Venedig-Tagebuch "Als Erster den neuen Bond geküsst"


Nicht nur Feier-Stimmung sondern auch Angstgefühl schwebt über der 63. Biennale in Venedig. Die Sicherheitskontrollen sind überall, in den Filmen geht es um Terror. Es gibt aber auch Premieren der besonderen Art.
Von Bernd Teichmann

Zum Wildwestgefühl ist es noch ein bisschen hin, aber mit jedem Jahr gleicht das Gebiet um den Festivalpalast und das Casino mehr und mehr einem Fort. Dank der in England gerade eben vereitelten Bombenanschläge auf mehrere Passagier-Jets ist die Zahl der lässig herumstehenden und patroulierenden Polizisten erneut gestiegen, die der Absperrungen ebenfalls, und sogar im epizentrischen Hotel Excelsior will ein freundlicher Herr von der Sicherheit nun stichprobenartig die Akkreditierung sehen.

Gleichzeitig stehen zwei Filme außer Konkurrenz auf dem Wettbewerbs-Programm, die sich mit der Ursache dieser Wirkung auseinandersetzen. Nachdem im Frühling bereits "Bourne Identität"-Regisseur Paul Greengrass die Geschehnisse auf dem "Flug 93" packend nachgezeichnet hatte, versuchen nun der Argentinier Santiago Amigorena und sein amerikanischer Kollege Oliver Stone den 11. September 2001 filmisch einzukreisen. Und das konnte erwartungsgemäß unterschiedlicher nicht ausfallen, was sich schon daran ablesen lässt, dass Stones "World Trade Center" mit dem Einschlag des ersten Flugzeugs beginnt und Amigorenas "Quelques Jours en Septembre" damit endet.

Letzterer erzählt auf phasenweise enervierend prätentiöse Weise die Thriller-Story um ein Phantom namens Elliot, das für die US-Regierung irgendwelche schleierhaften Operationen durchführt und deshalb gezwungen ist, für immer unterzutauchen. Vorher aber will er noch einmal seinen in Amerika lebenden Adoptivsohn und seine in Frankreich aufwachsene Tochter sehen. Elliots ehemalige Mitstreiterin, die französische Agentin Irene (Juliette Binoche), hilft ihm dabei, das Treffen zu arrangieren, was durch einen ebenso penetranten wie durchgeknallten Killer (John Turturro) und andere zweifelhafte Gesellen erschwert wird.

9/11-Film schleicht im Schneckentempo dahin

Als der Schlapphut-Haudegen dann nach einigem Hin und Her tatsächlich auftaucht und herauskommt, dass er von den drohenden Anschlägen zumindest etwas geahnt hat, ist beim Zuschauer der Aufmerksamkeitspegel längst knapp über Null gesunken. Die Streichinstrumente wimmern, die Bilder schreien Kunst! und das Regie-Debüt des in Autorenfilmer-Kreisen renommierten Drehbuchautoren schleicht im Schneckentempo zwischen Spionage-Thriller, Familien-Drama, psychologischem Spreiz-Kino und blutiger Groteske unentschlossen umher.

Geschichte einer wundersamen Rettung

Dann doch lieber zwei Polizisten, die unter den Trümmern des World Trade Centers verschüttet sind und auf Hilfe warten. Das ist wesentlich übersichtlicher, wenn auch nicht gerade überzeugend. Die gute Nachricht ist immerhin, dass Oliver Stone hier mal seinen Vorschlaghammer im Werkzeugkasten gelassen hat. Die gut gemeinte Nacherzählung der wundersamen, wahren Rettung der Port Authority-Beamten John McLoughlin (Nicolas Cage) und Will Jimeno (Michael Pena) leidet vor allem unter der visuellen Übersättigung des Betrachters.

Triefiges Pathos des Stone-Films

Die kollabierenden Zwillingstürme, die schockierten Gesichter der New Yorker, die verstaubten Straßen, umherfliegende Papierseiten, erschöpfte Hilfskräfte, die Schuttlandschaft am Ground Zero. Kein Kinofilm kann das nachhaltig reproduzieren. Hat man gesehen, will man es nochmal sehen? Nicht unbedingt. Vielleicht wäre die Fixierung auf die Familien der beiden ein lohnender Versuch gewesen - zumal Maria Bello und Maggie Gyllenhaal in ihren Ehefraurollen exzellent sind. In Amerika waren die Kritiken sehr wohlwollend, in Europa dürfte das am Ende doch wieder etwas triefige Pathos weniger gut ankommen.

"Hollywoodland" seziert Studiosystem

Und noch ein Déja-vu-Gefühl: Los Angeles 1959, Hollywood, der rätselhafte Selbstmord eines Stars, ein dubioser Privatdetektiv, ein skrupelloser Studio-Boss – James Ellroy reloaded? Nicht ganz, aber das ware ein Fall für ihn gewesen, der bis heute nebulöse Tod des TV-Superman-Darstellers George Reeves, der mehr wollte, als er konnte und daran beinahe zerbrach.

Allen Coulters Wettbewerber "Hollywoodland" rollt die ganze Angelegenheit noch einmal auf und spekuliert aus der Perspektive des Privatdetektivs Louis Simo (Adrien Brody) über die Umstände, die zu Reeves (Ben Affleck) Tod geführt haben könnten. Ein elegant gefilmter und melancholischer Blick zurück auf die letzten Jahre des alten Studiosystems, der allerdings bei der Löwen-Vergabe keine Rolle spielen dürfte.

Einen Favoriten gibt es bereits: Truman Capote-Darsteller Toby Jones. Und den Preis für den Spruch des Tages hat er sich heute abgeholt, als er die überaus intime Szene mit Daniel Craig, der in „Infamous“ den Killer Perry Smith spielt, kommentierte: "Ich habe als Erstes den neuen James Bond geküsst!". Darauf einen Wodka-Martini.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker