Venedig-Tagebuch Russell Crowe zeigt Zähne


Steven Soderbergh weiß auch ohne Stars zu begeistern, während selbst Oscar-Preisträger wie Russell Crowe und Renée Zellweger Ron Howards neuen Film nicht mehr retten konnten.

Was wäre, wenn ein berühmter, Oscar-prämierter Regisseur einfach mal keine Lust auf dicke Gagen für dünne Stars hätte. Wenn er einfach in eine Puppen-Fabrik in Ohio fahren und dort Arbeiter also Laien-Darsteller für seinen neuen Film anheuern würde. Darunter eine ziemlich schwabbelige Frau mit knallrot gefärbten Haaren. Wenn er dann einen Krimi drehen würde, der umso vieles besser und schlauer wäre, als all die ganzen anderen Hollywood-Produktionen und Co-Produktionen, die vor lauter bedeutender Namen kaum noch geradeaus gehen können.

Alles passiert in Venedig: Der Film heißt “Bubble”, der Regisseur Steven Soderbergh. Nicht ungewöhnlich, wenn man weiß, dass Soderbergh schon nach seinem Hit “Ocean’s Eleven” den kleinen, sperrigen Kunstfilm “Full Frontal” gedreht hat. Da haben aber immerhin noch David Duchovny und Julia Roberts mitgemischt. “Bubble” ist radikaler, zugleich aber zugänglicher und besitzt die präzise Beobachtungsgabe eines alten Claude-Chabrol-Krimis. Nur, dass hier nicht der schöne Schein der Bourgeoisie unter die Kamera-Lupe genommen wird, sondern die einfache Arbeiterklasse. Menschen, die in monotonen Jobs ihr Dasein fristen. Die sich mit abendlichen Nebenjobs oder Babysitten die Kasse aufbessern. Die sich nur von Junkfood ernähren. Und wenn sie mal auf ein Bier in die Kneipe wollen, müssen sie sich erst mal von einem Verwandten ein Auto leihen.

Konzentrierter Blick auf das andere Amerika

Soderbergh erzählt die Geschichte einer seltsamen Dreier-Freundschaft. Da ist der verklemmte Junge mit Flusenbart, der unter Angstzuständen leidet. Seine dicke Kollegin, die seine Mutter sein könnte, ihn aber wie einen besten Freund anhimmelt. Und das forsche Mädchen, die sich zwischen beide drängt, was schließlich zu einem Mord führt. 73 Minuten braucht Soderbergh nur für seinen konzentrierten Blick auf das andere Amerika. Ein Höhepunkt des diesjährigen Festivals, der aus unverständlichen Gründen nicht im Wettbewerb steht.

Im Wettbewerb steht dafür "Proof", der neue Film von John Madden, der schon den hoffnungslos überschätzten "Shakespeare in Love" zu verantworten hatte. Wenn man auf die Besetzungsliste seines Mathematiker-Selbstfindungsdramas schaut, weiß man auch warum. Es treten auf: Anthony Hopkins als verrückter Vater, Gwyneth Paltrow als verstörte, aber genial veranlagte Tochter, Jake Gyllenhaal als Liebhaber und Frauenversteher, der ebenfalls Mathe studiert. Das mag in einzelnen Szenen grandios gespielt sein, insgesamt aber ein Nichts von einem Film und so glaubwürdig wie ein Nobelpreis für Gerhard Schröder.

Wie eine Oscar-Nominierungsliste

"Cinderella Man" von Ron Howard, der auch schon den hoffnungslos überschätzen "A Beautiful Mind" zu verantworten hatte, macht es nicht besser. Die Besetzungsliste seines Außenseiter-Boxerdramas liest sich zwar mit Russell Crowe, Renée Zellweger und Paul Giamatti wie eine Oscar-Nominierungsliste, wärmt aber trotzdem nur alle bekannten Faustkampf- und Arme-Leute-Klischees wieder auf. Ein Film, den niemand braucht.

Außer die Pressekonferenz in Venedig. Schon toll, wenn sich innerhalb einer Stunde die Superstars die Mikros in die Hand geben. Erst ein inzwischen sehr alt und müde wirkender Anthony Hopkins (Paltrow wurde nur telefonisch zugeschaltet, ihre Stimme klang wie eine Kaufhaus-Ansage aus der Mülltonne). Dann ein erstaunlich friedlicher Crowe, der sogar einmal lächelnd die Zähne zeigte und diesmal keine Gegenstände durch den Saal warf. Schließlich Frau Zellweger, bräsig bis zum Anschlag, keine einzige vernünftige Antwort zustande bringend. Vielleicht sollten wir sie mal in eine Fabrik nach Ohio deportieren.

Matthias Schmidt


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