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Kinostart "Der Medicus": Lassen Sie ihn durch, er ist Arzt!

Was trägt wer im Mittelalter untenrum? Die Verfilmung von "Der Medicus" mit Ben Kingsley wird Noah Gordons gewaltigem Wälzer so gerecht, wie es in der nötigen Verkürzung für die Leinwand möglich ist.

Von Kester Schlenz

Mittelalterfilme haben ihre Tücken. "Hmmm", seufzt der Kostümbildner Thomas Ohlá, man kümmere sich beim Film ja fast um alles, "aber keiner hat an die Unterwäsche gedacht!" Was trägt wer im Mittelalter untenrum? Den beiden Produzenten Wolf Bauer und Nico Hofmann von UFA-Fiction ist das gerade ziemlich egal. Sommer 2012. Wir sind bei den Dreharbeiten des Filmes "Der Medicus" und die beiden verbraten rund 26 Millionen Euro Produktions-Budget, da kann man sich nicht auch noch um Unterhosen kümmern. So viel Geld kostet die Verfilmung des Bestsellers von Noah Gordon, der nun am 25. Dezember in unseren Kinos startet.

Wir stehen im Studio 54 der Kölner MMC-Studios: Ein von Pest befallener Hund wird gerade mit offenen Eingeweiden aus dem Raum geschoben. Leber und Niere liegen frei. Es sieht ziemlich eklig aus. Im Film spielt diese Szene in einem persischen Krankenhauses. "Mittelalter im Kino - das ist verdammt aufwändig", sagt Nico Hofmann und schaut versonnen in die altertümlichen Kulissen. Gedreht wurde unter anderem in Köln und Marokko. Einen Großteil der Kosten schlucken Requisite und Personal. Zwei Millionen Menschen müssen sich den Film mindestens anschauen, damit die Kasse von Bauer und Hofmann wieder stimmt.

Pralles Abenteuerkino

Das wird wohl klappen. "Der Medicus" ist pralles Abenteuerkino für die ganze Familie geworden. Na ja, vielleicht nicht für die ganz Kleinen. Die FSK-Freigabe ab 12 Jahren ist okay, weil es hier auch schon mal etwas heftig wird. Der Film aber wird Noah Gordons gewaltigem Wälzer so gerecht, wie es in der nötigen Verkürzung für die Leinwand möglich ist.

Rob Cole, gespielt von Jungstar Tom Payne, will nach dem qualvollen Tod seiner geliebten Mutter Krankheiten bekämpfen und wird Assistent eines umherziehenden Baders. Aber der Junge erkennt schnell, wie wenig die Europäer wissen von dem Bösen in uns, das erkannt und besiegt werden muss. Doch er, Rob, kann es fühlen. Immer wenn er die Hände auf die Brust eines Menschen legt, spürt er auf magische Weise, ob der Berührte vom Tode bedroht ist - selbst wenn er oder sie noch gar nichts von einer Erkrankung merkt.

Da die Kirche bei Magie keinen Spaß versteht, behält der junge Heiler seine übersinnliche Fähigkeit lieber für sich. Als Rob von Ibn Sina (im Film gespielt von Oscar-Preisträger Ben Kingsley) erfährt, dem "Arzt aller Ärzte", beschließt er, nach Persien aufzubrechen. Dort, wo die Medizin viel weiter ist als im dunklen Europa, will er das wirkliche Heilen lernen. Er verkleidet sich als Jude, weil Christen im Morgenland nicht wohlgelitten sind, wagt die Reise um die halbe Welt, erlebt haarsträubende Abenteuer, hilft schließlich an der Seite von Ibn Sina, die Pest zu bekämpfen, und findet seine große Liebe. Hach!

Gut, dass ich da noch nicht auf der Welt war

Man merkt, dass der Regisseur Phillip Stölz früher auch mal Werbung gemacht hat. Der Film sieht einfach klasse aus. Malerische Städte dampfen in bestem Licht. Die Wüste lebt, die Ausstattung ist satt. Dennoch kippt der Film nicht zu sehr in eine "Wanderhuren"-Romantik. Der Kontrapunkt zu den Postkartenmotiven ist der Blick hinein in die Wohnstätten der damaligen Europäer. Hier wird das Mittelalter als die - im wahrsten Sinne des Wortes - beschissene Epoche gezeigt, die sie für die meisten Menschen war.

