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DAS MITTELALTER: Die neue Sehnsucht

Keine andere Epoche fasziniert die Menschen der Moderne mehr als die Zeit von 500 bis 1500. Warum zieht uns die vermeintlich einfache Welt des Mittelalters so magisch an? Und warum gerade jetzt?

Keine andere Epoche fasziniert die Menschen der Moderne mehr als die Zeit von 500 bis 1500. Warum zieht uns die vermeintlich einfache Welt des Mittelalters so magisch an? Und warum gerade jetzt?

Am gefährlichsten war es im Wald, wo ständig das Böse lauerte. »Versteckt euch! Um Gottes willen! Versteckt euch!«, warnt ein kleiner Junge die Fremden. Doch zu spät: »Sie starrten schockiert das an, was auf sie zu galoppiert kam. Im nächsten Augenblick beugte sich der schwarze Reiter ein wenig zur Seite und schlug im Vorbeireiten weit ausholend mit seinem Breitschwert nach Gomez. Chris sah Gomez' kopflosen, blutspritzenden Torso, der langsam zu Boden sank.« Fürwahr, finstere Zeiten, damals, im Mittelalter.

Der Autor Michael Crichton, der diese Szene schrieb, ist Trend-Scout. Aus verborgenen Ängsten und Sehnsüchten macht er regelmäßig Millionen-Erfolge. Wohlkalkuliert und gekonnt routiniert. In »Jurassic Parc« war es die Furcht vor den Gefahren der Gen-Manipulation, in »Airframe« schlicht Flugangst. Im neuen Roman »Timeline«, Untertitel »Eine Reise in die Mitte der Zeit«, wittert die Spürnase den Thrill in finsterer Vergangenheit. »Das Mittelalter ist eine Zeit, die so viel direkter, so viel praller war als unsere moderne Welt«, sagt Crichton (sprich: Kreiton). So startet er ins 3. Jahrtausend mit einer Geschichte aus dem 14. Jahrhundert.

In dem Buch lässt der Amerikaner eine Gruppe von Wissenschaftlern genau dorthin, wohin sich viele von uns täglich träumen: Raus aus dieser durchrationalisierten Welt, rein ins abenteuerliche Mittelalter! Ganz einfach per Quantensprung. In der Zeit des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich (1339 bis 1453) müssen seine Helden fremden Rittern den Kopf abschlagen oder auf Turnieren ihre Ehre verteidigen. Das Stroh, auf dem sie schlafen, ist glitschig, überall stinkt es zum Gotterbarmen. Von der ritterlichen Idylle, die wir von »Ivanhoe« kennen, bleibt bei Crichton nichts übrig. »Er beschreibt die Zeit sehr modern«, sagt Otto Gerhard Oexle, Mittelalter-Historiker und Direktor des Göttinger Max-Planck-Instituts für Geschichte. »In Crichtons Mittelalter sind die Menschen weder barbarisch noch primitiv, sie handeln genauso machtbezogen und durchsetzungsfähig wie heute. Das entspricht durchaus dem neuesten Forschungsstand.«

Abermals hat Crichton das richtige Händchen bewiesen. 50000 Bücher sind verkauft, weitere 20000 ausgeliefert. Nach vier Wochen ist »Timeline« in Deutschland ein Bestseller. Dieser Erfolg zeigt, dass das Mittelalter wieder einmal hochaktuell ist. Wer genau hinguckt, entdeckt es überall im Alltag des 21. Jahrhunderts. Im Kino, im Computerspiel, im Kinderzimmer, im Versandhauskatalog. Kein Gemeindefest ohne mittelalterlichen Markt, kein Stadtjubiläum ohne Ritterturnier. Aus einer finsteren Epoche der Geschichte ist ein Riesen-geschäft geworden. Mittelalter-Events brechen alle Publikumsrekorde. Die große Paderborner Ausstellung über »Kunst und Kultur der Karolingerzeit« sahen voriges Jahr 320000 Besucher - in nur hundert Tagen. Es muss etwas in den tausend dunklen Jahren stecken (»dark ages«, sagen die Engländer), was den Menschen des Computerzeitalters tief berührt.

Ein Mittelalter-Roman wie Umberto Ecos »Der Name der Rose« hat sich weltweit 16 Millionen mal verkauft. Von Noah Gordons »Medicus« sind inzwischen allein in Deutschland über fünf Millionen Exemplare abgesetzt worden. Sein neuestes Werk »Der Medicus von Saragossa« bescherte dem Karl Blessing Verlag innerhalb von sechs Monaten eine Auflage von 400000. »Der ernährt uns«, heißt es im Münchner Verlagshaus.

