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Der Fall Polanski: Die Filmwelt wird von der Realität eingeholt

Mit der Verhaftung Roman Polanskis wird die Filmwelt von einem lange verdrängten Thema eingeholt. Bislang hat sich niemand mit der Schuld des Regisseurs beschäftigen wollen. Man trennte zwischen Mensch und Werk. Wie lange geht das noch gut?

Von Carsten Heidböhmer

Roman Polanski verlässt im September 1977 das Gericht von Santa Monica, Kalifornien

Roman Polanski verlässt im September 1977 das Gericht von Santa Monica, Kalifornien

Für manch einen ist der Fall ganz einfach: "Er wird nur deshalb verfolgt, weil er prominent ist", ereifert sich der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff über die Verhaftung seines Kollegen Roman Polanski. Dass der Tatbestand des Kindesmissbrauchs in den USA nicht verjährt - und die Justiz folglich auch jeden anderen Bürger über einen so langen Zeitraum verfolgen würde - unterschlägt er. Schlöndorff ist mit seiner Empörung nicht allein: Ob Woody Allen, David Lynch, Wim Wenders, Pedro Almodóvar, David Lynch, Martin Scorsese oder Tom Tykwer - sie alle fordern die Freilassung Polanskis. Auch namhafte Schauspieler und Produzenten reihen sich willig in die Phalanx ein. Damit sind sie in eine moralische Falle getappt, die sie sich durch jahrzehntelange Gedankenlosigkeit selbst gestellt haben.

Denn in den vergangenen 32 Jahren haben sich in der Filmbranche nur wenige daran gestört, dass Roman Polanski ein von den USA gesuchter Straftäter ist, dem Kindesmissbrauch zur Last gelegt wird. Man hat den Regisseur auf internationalen Festivals hofiert, ihn mit Auszeichnungen überhäuft, mit ihm Filme gedreht - und mit der Verleihung des Regie-Oscars für "Der Pianist" nahm ihn die Academy of Motion Picture Arts and Sciences spätestens 2003 wieder in ihrem Schoß auf.

Trennung zwischen Mensch und Werk

Diese moralisch indifferente Haltung ging lange Zeit gut. Solange nämlich, wie die Filmwelt sämtliche moralische Fragen mit einem einfachen Trick beiseite wischen konnte - man zog eine klare Trennlinie zwischen dem Menschen Polanski und seinem Werk. Da das künstlerische Schaffen über jeden Zweifel erhaben war, verzichteten viele darauf, sich mit den privaten Abgründen Polanskis zu befassen. Eine Sichtweise, die noch tief im Geniekult des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts verwurzelt ist. Der Künstler ragte aus der Masse heraus und sollte sich in seiner freien Entfaltung nicht durch (kleinbürgerliche) Moralvorstellungen einschränken lassen. Auch wenn sich diese Ideologie im 21. Jahrhundert längst überholt hat - zumindest in der Filmwelt scheint diese Denkweise noch immer Bestand zu haben.

Dies spiegelt sich deutlich in Volker Schlöndorffs Stellungnahme wider: "Er ist allen Streng-Bürgerlichen ein Dorn im Auge, schon durch seine schiere Existenz", sagte der Regisseur im Deutschlandradio Kultur. Hier lebt die Vorstellung weiter, der Künstler stehe außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Aber muss er sich deswegen nicht an die Gesetze halten?

Auch für die Internationalen Filmfestspiele Berlin scheint nur die künstlerische Seite zu zählen. In einer Stellungnahme protestiert man "gegen die willkürliche Behandlung Roman Polanskis, einem der herausragenden Regisseure der Welt. Wir bekunden unseren tiefen Respekt für ihn und verlangen seine sofortige Freilassung." Die Respektbekundung dient hier offenbar ausschließlich dem Regisseur - und wischt beiseite, dass dieser Menschen ein 13-jähriges Mädchen missbraucht hat.

Es hätte der Beginn einer spannenden Debatte sein können

Diese Trennung war und ist bequem - sie ermöglicht es, die knifflige Diskussion um den Umgang mit einem gesetzlich gesuchten Straftäter beiseite zu schieben. Doch durch die Verhaftung Polanskis muss jedoch Stellung bezogen werden. Plötzlich ist der Künstler Polanski auch ein Mensch, der sich strafbar gemacht hat. Es hätte der Beginn einer spannenden Debatte sein können - über Schuld und Sühne, Sexualvergehen und nicht erfolgte Strafen, über Verbrechen und Vergebung. Es hätte viel Diskussionsstoff gegeben. Man hätte durchaus auch Entlastendes zugunsten des Angeklagten vorbringen können: Muss man die Tat nicht aus der Zeit heraus verstehen? Zudem hat Polanski hat in seinem Leben Schlimmes durchgemacht, was als strafmildernd gelten kann. Und nicht zuletzt gibt es gute Gründe, weshalb sich Polanski damals dem Prozess durch Flucht entzogen hat: Ein fairer Prozess war damals kaum möglich.

Doch anstatt differenzierte Debatten zu führen, nimmt man den Menschen und Künstler Polanski kollektiv in Schutz - und stilisiert ihn zum willkürlich Verfolgten. Man hängt sich an juristischen Detailfragen auf, kritisiert die Schweiz oder stellt gar den Rechtstaat der USA infrage. Der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi geht gar soweit, das Missbrauchsopfer Samantha Geimer als "minderjährige Prostituierte" zu beschimpfen.

Hat die Filmwelt überhaupt eine andere Wahl, als sich bedingungslos mit Roman Polanski zu solidarisieren - nachdem man ihn lange Jahre geduldet hat? Günter Rohrbach, der Präsident der Deutschen Filmakademie, öffnet als einer der ganz wenigen den Raum zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung. In einer Stellungnahme stellte er die Frage: "Haben wir alle also Polanskis Tat seit Jahren verharmlost?" Die Frage ist gestellt - jetzt müssen sich nur Filmschaffenden finden, die den Mut aufbringen, eine Antwort zu suchen.