatorenschule kommen und auf die Tränendrüse drücken".

Kausch war jahrelang als Auslandsreporter unterwegs, so 1995 in Ruanda, "wo sie die Menschen abgeschlachtet haben mit Macheten". Er stand vor Bergen von Leichen, zusammengekarrt von Bulldozern, Kinderbeine stachen heraus. Das war das Schlimmste, was er erlebt hat, beruflich. Und so etwas, sagt er, "setzt sich im Hinterkopf ab und beeinflusst einen".

Thomas Kausch wurde in Werne geboren, das liegt zwischen Dortmund und Münster, und wuchs in Bochum auf. Er wurde mit der "Tagesschau" groß, um 20 Uhr saß die Familie vor dem Fernseher, um zu sehen: "Was ist passiert, was musst du wissen?". Er hat bis heute dieses Bild vor Augen, "wann war das – 72?", als Willy Brandt "völlig versteinert auf dieser Regierungsbank sitzt und das Misstrauensvotum über sich ergehen lässt".

Traumberuf: Auslandskorrespondent

Kausch kannte damals die Namen der Auslandskorrespondenten der ARD auswendig, so einer wollte er werden, "immer schon", aber als er während seines Studiums in Münster - Deutsch, Englisch, Politik – beim WDR jobbte, begriff er, "dass ich ungefähr 27 Jahre brauchen würde, um bei der ARD durch die Instanzen ins Ausland zu gelangen".

Also ging er nach 16 Semestern und Einserexamen nach New York, arbeitete für die "Staats-Zeitung", ein deutsch-amerikanisches Wochenblatt, und verdiente 1000 Dollar im Monat. Bis er auf einer Party davon hörte, dass der ZDF-Korrespondent Joachim Holtz eine Aushilfe suchte. Er bekam den Job, und als Holtz ein Jahr später Leiter der Außenpolitik beim ZDF wurde, holte er Kausch zurück nach Deutschland. Der wurde Auslandsreporter und reiste von Mainz aus um die Welt.

Pünktlicher Feierabend statt Wanderleben

Bei einem ZDF-Betriebsfest lernte er seine Frau kennen, eine Journalistin, "wir haben nach sechs Wochen in Mexiko geheiratet", sagt er und grinst. Vor acht Jahren kam Tochter Pauline zur Welt, eine Woche nach der Geburt musste er nach Israel, "weil dort ein Bus in die Luft geflogen war". 1997 wurde er dann ZDF-Korrespondent in Wien. "Da war ich 33", sagt er und lächelt, ein bisschen stolz. Von Wien aus war er war viel unterwegs, Belgrad, Sarajevo, Kosovo, es sei für die Familie nicht einfach gewesen. Jetzt freuen sich alle, dass da "eine gewisse Regelmäßigkeit reinkommen wird". Denn der Vater hat sich vorgenommen, abends um halb acht zu Hause zu sein.

Als Thomas Kausch 17 war, starb sein Vater, es war "ein Gewebekrebs", erinnert er sich, und das war das Schlimmste, was er erlebt hat, privat. In einem Alter, in dem andere Söhne gegen ihre Väter rebellieren, sei seine "Pingpong-Wand" plötzlich weggezogen worden: "Ich glaube, dass ich damals ein großes Harmoniebedürfnis entwickelt habe: Bitte, lass alles in Ordnung sein! Konfliktfähigkeit musste ich mir später erarbeiten."
"Obwohl", sagt er und lacht, "ich habe es eigentlich immer noch gern, wenn alle Menschen nett zueinander sind."

Ulrike von Bülow


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