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Interview

Halloween: Das sagt ein echter Clown den Horrorclowns

Der nervige Horrorclown-Trend lässt auch die echten Spaßvögel nicht kalt. Ein Interview mit dem Clown Reinhard "Filou" Horstkotte von Rote Nasen Deutschland über die Gruseldeppen, ihre Auswirkungen auf die Branche und das Clownsein.

Der professionelle Clown Reinhard Horstkotte vom Rote Nasen Deutschland e.V.

Man sieht es ihm nicht an, aber bei Horrorclowns hört für ihn der Spaß auf: Der professionelle Clown Reinhard Horstkotte vom Rote Nasen Deutschland e.V.

Halloween rückt näher und mit dem Gruselfest nimmt auch der leidige Trend der sogenannten Horrorclowns in Deutschland an Fahrt auf. Aus immer mehr Städten kommen Berichte über vermeintliche Spaßvögel, die anderen in entarteten Clownsmasken auflauern, sie erschrecken, bedrohen und teilweise sogar angreifen. Für die echten Clowns hört der Spaß damit auf.

Ein dieser echten Clowns ist Reinhard "Filou" Horstkotte von Rote Nasen Deutschland. Er koordiniert dort die Besuche von rund 25 Clowns in Kinderkrankenhäusern, Seniorenheimen und Flüchtlingsunterkünften. "Und ich bin selbst natürlich in erster Linie Clown." Der stern sprach mit Horstkotte über den Horrorclown-Trend, seine Auswirkung auf die Branche und das Clownsein. 

Herr Horstkotte, was war Ihr schönstes Erlebnis als Clown?

Da habe ich zwei. Einmal habe ich ein 15-Jähriges Mädchen, was seit einer Woche nicht mehr gesprochen hat, zum Sprechen gebracht. Sie hatte ein großes Furunkel an der Nase. Für Jugendliche ist es natürlich heftig, wenn das Aussehen leidet. Dann habe ich an ihre Zimmertür im Krankenhaus angeklopft und vorsichtig die Tür aufgemacht. Ich schaute auf ihre Nase und sagte provokant: 'Hallo Kollegin!' Sofort musste sie grinsen und es platzte aus ihr heraus: 'Das habe ich gewusst, dass du das sagst!' Ab dann hat sie wieder gesprochen.

Das andere ist ein sehr trauriges Erlebnis. Es ging um ein Kind mit Mukoviszidose, das im Sterben lag. Ein achtjähriger Junge, schon viele Monate auf der Station. Das war natürlich auch für seine Mutter nicht einfach, die immer bei ihm war. Ich kam ins Zimmer und merkte, da ist dicke Luft. Dann habe ich alles Mögliche versucht. Musik, Jonglage, Akrobatik. Aber nichts funktionierte. Als ich einen Ballon aufblies, hielt sich die Mutter aus Spaß die Ohren zu. Ich nahm das auf und sagte: 'Super, dann können wir jetzt über deine Mutter sprechen. Schnarcht die eigentlich im Schlaf? Oder pupst die dabei vielleicht sogar?' Da lachte er wieder. So ein simpler Auflockerer und das Eis war gebrochen und wir hatten eine tolle Zeit. Zwei Wochen später erfuhr ich, dass der Junge gestorben war. Als ich da war, war das das letzte Mal, wo er und seine Mutter zusammen gelacht hatten. Das war ein wichtiges Erlebnis für mich, weil es eine meiner ersten Visiten als war.

Der Clown Reinhard Horstkotte (r.) mit Flüchtlingskindern, die im ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof untergebracht sind

Der Clown Reinhard Horstkotte (r.) mit Flüchtlingskindern, die in den Hangars des ehemaligen Flughafens Berlin Tempelhof untergebracht sind. Jede Woche ist dort ein Team aus drei Clowns von Rote Nasen Deutschland e.V.


Wie stehen Sie zu den Horrorclowns?

Für mich sind das keine Clowns. Die stehen für nichts, für das wir stehen. Sie verbreiten Angst, statt sie zu nehmen. Ich glaube, dass der Clown in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt. Diese Leistungsgesellschaft, dieser Materialismus, all das ist für den Clown nicht so wichtig. Im Gegenteil: Der Clown scheitert, er stolpert und ist verletzlich. Er sieht das Schöne in den kleinen Dingen des Lebens.

Wenn nur ein Kind im Zimmer lacht, dann haben wir schon Karriere gemacht. Dafür geben wir alles, jeden Tag. Mit diesem haben wir nichts gemein. Die missbrauchen einfach eine Maske, die missbrauchen die Bezeichnung Clown. Ich habe aber auch das Gefühl, dass die Menschen so etwas zu unterschieden wissen.

Hat der Horrorclown-Trend Auswirkungen auf Ihren Beruf? Fürchten Sie um das Image der echten Clowns?

Das geht jetzt gerade los. In der S-Bahn las ich heute Morgen einen Riesenartikel, was die Horrorclowns nun schon alles in angerichtet haben. Wenn Kinder davon erfahren, dann könnten sie Berührungsängste mit uns echten Clowns bekommen. In einer Flüchtlingsunterkunft hat uns neulich ein Leiter gesagt, dass die Kinder Horrorclown-Videos gesehen haben und sich nun vielleicht erschrecken würden, wenn wir kommen. Das ist schade, vor allem wenn man erlebt hat, wie schön die Stimmung wird, wenn wir Clowns kommen, etwa auf einer Krankenstation, auf der es eigentlich um Leben und Tod geht. Und dann kommen diese Leute und ziehen das in Verruf. 

Warum haben sich diese Menschen den Clown als Angstobjekt ausgesucht?

Der Clown taugt eigentlich überhaupt nicht zum Angstmachen, weil er eine kindliche, naive und unschuldige Figur ist. Genau das treibt diese Menschen an. Dieser reizvolle Kontrast. Der Schock bei den Opfern ist noch größer, weil die Überraschung dazu kommt. Wenn das Unschuldigste, das man sich vorstellen kann, dir Angst macht. Das ist der Reiz. Diese Dreistigkeit ist einfach übel und heftig.

Was würden Sie einem Horrorclown sagen, wenn Sie einem begegnen?

(lacht) Wahrscheinlich: Buh! Aber Spaß beiseite. Am liebsten würde ich ihm sagen: Versuche doch mal die Herzen zu berühren. Es ist viel schwieriger, jemandem Freude und Glück zu bringen, als jemandem Angst zu machen.

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