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Elyas M'Barek: A Most Wanted Man

In "Who Am I" spielt Tom Schilling zwar alle an die Wand, doch das wildschlagende Herz des Films hält Publikumsliebling Elyas M'Barek in den Händen. Ein Mann, eine Karriere, ein Treffen.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Strahlt - kann aber auch ernsthaft. Elyas M'Barek sagt: "Ich definiere mich nicht nur über das, was ich beruflich mache."

Strahlt - kann aber auch ernsthaft. Elyas M'Barek sagt: "Ich definiere mich nicht nur über das, was ich beruflich mache."

E lyas M’Barek hat gerade allen Grund dazu, sich irgendwo festzuhalten. Um auf dem Boden zu bleiben. Der Münchner liefert einen Blockbuster nach dem anderen: Nach der Kinoversion von "Türkisch für Anfänger" und dem Paukerfilm 2.0 "Fack ju Göthe" startet nun der Hackerkrimi "Who Am I". Der Kalauerkracher "Männerhort" kommt gleich hinterher. Und "Fack ju Göthe 2" ist in Arbeit.

M'Bareks Fans erreichen bei Premieren Tokio-Hotel-mäßige Kreischhöhen (Frankfurt), manchen reicht auch schon ein Poster (verblüffende Szene in Berlin Mitte). Das Männermagazin "GQ" hat den Schauspieler soeben im James-Bond-Outfit (Anzug und Frauen) auf den Titel genommen und prophezeit ihm, die "neue Supermacht im deutschen Filmgeschäft" zu werden. Er hat 2.123.136 Facebook-Fans, 260.000 Follower auf Twitter und - falls Facebook mal abschmiert - auch noch 387.000 auf Instagram. Der "Hollywood Reporter" nannte ihn schon vor "Fack ju Göthe" "one of Germany's hottest actors". Und Regisseure, mit denen er gearbeitet hat, schwärmen einfach nur. Kein Wunder also, dass der 32-Jährige sich an eine Sofalehne klammert.

Auf der Überholspur

Obermacho Zeki Müller ist nämlich gerade nicht da, als M'Barek an einem Interviewtag in Berlin in der Sofaecke sitzt, Handy und Marlboro ordentlich gestapelt vor sich auf dem Tisch, und erstaunlich ernsthaft Fragen beantwortet. Vielleicht hat er ja genug von den Erwartungen, die seine erfolgreichsten Rollen mit sich bringen: immer rotzig, aber charmant, immer laut, aber irgendwie auch lieb, ein richtiger Kerl, der in jedem Film irgendwann das Hemd auszieht, aber auch einer, der im richtigen Augenblick die Klappe hält. Vielleicht ist Elyas M'Barek aber auch einfach nur ein bisschen erschöpft. Dazu hat er jedes Recht.

Seit 2001 arbeitet der Sohn einer Österreicherin und eines Tunesiers auf Hochtouren. Es begann wie im Film: Gelangweilter Elyas begleitet seinen Schauspiel-ambitionierten Bruder zum Casting und wird entdeckt. Sein Kinodebüt gibt er in der Komödie "Mädchen Mädchen". Nach dem Abitur, das ebenfalls harte Arbeit war, wollte er aus Vernunftsgründen BWL studieren, drehte dann aber doch lieber Filme. Mindestens zwei Produktionen im Jahr. Und er landete in der Rollenschublade "Migrant, kleinkriminell, 'voll krass, Alter'". Hier beginnt wohl die wahre Karriere des Elyas M'Barek. Anstatt rumzuheulen, nahm er den Stereotyp begeistert an, perfektionierte ihn und feierte 2006 den Durchbruch im deutschen Fernsehen als Cem Öztürk in der hochgelobten Serie "Türkisch für Anfänger". Und für Cem gab es auch gleich den Deutschen Fernsehpreis.

Großer und kleiner Clooney

Großer und kleiner Clooney

2008 überzeugte M'Barek im Kinoerfolg "Die Welle" als faschistischer Schüler, immer noch Türke. Und 2009 durfte er in Uli Edels Bushido-Biografie den jungen Rapper geben, der immerhin wie er einen tunesischen Vater hat. Die totale Gegenrolle markierte den nächsten cleveren Karriereschritt: Dr. Maurice Knechtlsdorfer mit Wiener Schmäh im TV-Hit "Doctor's Diary". Frauen wie Männer drehten durch. Im Kino spielte M'Barek derweil Matthias Schweighöfers besten Freund und sorgte dafür, dass Nora Tschirner sich locker macht. 2012 war der Film zur Serie "Türkisch für Anfänger" mit 2,4 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Kinofilm des Jahres. Das schaffte "Fack ju Göthe" ein Jahr später in gerade mal zwei Wochen. Mit insgesamt mehr als sieben Millionen Zuschauern ist es der vierterfolgreichste Film in Deutschland.

