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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Horror! Angriff der Clownkrieger

Micky Beisenherz über Horrorclowns
Micky Beisenherz schreibt in seiner aktuellen Kolumne über Horrorclowns
© Markus Gisin
Deutschland wird von Horrorclowns heimgesucht. Als die ersten Meldungen auftauchten, dachten viele zuerst an Mario Barth oder Eckart von Hirschhausen. Die USA sind da schon weiter - und wollen einen Gruselclown zum Präsidenten wählen.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Jede Gesellschaft hat den Trend, den sie verdient. Bei uns sind es also nun: Horrorclowns. Dubiose Gestalten, groteske Fratzen, die in absonderlicher Kleidung die Leute erschrecken, oder wie man in Berlin sagt: S-Bahn. Als plötzlich erste Meldungen von Gruselclowns auftauchten, dachten viele zuerst an Mario Barth, Eckart von Hirschhausen oder (bitte hier persönliche Hassfigur Ihrer Wahl einfügen).

Dann überfluteten Artikel über diese Beppocalypse die Timelines und Zeitungsstände, sodass man dieses Thema nicht mehr ignorieren konnte. Was genau passiert da eigentlich?
Als Clown verkleidete Menschen überfallen arglose Passanten, erschrecken sie, teilweise unter Zuhilfenahme von Hieb-, Stichwaffen oder sogar Kettensägen. Gelegentlich kommt es sogar zu Raub- und Raufüberfällen.

Die Attacken der Horrorclowns kommen immer überraschend und unerwartet - also genau das Gegenteil von circa 99,8 Prozent der Witze über Horrorclowns. (wie schwer es fällt, sich bei dem Thema zurückzuhalten, merken Sie hier ja auch.) Jetzt muss ich persönlich einmal festhalten: Ich fand Clowns schon beschissen, als sie noch nicht gewalttätig waren. Der doch sehr physische Humor von Fizbo und Co. erschloss sich einem Feingeist wie mir nie so recht. Als Connaisseur des gedrechselten Wortwitzes habe ich mich derweil lieber an den Komödien von Pauly Shore delektiert.

Und um das offen zu sagen: Das Thema geht mir ziemlich auf die Nüsse. Wenn ich allerdings Schlagzeilen lese wie "Bayerns Innenminister Herrmann sagt Gruselclowns den Kampf an", muss ich zugeben: Es entbehrt nicht einer gewissen Komik. Da wächst zusammen, was ... (wen meint er da eigentlich? Söder? Scheuer?). Dem Vernehmen nach kommt der neue Hype aus dem Ausland, weshalb nachvollziehbar ist, dass beim CSUler sofort der pawlowsche Ausweisungsreflex schnappt.

Da bahnt sich eine Feindbildverlagerung der besorgten Bürger an. Oder, um es ganz deutlich zu sagen: Gruselclowns nehmen den Flüchtlingen den Job weg. Zumal das geschminkte Trollektiv ja tatsächlich eine Bedrohung darstellt.

Wird ein Grusel-Clown US-Präsident?

In den USA ist das Phänomen Gruselclown dermaßen beliebt, dass man sogar einen zum Präsidenten machen will. In unserem Kulturkreis wiederum ist der Clown nach trostlosen Jahren in der Lobby von Schnellrestaurants auf der dunklen Seite der Popkultur angekommen, wo er schnell zu einer festen Größe des Villainismus wurde. Man denke nur an den Joker, Pennywise oder den ja ebenfalls grundschlechten oder zumindest durch und durch kaputten Krusty aus den Simpsons. Der Harlekin ist mit seiner grotesk verzerrten Fresse zum Symbol der Enthemmung und schiefen Selbstgerechtigkeit geworden - und passt somit perfekt in unsere Zeit.

Jetzt sind sexuell hyperaktive Lappenclowns natürlich keinesfalls zu tolerieren - mit Ausnahme im Rheinland zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch des Folgejahres, da es sich dann nicht um eine Straftat handelt, sondern um Brauchtum und/oder Geselligkeit.

Die Klaus Harlekinskis in ihrem Wahn sind letztlich eine konsequente Weiterentwicklung des digitalen Heckenschützen, den wir bereits aus sozialen Netzwerken kennen. Eine Verlagerung der Online-Schubserei auf die Straßen. Statt der Anonymität fehlender Profilfotos oder Klarnamen wird hier die Maskerade genutzt, um jetzt endlich auch mal physisch aktiv zu werden. Sei es nur der heftige Schrecken oder die tatsächliche körperliche Beschädigung. Fast möchte man gratulieren zu so viel Wagemut und der Wegbewegung von der Couch.

Was machen eigentlich Pietro und Sarah?

Ob es eine Korrelation gibt zwischen dem Abflauen des PokemonGo-Trends und dem Aufflammen der Amokclownerie - passen würde es. So ein Rentner ist jedenfalls deutlich leichter zu fangen als Pikachu.

Man kann natürlich einen 14-Jährigen anfallen, so wie ein Clown in Berlin. Allerdings kann es dann passieren, dass man abgestochen wird. Was ein Psychologe bei N24 für eine völlig normale Reaktion hält. Sign o'the times.

Von punktueller Versehrtheit der Opfer mal abgesehen ist doch besonders bedauerlich, dass diese Amok laufenden Reichskomiker sich ungehemmt in die Manege des Medienzirkus drängen und mit ihrem entgrenzten Schabernack die Berichterstattung über die wirklich wichtigen Themen unserer Zeit blockieren: CETA. Mossul. Rot-Rot-Grün. Und Pietro und Sarah natürlich. Was machen die eigentlich? Man liest ja so wenig über die.

P.S.: Falls Sie sich über den dämlichen Titel der Kolumne ärgern - warum soll der denn schlauer sein, als die Scheiße, die diese Idioten da auf den Straßen veranstalten.


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