Der Verein »Kramer Zunft und Kurtzweyl«, der aus einem Mittelalter-Markt Anfang der 80er hervorging, organisiert inzwischen jährlich 35 Großveranstaltungen im Stil dieser vermeintlich heilen Vergangenheit, die nächste am kommenden Osterwochenende in Hamburg. Zigtausende Besucher sind inzwischen die Regel. Die Zeitschrift »Karfunkel«, Fachorgan der deutschen Mittelalter-Freaks, verkauft vierteljährlich 15000 Exemplare, jedes Heft für immerhin neun Mark. Allein für dieses Jahr zählt es um die 3000 Veranstaltungen rund um Ritter, Furcht und Tadel auf. Von »Bogenbau und Meditation« bis zum »Ritterturnier«. »Das läuft inzwischen hoch- professionell«, sagt »Karfunkel«-Chef Michael Wolf. Etwa 3000 Menschen, schätzt er, leben gut von der »Branche Mittelalter«.

Das »Mittelalter« ist eine Erfindung der Renaissance. Zwar hatte schon der Zisterziensermönch Joachim von Fiore um 1200 behauptet, man lebe im »media aetas«, im mittleren Zeitalter, zwischen der Menschwerdung Gottes und seiner Wiederkehr am Jüngsten Tag. Das heutige Verständnis wurzelt jedoch bei den humanistischen Denkern des 15. und 16. Jahrhunderts. Die sahen sich in der direkten Nachfolge antiker Traditionen - alles, was dazwischen lag, störte und musste als mittelmäßige Übergangszeit abgetan werden: Unwissen habe das Mittelalter geprägt, ahnungsloses Gottvertrauen. Jetzt hingegen herrsche wieder die Klar- und Weitsicht des Humanismus. Ende des 17. Jahrhunderts setzte der Hallenser Professor Christian Cellarius den Begriff auch in der Geschichtsschreibung durch, als er die Zeit zwischen dem Tod Kaiser Konstantins (337) und der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) als »Mittelalter« bezeichnete. Dass er damit mal eben rund tausend Jahre über einen Kamm scherte, kümmerte ihn wenig.

In diesen tausend Jahren findet jeder, was er finden will: Puristen etwa den kargen Alltag Karls des Großen im 8. Jahrhundert (siehe Seite 84), Genießer die üppigen Turniergelage des späten 14. Jahrhunderts. Das eine hat mit dem anderen so viel zu tun wie die entbehrungsreiche Entdeckungsfahrt Kolumbus' mit einer Luxus-Kreuzfahrt von heute. Doch das Mittelalter hat Platz für beides - und das macht den Einstieg so einfach für Sehnsüchtige und Sinnsucher. Keine andere historische Epoche bietet eine solche Fläche für Projektionen, Fantasien und Wunschträume. »Je nach Zeitstimmung fliehen die Menschen in die ,moderne' Renaissance oder ins ,rückständige' Mittelalter. Im Moment geht es wieder mehr ins Mittelalter«, sagt Professor Oexle.

Eine Flucht ins weitgehend Unbekannte. Die Zeit, in der fast nur Klostermönche die Schrift beherrschten, hat nicht viel hinterlassen. Archäologische Funde müssen als Zeugnis ebenso herhalten wie Bildquellen und Bauwerke. Es ist schwierig, Klarheit über die tausend Jahre zu bekommen. Und solange das Mittelalter Terra incognita bleibt, kann es, sagt Oexle, »trivialisiert« werden. Heute prosperierende Unternehmen wie »Kramer Zunft und Kurtzweyl« gingen teilweise aus der Öko-Bewegung der späten 70er hervor. Im Mittelalter fanden die Alternativos das, was sie im Alltag des späten 20. Jahrhunderts vermissten: Ursprünglichkeit, Überschaubarkeit und selbstgebackenes Brot. Die verkleideten Handwerker, Hofnarren und Spielleute tragen bis heute grobgewebte Wämser, spielen althergebrachte Instrumente und versuchen, mittelalterliches Leben so zu imitieren, wie man es gern hätte.

Zunehmend kümmert sich auch die moderne Forschung um die »Geschichte von unten« jenseits der politischen Ereignisse. Kulturwissenschaft, Anthropologie und Soziologie gehören heute zum historischen Handwerkszeug. Vor allem die deutsche Mittelalter-Forschung musste in den vergangenen 30 Jahren erkennen, dass sie sich zu sehr auf die Geschichte der Herrscher konzentriert hatte. Während die Franzosen kein Problem damit haben, sich als Nachfahren des Frankenkönigs Chlodwig (466-511) zu verstehen, stand den Deutschen beim Blick zurück stets die finstere Zeit des Nationalsozialismus im Wege. Wer wollte nach dem Krieg im Land von Hitler und Auschwitz das ferne Mittelalter erforschen? Also ist das Jahrtausend zwischen 500 und 1500 für viele immer noch die Welt von König Artus und Robin Hood.