Und trotzdem sagt M'Barek: "Erfolg ist nicht lebensentscheidend." Die Karriere sei nur ein Aspekt im Leben, nämlich der berufliche. "Es gibt noch ganz viele andere Dinge, die wichtig sind: Freundschaften, Familie, Gesundheit, Glück." Er nestelt am Hemd und wirkt so fokussiert, als sträube er sich ein wenig gegen den Hype: "Ich stehe nicht erst seit gestern vor der Kamera. Ich habe mit 17 angefangen. Seitdem ist alles in kleinen Schritten passiert, es gab immer wieder Rückschläge. Deshalb weiß ich auch, wie es sein kann, wenn es anders ist. Und es würde mich auch nicht überraschen, wenn es wieder so kommt." Und wie geht er mit diesem Wissen um? "Ich habe schon früh für mich beschlossen, dass ich das alles nicht so ernstnehmen darf. Ich definiere mich nicht nur über das, was ich beruflich mache."

George Clooney im Kopf

Während er sich in seiner Sofaecke langsam entspannt, fällt auf, dass er ziemlich große Ähnlichkeit mit George Clooney haben kann. Mit dem jüngeren Clooney, mit definitiv besserem Haarschnitt. Und irgendwie scheint auch plötzlich seine Leichtigkeit, die Stilsicherheit, diese Grundentspanntheit, egal, was kommt, ein bisschen Clooney-esk. Vorbilder? M'Barek winkt ab. Gibt es nicht. Und es gab auch "früher keine in der deutschen Filmlandschaft. Es gab ja niemanden, mit dem ich mich hätte identifizieren können, also auch niemanden, dem ich nacheifern konnte oder wollte." Ein bisschen hat er sich übrigens schon gewundert, dass beim Film alle über seinen "Migrationshintergrund" redeten. "Ich bin Münchner. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Das ist meine Kultur."

Trotzdem ist der Clooney jetzt im Kopf. Das Tattoo aus "Fack ju Göthe" erinnert plötzlich an das aus "From Dusk Till Dawn", und M'Bareks Leinwandlächeln zwischen hart und weich erinnert an "Out of Sight". Nicht auszudenken, was passiert, wenn er erstmal graue Schläfen bekommt.

USA - ein totales Desaster

Einen Ausflug nach Amerika hat er auch schon hinter sich. Doch sein Auftritt als Vampir in "Chroniken der Unterwelt" wurde fast komplett rausgeschnitten. In der internationalen Produktion "Der Medicus" durfte er bleiben. Sein Ehrgeiz hält sich allerdings in Grenzen: "Ich habe einmal in New York so eine Casting-Tour gemacht und mich bei verschiedenen Leuten vorgestellt. Das war ein totales Desaster, weil die mich und meine Filme natürlich überhaupt nicht kennen. Da hat man so eine totale Bittsteller-Position, ist wieder ganz am Anfang und weiß aber gar nicht, was man da verloren hat."

Mittlerweile liegt M'Barek mehr auf dem Sofa, als dass er sitzt. Ein Mann von 32 Jahren, dem alles offen steht, auf den sich ganz Deutschland als Publikumsliebling endlich mal einigen kann, der sich einst festgelegt hat, um seine Zuschauer fulminant zu überraschen, der die perfekte deutsche Projektionsfläche ist, weil er die Fantasie Pony-verrückter Mädchen aus Paderborn genauso ankurbelt wie die der ganz realen Cems aus Berlin.

Wie kommt man eigentlich klar mit diesen Projektionen und dieser Dauerbewertung von außen? "Man muss sich davon freimachen. Aber ich habe keine Ahnung, wie das ist, wenn in zehn Jahren die ersten Fotos von mir auftauchen an irgendeinem Strand mit Rettungsringen am Bauch, und die Leute dann sagen: 'Aha, wo ist denn sein Sixpack hin'. Ich hoffe, ich bin dann total gelassen."