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Roman Polanski: Nur ein bisschen vergewaltigt ...

Roman Polanski ist von einer 32 Jahre zurückliegenden Straftat eingeholt worden. Doch statt eine kritische Auseinandersetzung zu führen, überschlägt sich Hollywood mit Verharmlosungen.

Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles

Wie so häufig, wenn Hollywood sich mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt - wer soll Präsident werden? Wie rette ich die Wale? Wie komme ich an einen Oscar? -, verlieren einige Gemeinde-Mitglieder im Eifer die Pedale. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass L'Affaire Polanski und die dadurch vorgeblich aufgeworfenen Fragen - kann ein guter Regisseur wirklich ein schlechter Mensch sein? Wann hört ein Verbrechen auf, eines zu sein? Und wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? - , größtmöglichen Aufruhr in der Filmwelt provozieren.

Nur wenige Stunden nach der Festnahme des Regisseurs in Zürich hatte die Schauspielerin Whoopi Goldberg in der amerikanischen Morgen-Schnatter-Show "The View" ihrem Publikum erklärt, Polanskis damals 13-jähriges Opfer sei gar nicht vergewaltigt worden: "Ich weiß, es war keine Vergewaltigung-Vergewaltigung", sagte sie. "Es war etwas anderes, aber keine richtige Vergewaltigung." Das Schnatter-Podium, bestehend aus vier bis fünf Damen aus der Show-Branche, die täglich morgens um zehn jene erwähnten großen und mehr noch kleine Fragen debattieren, schaute verdattert; die Medien wetzten die Messer. Ob Goldberg der Meinung sei, die heute 45-jährige Samantha Geimer habe gelogen? Sei womöglich schuld daran, dass an jenem März-Abend des Jahres 1977 der damals 43-jährige Polanski sie mit Champagner und Drogen abgefüllt und anschließend - ja, was: vergewaltigt-vergewaltigt habe?

Die lokale Presse schäumt

"Mein Blutdruck steigt", schäumte in der gestrigen Ausgabe der "Los Angeles Times" der renommierte Kolumnist Steve Lopez. Er zitierte aus den Akten des Strafgerichtshofs, der den Fall damals verhandelte, aber durch Flucht des Angeklagten (und Verurteilten) niemals abschloss. Dort wird die 13-Jährige gefragt: "Hast du dich gewehrt?" - "Ein bisschen", sagt das Mädchen, "aber nicht richtig, weil..." - "Warum nicht?" - "Weil ich Angst vor ihm hatte."

"Jetzt hätte ich gern die berühmten Rechtsgelehrten Harvey Weinstein und Debra Winger hier, um mit ihnen über den Fall zu reden", höhnt Lopez über zwei der frühesten Polanski-Unterstützer, den Kinoproduzenten und die Schauspielerin, die in Zürich dem dortigen Filmfestival vorstand und Polanski am Wochenende einen Preis überreichen wollte.

Polanskis Schwägerin wird spitzfindig

Im Frühstücksfernsehen vernahm am gleichen Tag der Moderator Matt Lauer die Schwägerin des einstigen Kino-Wunderkinds zum Thema: Debra Tate, Schwester von Polanskis 1969 ermordeter Ehefrau Sharon, beteuerte, der Geschlechtsakt sei "mit Einverständnis" geschehen. "Es gibt Vergewaltigung, und es gibt Vergewaltigung", bemühte auch sie sich um Spitzfindigkeiten, die zu erkennen nur wenigen vergönnt ist. "Sex mit dieser Frau", der 13-Jährigen also, falle in erstere (oder letztere?) Kategorie. "Ich verstehe", rief eilfertig der Moderator.

Hollywoods Filmschaffende - sowie Künstler und Künstlerähnliche aller Länder - haben sich in aufgeregten Petitionen auf Polanskis Seite geschlagen. In "Free Willy"-Manier prangen "Free Polanski"-Sticker an Star-Revers. Volker Schlöndorff, nicht wirklich ein Betroffener, klagte in der deutschen Presse, der berühmte Kollege werde nur deshalb nach über 30 Jahren noch so unbarmherzig verfolgt, "weil er prominent ist". Und Polanskis Gegner nützen die unleugbare Popularität des Polen für ihre Seite, als Beweis nämlich für die Stupidität und Verführbarkeit seiner Verteidiger: Würden die Unterzeichner der Petition, darunter David Lynch, Martin Scorsese und pikanterweise Woody Allen, "sich auch für einen Sex-Täter stark machen, der keinen Oscar gewonnen hat?"

