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7. Berlin Biennale: Der Provokateur

Muss Kunst politisch sein? Ja, findet Artur Żmijewski, Chef der 7. Berlin Biennale. Ein Gespräch über Sarrazin, dunklen Stolz und Zensur.

Noch nie gab es schon vor der Eröffnung einer Berlin Biennale so viel Ärger wie diesmal. Der Grund sind Sie, Herr Żmijewski. Sie rufen dazu auf, das Sarrazin-Buch zu vernichten, lassen Birken aus dem KZ Auschwitz-Birkenau in Berlin pflanzen und versuchen polnischstämmige Juden dazu zu bewegen, in ihre Heimat zurückzukehren.
Das mache nicht ich, sondern die Künstler, die ich zur Biennale eingeladen habe.

Sie zeigen auch eine eigene Arbeit: das verstörende Video "Berek" (Fangen spielen). Es wurde 2011 in Berlin zensiert und abgeschaltet, weil nackte Menschen beim fröhlichen Herumtollen in einer Gaskammer zu sehen sind. Jetzt präsentieren Sie die Arbeit auf der Biennale. Aus Trotz?
Die Idee ist, gegen die Zensur anzuarbeiten. Ich will diese Zensur öffentlich machen und meinen Widerstand dagegen. "Berek" wurde vorher schon oft gezeigt, an vielen Orten in Europa. Es war sehr - sagen wir: populär. Klar waren die Leute manchmal wütend, warfen mir vor, ich würde Grenzen überschreiten. Aber niemals zuvor schaltete jemand einfach das Video ab. In Berlin war es nur sehr kurz zu sehen, deshalb mache ich es wieder verfügbar. Es ist ja nicht wirklich verboten, man kann es auch im Internet ansehen.

Sie bekommen damit viel Beachtung.
Aber die hat einen hohen Preis. Ich wurde als Antisemit beschimpft, das ist ungerecht. Ich habe ein Recht, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Auch wenn die Art, wie ich das sage, ziemlich brutal ist.

In Venedig hat niemand sich gestört an dem Video. Sind die Deutschen besonders empfindlich, wenn es um das Thema Holocaust geht?
Ja, sieht so aus, als seien sie ein wenig hysterisch. Es gibt in Deutschland einen Hang zur Übertreibung.

In diesem Fall ist das doch verständlich.
Ich habe versucht, die deutsche Mentalität und den deutschen Charakter zu erforschen. Aber es ist nicht leicht, ich war nicht sehr erfolgreich. Vielleicht verbirgt diese Übertreibung, mit der sie reagieren, etwas ganz anderes.

Was denn?
Ein Gefühl von Macht. Und mehr noch: sogar Stolz. Dunkler Stolz. Der von der ganz schwarzen Art.

So sehen sie also Deutschland.
Es ist das mächtigste Land in Europa. Mit einer sehr starken Wirtschaft und Industrie. Warum also soll man darauf nicht stolz sein?

Sind die Künstler aus Osteuropa im Augenblick interessanter als die im satten Westen?
Ja, sieht so aus. Für mich war es tatsächlich im Osten einfacher, interessante Künstler für die Biennale zu finden.

Warum?
Weil viele von ihnen keine Probleme damit haben, ihre Kunst für direkte politische Aktionen zu benutzen. Martin Zet zum Beispiel sagt sehr deutlich: Das Sarrazin-Buch ist gefährlich. Wir müssen etwas dagegen tun. Es einsammeln und loswerden. Die Gruppe Woina sagt: Wir wollen eine Demokratie in Russland. All diese Künstler denken nicht, dass Politik nur ein Machtkampf ist, ein dreckiges Spiel, aus dem man sich besser raushält. Sie wollen die Politik nicht an Experten delegieren, sondern sie wollen selbst mitreden und mithandeln. Politik ist ein Raum, in dem wir alle uns treffen und unsere Meinungen austauschen können. Vielleicht denken Künstler im Westen anders.

Sie haben die Gruppe Woina aus St. Petersburg zu Co-Kuratoren der Biennale gemacht. Was ist ihre Rolle?
Sie heißen Co-Kuratoren, aber tatsächlich tun sie eine andere Arbeit.

Wie das?
Es ist nicht ihre Aufgabe. Ihre Rolle bei der Berlin Biennale ist vor allem ihre politische Arbeit fortzusetzen. In Russland können Woina das später für ihre Aktionen nutzen.