Schon vor zweihundert Jahren konnten die Romantiker nostalgisch das Mittelalter feiern. Für Novalis war die Zwischenzeit die glückliche Epoche, die von Einheit, Ganzheit und Gemeinschaft geprägt war. Die lauschige Gegenwelt des Mittelalters war in der Ungewissheit von Säkularisierung und beginnender Industrialisierung willkommene Zuflucht: Früher war eben alles besser. Nun, da die Aufklärer den Menschen in die Selbstbestimmung führen wollten, forderte Novalis Widerstand: Die Zeitgenossen sollten sich allen »frechen Ausbildungen menschlicher Anlagen auf Kosten des heiligen Sinns« widersetzen. Genauso gefährlich seien die »unzeitigen gefährlichen Entdeckungen im Gebiete des Wissens«. Die Geschichte hat gezeigt, wer sich durchsetzte.

Kommt die Krise, kommt das Mittelalter, das ist die Faustregel. Sind die Menschen verunsichert, fliehen sie ins - angebliche - Idyll von Barbarossa & Co. Nicht zuletzt Hitler kehrte mit Führerkult, Elitedenken und Germanen-Riten auch ins Mittelalter zurück. Weltwirtschaftskrise und Zusammenbruch der Weimarer Republik hatten die Deutschen empfänglich gemacht für »Blut und Boden« an Stelle des klaren Verstands.

Als der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerfiel, reanimierte der serbische Diktator Milos?evic¿ kurzerhand den Mythos von der Schlacht auf dem Amselfeld. Plötzlich glaubten die Serben, sie müssten an den Moslems eine Niederlage rächen, die über 600 Jahre zurücklag. Jedes Unbehagen an der Moderne erweckt das ferne Mittelalter wieder zum Leben.

»Jede Gegenwart sucht sich ihre Vergangenheit«, bestätigt die international renommierte Literaturwissenschaftlerin und Erinnerungsforscherin Aleida Assmann. Das Mittelalter diene als »Zuflucht aus aktuellen Problemen«. Wie eine Ruine suggeriere es Stabilität: halb verfallen zwar, aber doch in sich gefestigt. Sehnsuchtsvoll blicken die Menschen in eine Zeit zurück, in der nicht jeden Tag etwas Unvorhersehbares drohte - Pest, Plünderung und Krieg werden ausgeblendet. In der globalisierten Welt von heute diene die lokal begrenzte Welt des Mittelalters als »idealer Zufluchtsort«. Überschaubarkeit statt Chaos, die Macht des Einzelnen statt Hilflosigkeit. »Jede Mittelalter-Begeisterung bringt auch die Heroisierung von Individuen mit sich«, sagt Assmann.

Ein Quell, aus dem vor allem das Kino immer wieder schöpft. Filme wie »Braveheart« mit Mel Gibson, »Rob Roy« mit Liam Neeson oder auch, jüngstes Beispiel, »Johanna von Orléans« mit Milla Jovovich zeigen nur vordergründig mittelalterliche Abenteuer. Dahinter verbergen sich Geschichten von mythischen Nationalhelden, die ein Volk aus der Krise führen. »Das traut sich heute nur noch Hollywood«, findet Aleida Assmann. Der Erfolg dieser Filme offenbart die Sehnsucht des Publikums: Damals herrschten eben noch klare Werte, für die es sich zu kämpfen lohnte.

»Auch wenn die Menschen heute völlig individualisiert leben, so sind sie immer noch soziale Wesen«, sagt der Hamburger Trendforscher Andreas Steinle. Der Boom von Benimm-Ratgebern und Etikette-Führern zeige, wie groß der Bedarf nach festen Regeln sei. »Mittelalterliche Rituale, Hofleben, Werte wie Ehre und Tugend sind gefragt.« In der Anonymität der modernen Welt herrscht Verunsicherung. »Wenn heute ein Mann eine Frau zum Tanzen auffordert, weiß er doch gar nicht, wie sie reagiert. Womöglich ist sie gleich genervt«, hat Steinle beobachtet.

