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Volker Schlöndorff auf der Berlinale: Der alte Mann und das Meer am Morgen

Sein neuer Film "Das Meer am Morgen" ist eine Hommage an die französische Widerstandsbewegung. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff erinnert an den Résistance-Kämpfer Guy Moquet.

Der Wehrmachtsoffizier Ernst Jünger gegen den Widerstandshelden Guy Moquet: Volker Schlöndorff kehrt in seinem neuen Film "Das Meer am Morgen" zur deutsch-französischen Geschichte zurück. Der Film, der an diesem Dienstag in der Panorama-Reihe der Berlinale gezeigt wird, ist eine Hommage an die Résistance und eine Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Ernst Jünger, wie Schlöndorff der Nachrichtenagentur dpa in Berlin sagte.

Bei Recherchen über Jünger war Schlöndorff auf das Schicksal des 17-jährigen Moquet gestoßen, der mit weiteren 150 Gefangenen bei einer Vergeltungsaktion der Deutschen 1941 auf Anordnung Hitlers hingerichtet wurde. Moquet hatte vor seiner Erschießung einen Brief hinterlassen, den Jünger, damals Besatzungsoffizier in Paris, übersetzte.

"Als ich anfing, für die Geschichte zu recherchieren, wusste ich nicht, dass Jünger diesen Brief übersetzt hatte", sagt Schlöndorff. Er habe sich lange mit den Autor ("In Stahlgewittern") beschäftigt. Vor allem die Haltung als Beobachter, die Jünger in seinen Werken einnimmt, habe ihn seit seiner Jugend fasziniert, als er in Frankreich Austauschsschüler und später Regieassistent war. "Jünger hat mit der Akribie eines Kriminalkommissars die Ereignisse aufgezeichnet".

Moquet in Frankreich als Nationalheld verehrt

Stülpnagel hatte Jünger beauftragt, einen Bericht über die Hinrichtung von 150 Franzosen zu verfassen. Der General widersetze sich der Vergeltungsaktion, konnte sich aber gegen den Willen Hitlers nicht durchsetzen. Der Report sollte dem General, der sich in französischer Gefangenschaft das Leben nahm, für den Fall einer deutschen Niederlage als Rechtfertigung dienen. Nach dem Attentat vom 20. Juli verbrannte Jünger sein Manuskript, eine Kopie blieb im Keller seines Hauses erhalten. Als die Denkschrift "Über die Geiselfrage" im Herbst erschien, schrieb Schlöndorff das Vorwort.

Hier Jünger, im Film von Ulrich Matthes gespielt, als kühler Beobachter, dort die von einer Utopie beseelten Kommunisten - "Ich kann mich gut mit beiden identifizieren". Doch er habe auch immer wieder "den Jünger in mir" bekämpft, sagte Schlöndorff.

In Frankreich gilt Moquet als Nationalheld. Staatspräsident Nikolas Sarkozy hatte 2007 seinen Abschiedsbrief zum Pflichtstoff in der Schule erklärt. Seitdem wird Moquets Zeugnis jedes Jahr am 22. Oktober im Unterricht vorgelesen - nicht allen Lehrern gefällt das. Eine U-Bahn-Station in Paris trägt seinen Namen, auch auf einer Briefmarke wurde er verewigt.

"Ich hätte mich an das Thema nicht herangewagt, wenn ich gewusst hätte, dass Moquet eine politisch so umstrittene Rolle in Frankreich spielt", sagte der Regisseur. Die Geschichte spiele an dem Ort in der Bretagne, "wo ich zehn Jahre nach dem Krieg zur Schule ging und Abitur gemacht habe." In Frankreich ist der Film, der am 23. März auf Arte (20.15 Uhr) gezeigt wird, in ersten Vorführungen auf ein begeistertes Echo gestoßen. Auf dem Filmfestival in Biarritz löste "Das Meer am Morgen" ("La mer à l'aube") große Betroffenheit aus - und am Ende einen langen Applaus.

Esteban Engel, DPA / DPA