Welche Art von Aktionen?
Was sie tun, ist an der Grenze zu politischer Arbeit. Sie kämpfen für eine echte Demokratie in Russland. Aber immer wieder werden sie als Hooligans und Krawallmacher beschimpft, weil sie für ihre Ziele Autos zerstören oder sich mit der Polizei anlegen. Das ist direkte Politik, manchmal ist es Randale. Deshalb ist es gut für sie, wenn sie diesen Titel des Co-Kurators vorweisen können, das hilft ihnen bei ihrer Arbeit.

Sie handeln also politisch, wenn sie Woina an ihre Seite als Ausstellungsmacher berufen?
Ja. Ich will deutlich machen, dass Woina auf verlorenem Posten kämpfen und dass wir sie unterstützten müssen. Es ist großartig, mit Leuten zusammen zu arbeiten, die ihr Privatleben der Arbeit unterordnen, und das ganz ohne Geld. Woina unterscheiden nicht zwischen ihren Kunst-Aktionen und ihrem Leben. Es ist eine Einheit.

Wünschen Sie sich mehr solcher Künstler, auch hier im Westen?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns doch fragen: Ist Deutschland wirklich so fantastisch? Ist es tatsächlich ein bedingungslos demokratisches Land ohne Probleme? In dem alles toleriert und akzeptiert wird....

....und in dem es keine Zensur gibt.
Genau. Wie kann man wissen, ob wir nicht auch hier mal eine Gruppe von Künstlern brauchen, die so wie Woina arbeiten.

Wird es Ihnen schaden, dass sie sich Hooligans wie Woina an ihre Seite holen? Immerhin werden einige von ihnen per Haftbefehl gesucht.
Woina sind keine Hooligans. Leute, die das sagen, wollen sie zu Kriminellen abstempeln.

Und das fällt dann auf Sie zurück.
Ja, das könnte sein. Das macht mir natürlich etwas aus. Aber ich möchte Woina unterstützen. Sie sind eine Art von Gefangene Russlands, sie können nicht reisen, sie haben keine Pässe.

Woina können also nicht zur Biennale nach Berlin kommen?
Nicht legal.

Und illegal?
Wie sollte das gehen? Ich glaube nicht, dass sie kommen wollen.

Auch Thilo Sarrazin und sein Buch "Deutschland schafft sich ab" sind Teil der Ausstellung. Der Tscheche Martin Zet rief dazu auf, das Buch zu bestimmten Sammelstellen zu bringen, damit die Exemplare "recycelt" werden können.
Sarrazin ist kein Teil der Ausstellung, sondern die Kritik am Buch ist es, die Meinungen darüber. Der Künstler bat um eine große Anzahl von Büchern, aber er bekam sie nicht. Nur sehr wenige Bücher sind abgegeben worden. Die Reaktionen an sich waren sehr interessant .

Wieder haben die Deutschen sehr heftig reagiert.
Es ist nun mal erlaubt, solche Meinungen zu präsentieren, wie Sarrazin sie vertritt. Es gab ja eine intellektuelle Debatte - und dieses berühmte Statement von Angela Merkel: "Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!" Das ist ein Beispiel von Populismus. Damit erlaubt sie den Leuten, so zu denken wie Sarrazin. So schaffen Politiker eine bestimmt Atmosphäre.

In Deutschland ist das Büchersammeln und –vernichten eine sehr sensible Sache
Einfach nur Bücher zu sammeln ist ja nicht schlecht. Martin Zet dachte nicht an Bücherverbrennung. Er sagte nur: Lasst uns diese Bücher sammeln...

...und irgendwie loswerden. Bisschen naiv.
Dass Sie das sagen, finde ich beängstigend. Für Deutsche ist offenbar klar: Bücher sammeln bedeutet, sie auf dem Bebelplatz zu verbrennen. Vor der Oper, mitten in Berlin. Ich habe solche Assoziationen überhaupt nicht, und ich glaube auch nicht, dass Martin Zet die hatte. Wir sammeln doch nur Bücher für ein Kunstwerk.

Die Website der Berlin Biennale präsentiert Fotos von Protestbewegungen wie Occupy
Leute aus der ganzen Welt können dort ihre Fotos von politischen Ereignissen schicken. Der Slowake Tomas Rafa wählt die Bilder aus und lädt sie auf die Website. Damit will er sagen: Hallo Leute, lasst uns nicht die Politik vergessen – in unserer Straße, in unserem Stadtviertel, in unserem Land. Wir müssen sie beobachten und uns selbst ein Urteil bilden.

Wird das eine Mitmach-Biennale?
Ja. Jeder kann zeigen, was er tut. Es wird eine Art von Social Center im Erdgeschoß der Kunstwerke geben. Viele werden dort die Arbeit, die sie ohnehin tun, weiterführen. Jeder kann mitmachen, jede Stimme zählt.

Anja Lösel