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Hörbuch-Kritik

Robert Menasse: "Die Hauptstadt": Wahnsinn Europa: Darum sollten Sie sich den Buchpreisgewinner anhören

In seinem mit dem Deutschen Buchpreis gekrönten Roman "Die Hauptstadt" verwandelt Robert Menasse den täglichen Wahnsinn der EU-Bürokratie in eine packende Geschichte. Ein Buch, das gleichermaßen unterhält, bildet - und den Glauben an Europa weckt.

Robert Menasse: "Die Hauptstadt"

Robert Menasse wurde für seinen Roman "Die Hauptstadt" mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichnet. Das Hörbuch gibt es bei Audible zum Download.

Darum geht es in "Die Hauptstadt":

Das geplante 50-jährige Jubiläum der EU-Kommission ist der Ausgangspunkt dieser Geschichte, die in 14 Stunden Hördauer in den Wahnsinn der europäischen Verwaltungsbürokratie einführt - und von den verschiedensten Seiten beleuchtet. Denn Robert Menasse hat nicht eine Hauptfigur, sondern ein ganzes Universum an zentralen Figuren geschaffen, die um den Brüsseler Machtapparat angesiedelt sind. So tauchen auf: ein österreichischer Beamter, eine zyprische EU-Kommissarin, ein polnischer Auftragskiller, ein belgischer Polizist, ein Holocaust-Überlebender und ein emeritierter Professor. So entspinnt sich aus dem Handeln der vielen Figuren eine Geschichte, die das Absurde des Bürokratiemonsters in bester Kafka'scher Manier zutage treten lässt.

Wer spricht?

Eingelesen wird dieses Hörbuch von dem Schauspieler Christian Berkel ("Der Kriminalist"), der hier kaum merkbar in Erscheinung tritt. Was positiv zu verstehen ist: Berkel drängt sich an keiner Stelle in den Vordergrund, sondern stellt sich ganz in den Dienst des Textes, wodurch sich der Hörer besser auf den Fortgang der Handlung konzentrieren kann.

Warum lohnt sich das Hörbuch?

Zunächst einmal, weil Robert Menasse ein faszinierendes Universum an Charakteren geschaffen hat, denen man als Leser und Hörer gerne folgt. Vor allem macht er sich mit seinem Buch Gedanken über ein wichtiges Thema:  Wenn die EU-Kommission ein von nationalen Egoismen gesteuertes, bürokratisches Monster ist - wie wollen wir Europäer dann künftig regiert werden? Menasse erschöpft sich nicht darin, mit seinen satirisch anmutenden Schilderungen des Brüsseler Molochs die bestehende EU-Verwaltung zu kritisieren. Er entwirft gleichzeitig die Vision eines postnationalen Europas, das von einer gemeinsamen Leitidee und nicht mehr von den Eigeninteressen der einzelnen Länder dominiert wird.

Was nervt?

"Die Hauptstadt" setzt sich aus einer Vielzahl von Handlungssträngen und verschiedenen Perspektiven zusammen. Was zweifellos eine Qualität des Buches ist. Insbesondere in der Hörbuchversion bedeutet das jedoch, dass man dem Text nicht immer leicht folgen kann. Eine kurze Unachtsamkeit, und schon weiß man nicht, wer gerade spricht. Das stellt den Hörer vor eine große Herausforderung und verlangt viel Konzentration.

Beste Stelle:

"Rettungsschirm!, sagte Kai-Uwe. Auf Deutsch kann man solche Neologismen bilden, und sie müssen nur dreimal in der Frankfurter Allgemeinen gestanden haben, und schon kommen sie jedem Gebildeten völlig normal vor. Und dann ist das nicht mehr wegzubringen. Die Chefin sagt das in jede Kamera. Die Übersetzer sind ganz schön ins Schwitzen gekommen. Das Englische und das Französische kennen den Rettungsring und den Regenschirm. Aber was, wurden wir gefragt, ist bitte ein 'Rettungsschirm'?"

Für wen lohnt sich das Hörbuch?

Der Roman ist literarisch anspruchsvoll und lässt sich nicht so nebenbei weghören. Wer aber mit den komplexeren Werken vertraut ist und auch schon mal ein Buch von Jonathan Franzen oder Uwe Tellkamp gelesen hat, wird mit "Die Hauptstadt" keine Probleme haben.

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