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Schweiz lässt Roman Polanski frei: Regisseur bleibt auf der Flucht

Die Schweizer Entscheidung, Roman Polanski nicht an die USA auszuliefern, hat sowohl Freude als auch Empörung ausgelöst. Am Haftbefehl gegen den Star-Regisseur ändert sich zunächst allerdings nichts.

Von Sophie Albers

Ein 13-jähriges Mädchen wurde unter Drogen gesetzt und von einem Erwachsenen vergewaltigt. Das ist keine Frage, bei der es um Formalitäten geht", empörte sich ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, als am Montag bekannt wurde, dass die Schweiz Roman Polanski nicht ausliefern wird.

Die Schweizer Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf sah sich außer Stande, den Sachverhalt endgültig zu klären, da die USA nötige Beweise vorenthalten habe, wie sie am Montag auf einer Pressekonferenz erklärte. Und da sie nicht Schuld oder Unschuld Polanskis zu beurteilen habe, sondern allein klären müsse, ob eine Auslieferung gerechtfertigt sei oder nicht, sei der Regisseur nun wieder auf freiem Fuß. Der 76-Jährige ist am gleichen Tag nach Frankreich zurückgekehrt, wo er seit seiner Flucht aus den USA 1978 lebt - derzeit mit Gattin Emmanuelle Seigner und zwei Kindern.

"Ein amerikanisches Missverständnis"

Seitdem der Oscar-Gewinner ("Der Pianist") am 26. September 2009 auf Grund eines Auslieferungsantrages der USA bei der Einreise in die Schweiz festgenommen wurde, in Haft kam und nach Zahlung einer Kaution von drei Millionen Euro den Hausarrest mit Fußfessel in seinem Chalet in Gstaad verbrachte, hat sein Fall international für heftige Reaktionen gesorgt: Die einen - von der französischen Regierung bis zu Filmkollegen wie Woody Allen und Volker Schlöndorff - forderten seine sofortige Freilassung, während die anderen - US-Behörden bis Verbände von Missbrauchsopfern - verlangten, dass der Fall endlich geklärt werde. Dass er das Mädchen, das 1977 als Fotomodel in das Haus seines Freundes Jack Nicholson kam, missbrauchte, hat Polanski zugegeben. Nur mit der möglichen Strafe war er nicht einverstanden.

Polanskis glücklicher Anwalt Georges Kiejman nannte die Jahrzehnte, die der Fall nun schon andauert, im Gespräch mit der "New York Times" ein "amerikanisches Missverständnis". Er hoffe, dass der Filmemacher eines Tages wieder unbehelligt in die USA reisen könne. Schließlich sei es "intellektuell und künstlerisch eines der adoptierten Heimatländer" des gebürtigen Polen.

Geradezu begeistert zeigten sich die Regierungen Polens und Frankreichs: Radoslaw Sikorski, Chef der polnischen Diplomatie, lobte die "vernünftige Entscheidung". Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterrand nannte die Freilassung "eine gute Nachricht für die künstlerische Gemeinschaft". Der französische Vorzeige-Philosoph Bernard-Henri Lévy verkündete, er sei "verrückt vor Glück". Polanskis Gattin, die französische Schauspielerin Emmanuelle Seigner, sagte der Zeitung "Le Parisien", es sei das Ende "eines neunmonatigen Albtraums" für ihre Kinder und sie. Sie wolle nun endlich wieder ein normales Leben leben.

Schadensersatzforderungen?

Normal wird das Leben von Polanski jedoch auch nach der Freilassung nicht sein. Wie es in dem Mann mit dem tragischen Leben aussieht, weiß nur er selbst. Fakt ist, dass der amerikanische Haftbefehl bestehen bleibt. "Wir werden die Auslieferung Roman Polanskis erneut mit dem Justiz- und Außenministerium diskutieren, sobald er innerhalb einer kooperativen Gerichtsbarkeit festgenommen wird", verkündete der Staatsanwalt von Los Angeles, Steve Cooley (Republikaner). Oder mit den Worten von Philip Crowley, einem Sprecher des Außenministeriums: "Wir haben seinen Fall nicht vergessen."

Und nun? In Frankreich ist Polanski "sicher", da die französische Regierung ihre Staatsbürger nicht an die USA ausliefert. Seine drei Millionen Euro Kaution bekommt er zurück. Mit einer Schadensersatzforderung für die vergangenen zehn Monate rechnet die Schweizer Regierung nicht. Dazu müsste Polanski "einen Schaden geltend machen, für den er nicht mitverantwortlich ist", wies Rudolf Wyss, der stellvertretende Direktor des Bundesamts für Justiz, solche Forderungen präventiv zurück. Aber Polanski selbst habe das Verfahren verzögert.

"Ein schaler Nachgeschmack"

Und die Karriere, die bei Besprechungen des Falles immer wieder in den Vordergrund gestellt wurde? Auf jeden Fall war Polanski während des Hausarrests nicht untätig. Er hat "The Ghostwriter" beendet und zudem an einer Mini-Serie zu Robert Harris' Buch "Pompeii" gearbeitet, wie der "Hollywood Reporter" berichtet.

Unbeschadet ist seine Person nicht. "Es bleibt ein schaler Nachgeschmack", schreibt die "Frankfurter Rundschau". "Nicht Polanski, der große Filmemacher wurde aus dem Hausarrest entlassen, sondern ein kleiner Mann, der ein 13-jähriges Mädchen missbraucht hat." Ein ebenso hartes Urteil fällt das polnische Pendant zur "Welt Kompakt", "Dziennik": "Das amerikanische Recht wird ihn in Europa nicht erreichen. Die Schande kennt aber keine Grenzen." Und auch die "Neue Zürcher Zeitung" kann sich des schlechten Gefühls nicht erwehren: "Letztlich geht es um das Eingeständnis, dass bei übergeordnetem Interesse vor dem Recht nicht immer alle gleich sind. Einige sind etwas gleicher."