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Das Fernsehgericht: "Der Medicus": Mittelaltergrusel für die ganze Familie

Noah Gordons Bestseller "Der Medicus" kommt als Zweiteiler im Ersten. Auf ärztlichen Rat sagen wir: Anschauen! Und freuen, dass man nicht im Mittelalter lebt.

Von Kester Schlenz

Ja, das Buch galt als unverfilmbar. Egal. Die beiden Produzenten Wolf Bauer und Nico Hofmann von Ufa-Fiction haben es trotzdem versucht. Nach der Kinoauswertung läuft "Der Medicus" jetzt am 29.und 30. Dezember in der ARD um 20.15 Uhr. Und der Zweiteiler bietet pralles Abenteuerkino für die ganze Familie. Na, ja, vielleicht nicht für die ganz Kleinen. Die FSK-Freigabe ab zwölf Jahren ist schon okay, weil es hier auch schon mal etwas heftig wird. Der Film wird Noah Gordons gewaltigem Wälzer so gerecht, wie es in einer filmischen Verkürzung möglich ist. Rob Cole, gespielt von Jungstar Tom Payne, will nach dem qualvollen Tod seiner geliebten Mutter Krankheiten bekämpfen und wird Assistent eines umherziehenden Baders. Aber der Junge erkennt schnell, wie wenig die Europäer des Mittelalters wissen von dem Bösen in uns, das erkannt und besiegt werden muss. Doch er, Rob, kann es fühlen. Immer wenn er die Hände auf die Brust eines Menschen legt, spürt er auf magische Weise, ob der Berührte vom Tode bedroht ist - selbst wenn er oder sie noch gar nichts von einer Erkrankung merkt.

Da die Kirche bei Magie keinen Spaß versteht, behält der junge Heiler seine übersinnliche Fähigkeit lieber für sich. Als Rob von Ibn Sina (im Film gespielt von Oscar-Preisträger Ben Kingsley) erfährt, dem "Arzt aller Ärzte", beschließt er, nach Persien aufzubrechen. Dort, wo die Medizin viel weiter ist als im dunklen Europa, will er das wirkliche Heilen lernen. Er verkleidet sich als Jude, weil Christen im Morgenland nicht wohlgelitten sind, wagt die Reise um die halbe Welt, erlebt haarsträubende Abenteuer, hilft schließlich an der Seite von Ibn Sina, die Pest zu bekämpfen, und findet seine große Liebe. Hach!

Tom Payne spielt den Jungen Rob, der Krankheiten bekämpfen will und sich daher einem Bader (Stellan Skarsgård) anschließt. Das Erste zeigt den Film "Der Medicus" in zwei Teilen, die Version ist 30 Minuten länger als die Kinoversion.

Tom Payne spielt den Jungen Rob, der Krankheiten bekämpfen will und sich daher einem Bader (Stellan Skarsgård) anschließt. Das Erste zeigt den Film "Der Medicus" in zwei Teilen, die Version ist 30 Minuten länger als die Kinoversion.

Man merkt, dass der Regisseur Philipp Stölzl früher auch mal Werbung gemacht hat. Der Film sieht einfach klasse aus. Malerische, mittelalterliche Städte dampfen in bestem Licht. Die Wüste lebt, die Ausstattung ist satt. Dennoch kippt der Film nicht zu sehr in eine "Wanderhuren"-Romantik. Der Kontrapunkt zu den Postkartenmotiven ist der Blick hinein in die Wohnstätten der damaligen Europäer. Hier wird das Mittelalter als die - im wahrsten Sinne des Wortes beschissene Epoche gezeigt, die sie für die meisten Menschen war. Es wird gestorben und gelitten. Ratten huschen, Wunden schwären. Fliegen summen. Pestbeulen platzen. Der Normalbürger trägt Lumpen, und wenn ein Backenzahn raus muss, gerät der Eingriff zur Viecherei, die der Patient nur gefesselt ertragen kann. Und der Zuschauer denkt: Gut, dass ich da noch nicht auf der Welt war.

Bekannte Gesichter auch in den Nebenrollen

Der Film ist zudem sehr ordentlich besetzt. Neben Ben Kingsley spielt Stellan Skarsgård sehr überzeugend den raubeinigen Bader, und auch der Newcomer Tom Payne in der Titelrolle macht einen guten Job. Mit unschuldig-offenem Gesicht blickt er auf offene Wunden und heilt mit Herz und Boygroup-Sex-Appeal.

Wer sich die Besetzungsliste vorher nicht durchliest, kommt übrigens bei einigen Rollen ins Grübeln. Dieser gutaussehende Perser mit Turban? Das Gesicht kenn ich doch. Und ja, es ist Fahri Yardim, Til Schweigers lustiger Sidekick aus dem Hamburger "Tatort", der hier genüsslich und ohne jeden Funken Ironie den Schurken gibt. "Fack ju Göhte"-Star Elyas M'Barek ist auch mit dabei. Er spielt richtig herzergreifend einen persischen Jung-Doktor und Kumpel des Medicus, stirbt aber ärgerlicherweise kurz vorm Happy End an Pest.

Sir Ben Kingsley, der eigentliche Stars des Filmes, repräsentiert als Ibn Sina die Gegenwelt zum wüsten Mittelalter-Europa - Isfahan in Persien. Hier sind die Heiler viel weiter. Es gibt Krankenhäuser und - Allah sei Dank - Betäubungsmittel auf Opiatbasis. Juden und Moslems leben, heilen und forschen unter dem Schutz eines despotischen, aber modern denkenden Herrschers zusammen. Bis finstere Islamisten die allzu aufklärerische Völkerfreundschaft mit dem Schwert zerschlagen und die Ärzte ohne Grenzen mordgierigen Seldschuken zum Fraß vorwerfen. Die Mullahs kommen dabei richtig fies rüber. Eine Ausstrahlung des "Medicus" in Teheran ist somit schwer vorstellbar.

Auf ärztlichen Rat sagen wir: Anschauen!

"Der Medicus" läuft am Montag, 29., und Dienstag, 30.12., jeweils um 20.15 Uhr im Ersten.