Meinhard Miegel, Wirtschaftsprofessor aus Bonn, beobachtet eine »extreme Betonung der Interessen des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft«. Das Lebenziel bestehe heute in »Genuss und Selbstverwirklichung«. Unabhängigkeit und individuelle Freiheit seien die höchsten Werte. Doch die Befreiung des Einzelnen führe nicht nur zu höherer Konkurrenz, sondern auch zur Auflösung von Ehe und Familie. Dagegen stehe das Mittelalter als die exemplarische Zeit der »Gemeinschaftsorientierungen«: »Der Einzelne, die Gemeinschaft und die Natur bilden im mittelalterlichen Denken eine unauflösliche Einheit.«

Verglichen damit herrscht heute Chaos. Der Mensch ist befreit - und orientierungslos. Das erleichtert den modernen Sinnstiftern die Botschaft. Versandhäuser wie »Manufactum« (mittellateinisch für »von Händen gemacht«) werben mit mittelalterlicher Tradition: »Das Kupfer für unsere Töpfe und Pfannen kommt aus einer der alten Schmieden des normannischen Kupferstädtchens Villedieu, in dem seit fast 1000 Jahren Kupfer zu Haushaltswaren geschmiedet wird.« Der Pott, in dem schon die Normannen ihren Eintopf kochten, lässt auch das Brunnenkresse-Süppchen gelingen.

»Star Wars« ist mit seinen schwertkämpfenden Science-Fiction-Helden nichts anderes als esoterisch verbrämtes Mittelalter, auch wenn die Schwerter aus Licht sind und nicht aus Eisen. Nicht umsonst heißen die Guten »Ritter« und nicht »Jedi-Mann«. Die Filme zeigen, wie edles Wesen, Ehrbarkeit und Mut zur »Macht« führen. Die ist dann stärker als jedes Monster, und als das Böse sowieso. Ausgerechnet »Star Wars«, die erfolgreichste Kino-Serie aller Zeiten, führt uns in eine Zukunft, die der Welt von vorgestern gleicht. Nicht anders sieht es in Fantasy-Millionensellern aus: Tolkiens »Herr der Ringe« spielt in einer mittelalterlichen Welt - und wird derzeit in Neuseeland mit Millionenaufwand und Topstars verfilmt. Michael Crichton weiß: »Alle Zukunftskonzepte sind Rückgriffe auf die Vergangenheit. Alle.«

In Computerspielen wie »Ultima« oder »Majesty« können Bildschirm-Recken im virtuellen Raum - auch des Internets (»Ultima online«) - ihr Ritterpotenzial ausloten: »Es ist richtig, gut zu sein. Wenn wir gut sind, wachsen wir über uns selbst hinaus, um unseren Mitmenschen Stärke zu verleihen«, heißt es im Handbuch des neuesten Ultima-Spiels »Ascension« (»Himmelfahrt«). Nicht das Recht des Stärkeren zählt in dieser Fantasiewelt, sondern Tugend, Moral und Mitgefühl. Ich kämpfe nicht mehr gegen die anderen, sondern für die anderen. Und wenn dann doch irgendein Sozialdarwinist des Weges kommt, wird ihm mit dem »zweihändigen Streithammer« eins übergesemmelt.

In der Alltagswelt von heute, in der jeder immer stärker auf sich allein gestellt ist, dient das ach so heile Mittelalter als Idyll, in dem stets die Gerechtigkeit siegt. Um uns herum herrscht Auflösung, alles wird anonym und abstrakt. Da bereitet der böse Schwarze Ritter in der simulierten Vergangenheit blankes Vergnügen: Immerhin steht er dem Spieler direkt gegenüber und stellt sich dem Kampf. »Das Waffentragen ist ein sehr wichtiger Faktor für die Mittelalter-Spieler«, sagt »Karfunkel«-ChefWolf. Das mag archaisch sein, führt aber offenbar zu tiefer Befriedigung in einer Zeit, in der Fusionen, die irgendwer irgendwo beschließt, den Arbeitsplatz gefährden und Bomben per Computer gesteuert werden.

Schön einfach soll sie also gewesen sein, die Welt des Mittelalters: Gut gegen Böse, Oben gegen Unten, König gegen Kirche. Tatsächlich ließ der tägliche Überlebenskampf keinen Raum für Weltpolitik, die heute via Börsenkurs bis ins eigene Portemonnaie hineinwirkt. Dafür lauerte ständig das Böse im Wald.

Derlei Urängste erlebe der moderne Mensch nur noch, wenn er aus Versehen die Subway nach Harlem besteigt, schrieb Umberto Eco 1973 in seinem Essay »Auf dem Wege zu einem neuen Mittelalter«. Inzwischen ist auch dieser Teil New Yorks längst nicht mehr so bedrohlich wie ein Wald im 13. Jahrhundert. Die Zivilisation schreitet immer weiter voran. Echtes Abenteuer bietet nur noch die Simulation.

Florian Gless