Es wird gestorben und gelitten. Ratten huschen, Wunden schwären. Fliegen summen. Pestbeulen platzen. Der Normalbürger trägt Lumpen, und wenn ein Backenzahn raus muss, gerät der Eingriff zur Viecherei, die der Patient nur gefesselt ertragen kann. Und der Zuschauer denkt: Gut, dass ich da noch nicht auf der Welt war.

Der Film ist zudem sehr ordentlich besetzt. Neben Ben Kingsley spielt Stellan Skarsgard sehr überzeugend den raubeinigen Bader, und auch der Newcomer Tom Payne in der Titelrolle macht einen guten Job. Mit unschuldig-offenem Gesicht blickt er auf offene Wunden und heilt mit Herz und Boygroup-Sex-Appeal.

Sir Ben Kingsley, der eigentliche Star des Films

Wer sich die Besetzungsliste vorher nicht durchliest, kommt übrigens bei einigen Rollen ins Grübeln. Dieser gut aussehende Perser mit Turban? Das Gesicht kenn ich doch. Und ja, es ist Fahri Yardim, Til Schweigers lustiger Sidekick aus dem Hamburger Tatort, der hier genüsslich und ohne jeden Funken Ironie den Schurken gibt. "Fack ju Göhte"-Star Elyas M'Barek ist auch mit dabei. Er spielt richtig herzergreifend einen persischen Jung-Doktor und Kumpel des Medicus, stirbt aber ärgerlicherweise kurz vorm Happy End an Pest.

Sir Ben Kingsley, der eigentlich Stars des Films, ist zugleich der sonderlichste unter den vielen Kollegen am Set. Bei einem Interview trägt er immer noch die handbestickte persische Robe, und es sieht witzig aus, wie er sich so auf eine geschmacklose blaue Hinterzimmer-Couch hockt. Kingsley redet. Er redet gern. Darüber, dass er nicht altert, weil er da mental gegensteuern könne und es deshalb auch kein Problem wäre, nachher wieder zu den Dreharbeiten von "Iron Men 3" zu fliegen. Darüber, dass es viel zu wenig "pure" Rollen gebe. Und er erklärt, weshalb die anderen nicht so gut seien, wie er, Sir Ben Kingsley. Nach nur wenigen Sätzen merkt man, dass Kingsley zwar ein irre guter Schauspieler ist, aber einen kleinen Knall hat. Egal. Entscheidend ist, dass er, wie immer, gut auf der Leinwand rüber kommt.

Kingsley repräsentiert als Ibn Sina die Gegenwelt zum wüsten Mittelalter-Europa - Isfahan in Persien. Hier sind die Heiler viel weiter. Es gibt Krankenhäuser und - Allah sei Dank - Betäubungsmittel auf Opiatbasis. Juden und Moslems leben, heilen und forschen unter dem Schutz eines despotischen, aber modernen denkenden Herrschers zusammen. Bis finstere Islamisten die allzu aufklärerische Völkerfreundschaft mit dem Schwert zerschlagen und die Ärzte ohne Grenzen mordgierigen Seldschuken zum Fraß vorwerfen. Die Mullahs kommen dabei richtig fies rüber. Eine Premiere des "Medicus" in Teheran ist somit schwer vorstellbar.

Historisch möglichst korrekt

Hierzulande werden hingegen wohl besonders Mediziner ihre Freunde an dem Film haben. Jeder Arzt, der ihn sich ansieht, wird mit breiter Halbgott-Brust in seine Praxis zurückschweben und sich mit wehendem Kittel als Epigone des Medicus fühlen dürfen.

Kein Wunder, dass der Arzt Dietrich Grönemeyer, der Bruder von Herbert, sich zwischendurch auch mal die Filmrechte gesichert hatte. Denn der gibt sich gern als moderner Heiler, der altes Wissen und die Moderne verbindet und schrieb schon unter dem Titel "Der kleine Medicus" medizinische Kinderbücher. Aber irgendwie hat der kleine Medicus sich dann wohl doch etwas übernommen. Erst die Groß-Produzenten Bauer und Hofmann stemmten 27 Jahre nach Erscheinen des Buches das Mega-Projekt und bringen das Buch nun ins Kino. Kostümbildner Thomas Ohlá hat übrigens sein Problem schließlich gelöst. Auch die Unterleibe der Schauspieler, versichert er, seien schlussendlich historisch korrekt ummantelt worden. Sehen kann man das im "Medicus" zwar nicht. Aber jetzt wissen wir, dass unten rum alles gut ist. Und das ist für jeden Patienten ja mit das Wichtigste.

Exklusive Trailerpremiere "Der Medicus": Ben Kingsley lehrt den "Medicus"