Eine berechtigte Frage in einer Stadt, in der Berühmtheit als Tugend gilt. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Filmgemeinde ist groß, die nach außen hin, zur unglamourösen Normalo-Welt, demonstrierte Solidarität gewaltig. In den vergangenen drei Tagen geriet der "Free Polanski"-Aufruf zu einer Art Must-List; so viele renommierte Namen forderten die Freilassung des nunmehr in der Schweiz Festgesetzten, dass der Internet-Journalist Mark Lisanti, Mitbegründer der scharfzüngigen Webseite "Defamer", im Scherz auch noch berühmte Film-Helden sekundieren ließ. Humbert Humbert etwa, Hauptfigur des Romans und des Films "Lolita", zeigt vollstes Verständnis für den jetzt 76-jährigen Regisseur: "Es war doch keine Vergewaltigung-Vergewaltigung", lässt Lisanti den Nymphen-Liebhaber plädieren.

Kein Zweifel, das Schicksal jenes älteren, von vielen zum Genie erklärten Herrn aus Polen, der den Holocaust überlebte und später durch die Verbrechen der Manson-Familie seine junge Ehefrau verlor, spaltet die Nation. Längst hat sich der altvertraute Graben geöffnet - links das liberale Hollywood, rechts das "bürgerliche" Lager, das sich vor allem über seinen Ärger auf Hollywood und dessen Prius-fahrende Obama-Fans definiert. Erwartungsgemäß rufen die einen nach Law and Order, die anderen nach Action: Brett Ratner, Regisseur von "X-Men: The Last Stand", kündigte an, eine Dokumentation über Polanskis Los zu produzieren. Regie führen soll Martina Zenovich, deren sorgfältige Chronik "Wanted and Desired" über den Skandal im vergangenen Sommer im US-Fernsehen lief und dem geneigten Zuschauer noch einmal en detail die Geschehnisse vor Augen rief.

Polanski engagierte am Mittwoch einen amerikanischen Star-Anwalt, der - wie praktisch - mit dem befassten Richter in Los Angeles befreundet ist. Dass er tatsächlich vor diesem endet, halten Fachleute für fraglich - zumindest, dass dies schnell geschieht. Das Schweizer Justizministerium muss den Antrag der amerikanischen Kollegen zur Auslieferung prüfen. Das kann Monate dauern. Der Regisseur, der vor seiner Festnahme oft und gern das Alpenland besuchte, im schönen Pistennest Gstaad ein Chalet besitzt und Freiheitsentzug durch die Schweizer Behörden offenbar als so akut bedrohlich empfand wie die Gletscherschmelze, arbeitet derzeit an seinem Umzug aus der Auslieferungshaft ins Chalet, er bittet um "Hausarrest". Er sei ja auch nicht mehr der Jüngste, argumentieren seine Verteidiger.

"Er ist mir völlig fremd"

Polanskis fortgeschrittenes Alter dürfte in der Tat hilfreich sein, sollte er doch noch vor dem Richter in Los Angeles landen. Dies und die Tatsache, dass er 1977 Sex mit einer Minderjährigen zugegeben hatte; seine Geständigkeit wirkte sich mildernd auf das Urteil aus. Sein Opfer hat ihm öffentlich und mehrfach vergeben. Besser gesagt: Sie will mit dieser ganzen Geschichte nichts mehr zu tun haben. "Er ist mir völlig fremd", sagte sie in einem seltenen Interview 2003 und seufzte, dass der anschließende Feuersturm in den Medien weit traumatischer gewesen sei als Polanskis Tat.

Der Prominentenanwalt Mark Geragos, der sich schon von Michael Jackson und der Kaufhausdiebin Winona Ryder heuern ließ, bezweifelt, dass Polanski jemals hinter Gittern landet. Immerhin habe er damals - zur psychologischen Beobachtung - schon 42 Tage abgesessen. Und mittlerweile haben sich Kaliforniens Gefängnisse gefüllt. So sehr gefüllt, dass Gouverneur Arnold Schwarzenegger kürzlich frühzeitige Entlassungen ankündigte.

Kalifornien ist nämlich pleite. Vielleicht ein Glück für den "Most Wanted". Vielleicht erfährt Polanski, der sich - nach seiner traumatischen Kindheit im Ghetto - der Aussicht aufs Gefängnis in Panik entzog, bei seiner Rückkehr unverhoffte Milde. Nicht jene, die er bislang erlebte: in Europa, wo er ungestört seine Karriere verfolgen, arbeiten und reisen konnte. Sondern vor Gericht.

Ja, es gibt wohl Milde und Milde. Und wie in den meisten Fällen von Spitzfindigkeit ist der Unterschied nicht spürbar.