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Roman Polanski: Gegen den Regisseur formiert sich Widerstand

Die Regierungen von Frankreich und Polen setzen sich auf offizieller Ebene zwar für die Freilassung des in der Schweiz festgenommenen Roman Polanski ein - in den Ländern formiert sich gegen diese Haltung jedoch Widerstand. Immer mehr Menschen fordern, dem Regisseur keine privilegierte Behandlung zukommen zu lassen.

Von Carsten Heidböhmer

Nach der überraschenden Festnahme von Roman Polanski am vergangenen Wochenende in der Schweiz reagierten die Regierungen von Polen und Frankreich blitzschnell. Schon am Montag wurde bekannt, dass sich die beiden Länder gemeinsam für die Freilassung des Regisseurs einsetzen wollen. In einem Schreiben an ihre US-Kollegin Hillary Clinton forderten die Außenminister der beiden Länder, Radoslaw Sikorski und Bernard Kouchner, Gnade für Polanski. Auch zahlreiche Künstler solidarisierten sich spontan mit mit dem 76-Jährigen.

Doch inzwischen mehren sich kritische Stimmen. Die linksliberale polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" schert aus der nationalen Empörungs-Phalanx aus und schreibt am Mittwoch: "Zunächst muss sich aber Polanski vor dem Richter verantworten. Amerikaner haben Recht - ein Verbrechen muss verurteilt werden." Und auch der polnische Ministerpräsident Donald Tusk versucht die Gemüter seiner Landsleute zu beruhigen und äußert Verständnis für die US-Behörden. Niemandem geschehe Unrecht, sagte Tusk dem Fernsehsender TVN24. Polanski habe ein schweres Verbrechen begangen. Es sei bekannt gewesen, dass die Amerikaner in solchen Fällen hart blieben. Damit trifft Tusk offenbar die Stimmung in seiner Bevölkerung: Nur 25 Prozent der Polen wollen, dass Polanski von einem Prozess verschont wird, wie der polnische Reporter des US-Senders "ABC-News" berichtet.

"Das ist ein Justizproblem"

Noch schärfer der Ton in Frankreich: Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wandte sich gegen Kulturminister Frédéric Mitterrand, der eine Freilassung Polanskis gefordert hatte. "Wenn ein junges Mädchen von 13 Jahren vergewaltigt oder sexuell missbraucht wird und man davonkommt, nur weil man eine Kaution zahlen kann, dann weckt das bei mir ein ungutes Gefühl", sagte er. "Das ist ein Justizproblem, und ich meine, dass ein Kulturminister, auch wenn er Mitterrand heißt, sagen müsste: Ich sehe mir erst mal den Fall an."

Die Tageszeitung "Le Figaro" publizierte eine Umfrage, derzufolge 70 Prozent der Bevölkerung ein Verfahren gegen Polanski befürworten. Auch im Internet sieht man die Haltung der französischen Regierung überwiegend kritisch: Polanski müsse sich der Justiz stellen wie jeder andere auch. Wie das französische Online-Magazin "lepoint.fr" berichtet, begrüßen 97 Prozent der rund 500 Blogger, die sich zu dem Fall geäußert haben, die Festnahme Polanskis. Sex mit einer 13-Jährigen, die zuvor mit Champagner und Medikamenten gefügig gemacht wurde, sei "ein schreckliches, verabscheuungswürdiges Verbrechen", heißt es in einem Blog. Sehr kritisch sieht die Blogosphäre auch die Unterstützung, die der Regisseur seitens französischer Künstler erhält: "Haben die denn jeden Sinn für Werte verloren?", fragt ein Blogger.

Auch in anderen Ländern zeigt die Öffentlichkeit keine uneingeschränkte Solidarität mit dem 76-Jährigen: "Nein, die ganze Welt steht nicht hinter Polanski", schreibt die italienischen Zeitung "Corriere della Sera". Die katalanische Schriftstellerin Najat El Hachmi stellte in der spanischen Zeitung "Periodico" die Sonderbehandlung des Künstlers infrage: "Sollen wir sie moralisch anders beurteilen als den anonymen armen Schlucker?" Der Londoner Philosophie-Professor A. C. Grayling bringt in der "Times" das Rechtsempfinden vieler seiner Landsleute auf den Punkt: "Weder Ruhm noch Reichtum, weder Zeit noch Entfernung sollten irgend jemanden immun gegen Gesetze machen, die vor schweren Verbrechen gegen andere Menschen schützen."