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"Eros in der Kunst der Moderne" Wiener Ausstellung lockt mit "Jugendverbot"


Eigentlich ist es eine gewöhnliche Kunstausstellung. Doch es um den Eros in der Moderne geht, ist die Schau im Wieder BA-CA-Kunstforum nicht für jeden uneingeschränkt geöffnet - Kinder unter 16 dürfen nur in Begleitung ihrer Eltern eintreten.
Von Carsten Heidböhmer

So lange es Kunst gibt, haben Malerinnen und Maler erotische Szenen und Sexualität zum Gegenstand ihrer Werke gewählt. Schon in der Antike haben griechische Künstler mit ihren Skulpturen dem nackten Körper ein Denkmal gesetzt, das die Jahrtausende überdauert hat. Seit Beginn der Moderne gehen die Künstler deutlich expliziter mit diesen Themen um. So ist es kein Wunder, dass eine Schau mit dem Titel "Eros in der Kunst der Moderne" Bilder zeigt, die immer mal wieder die Grenze zu Pornografie und Obszönität streift. Vor 100 Jahren geführte Kulturkämpfe um nackte Haut auf der Leinwand sind längst ausgefochten, die Schlachten sind geschlagen.

So verwundert es kaum, dass in der am 1. März eröffneten Ausstellung im Wiener BA-CA Kunstforum längst vertraute Bilder zu sehen sind. Die Auswahl reicht vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Werke von Gustav Klimt, Auguste Renoir, Gustave Courbet, Edgar Degas, Egon Schiele und Paul Gauguin stehen für die frühe Moderne. Die Surrealisten sind vertreten durch Salvador Dalí, René Magritte und Max Ernst; es gibt Pop-Art von Roy Lichtenstein zu sehen, und aus der Gegenwart grüßt Jeff Koons. Alles Bilder, die ihren festen Platz im abendländischen Kunstkanon eingenommen haben. Kein Grund, für besondere Vorsichtsmaßnahmen, sollte man meinen.

Erst ab 16 geeignet

Doch nicht jeder ist in der Schau erwünscht. Die Homepage des Kunstforums enthält den Hinweis: "Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sollten die Ausstellung nur unter Aufsicht der für sie verantwortlichen Erwachsenen besuchen." Ein Jugendverbot? "Es handelt sich hier um eine Empfehlung", sagt Direktorin Dr. Ingried Brugger auf Nachfrage von stern.de. Klingt ja erst einmal schön unverbindlich. Tatsächlich wird jedoch ein 15-jähriger Kunstinteressent, der ohne begleitenden Erziehungsberechtigten die Ausstellung besuchen will, an der Tür abgewiesen, wie Pressesprecher Wolfgang Lamprecht bestätigt.

Die Klassiker der Moderne nicht geeignet für die heutige Jugend? Lamprecht verweist auf eine Anfrage beim Jugendamt in Wien. Da die gleiche Ausstellung im schweizerischen Riehen/Basel erst ab 16 freigegeben war, gab man dort die unverbindliche Empfehlung ab, in Wien ähnlich zu verfahren.

Lamprecht selbst ist von der Altersempfehlung eher belustigt. Logisch lässt sich das für ihn nicht nachvollziehen. Seine Meinung: Kunst braucht keinen Schutz. Er räumt aber auch ein, dass die Ausstellung durchaus von der Altersbeschränkung profitieren könnte. Der Anschein des Verbotenen kann auch bei den Leuten Interesse wecken, die sonst nicht ins Museum gehen.

Mit der gleichen Methode bringen sich auch HipHop-Musiker und Rockstars immer wieder ins Gespräch: Sie versehen ihre CDs gerne mit dem Aufkleber "Explicit Lyrics", um ihren Käufern zu versichern, dass es sich auch garantiert um böse Texte handelt, mit denen man Papi und Mami auf die Palme bringen kann.

Einen Sittenverfall läuten derartigen Songtexte jedenfalls nicht ein. Genauso wenig schadet es Jugendlichen, Gemälde von Gustav Klimt oder Picasso zu betrachten. Im Vergleich zu dem, was Kinder täglich im Fernsehen und Internet an Erotik und Sexualität zu sehen bekommen, handelt es sich bei den in Wien ausgestellten Kunstwerken um äußerst harmlose Bilder. Verdorben wird von deren Anblick niemand - eher schon wecken die Gemälde auch beim jungen Betrachter die Sensibilität für Erotik.

Andererseits kratzt eine moderate Altersempfehlung nicht gleich an den Fundamenten abendländischer Kunstfreiheit. Auch wenn nicht jeder ins Museum darf: Die Freiheit des gedruckten Wortes gilt weiterhin uneingeschränkt. Der Ausstellungskatalog der Baseler Ausstellung ist im Buchhandel frei erwerbbar - ohne jegliche Altersbegrenzung.


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