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Nürnberg: AfD macht sich über Performance-Künstler lustig – der nutzt die Aufmerksamkeit und schlägt zurück

Nach seinem Auftritt bei "Bündnis Nürnberg gegen die AfD" wird "Bird Berlin" massiv angefeindet – auch von der AfD. Doch statt in die Defensive zu gehen, bedankt sich der Künstler für den Wirbel und nutzt ihn für einen guten Zweck. Der stern hat mit ihm über seine Aktion gesprochen.

"Bird Berlin"-Auftritt bei der Veranstaltung "Bündnis Nürnberg gegen die AfD"

"Bird Berlin"-Auftritt bei der Veranstaltung "Bündnis Nürnberg gegen die AfD"

"Bird Berlin" – das steht außer Frage – ist ein bunter Vogel mit vielen Facetten. Fragt man den Künstler, wer er ist und was er macht, sagt er, dass er Musiker, Musikredakteur, Performer und Autor ist. Gerade ist der 36-jährige Nürnberger mit einem Bühnenprogramm auf Deutschlandtournee. Doch vergangenen Samstag war er auf einem anderen wichtigen Termin. Er performte bei der Anti-AfD-Veranstaltung "Bündnis Nürnberg gegen die AfD". Was zunächst nicht besonders brisant klingt, hat – insbesondere bei AfD-Anhängern – weite Kreise gezogen. Für seinen extravaganten Auftritt wird "Bird Berlin" nun nämlich massiv angefeindet. Wir haben mit dem Künstler über seine Performance in Nürnberg und die Hetze im Netz gesprochen.

"AfD Nürnberg" und andere Facebook-Seiten machen sich über "Bird Berlin" lustig

Auf verschiedenen Facebook-Seiten wurden Fotos des Auftritts von "Bird Berlin" verbreitet. So postete zum Beispiel die AfD Nürnberg ein mit "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!" überschriebenes Foto des Künstlers. Im Teaser des Posts schreibt die AfD Nürnberg: "Wer solche Gegner hat, macht nicht viel falsch". Auf dem Foto ist "Bird Berlin" zu sehen, wie er nur mit grünen Socken, rosafarbenen Armstulpen und einer schwarzen Unterhose bekleidet auf der Bühne steht und die Arme zum Himmel streckt. Weil der 36-Jährige "halbnackt" auf der Bühne getanzt hat, während bei "Bündnis Nürnberg gegen die AfD" auch Kinder vor der Bühne standen, unterstellt ihm die Facebook-Seite "Anno 1273 Oberlungwitzer Patrioten" sogar Pädophilie. Der Post, der mittlerweile entfernt wurde, erhielt hunderte Kommentare und wurde fast 2000 Mal geteilt. Der Künstler selbst hat die Posts der beiden Facebook-Seiten abfotografiert und mit einer Stellungnahme auf seiner eigenen Facebook-Seite veröffentlicht.

"Wenn ich auf der Bühne singe, glitzere und tanze, nenne ich mich Bird Berlin. Ich bin ein dicker und schnell schwitzender Mensch und dadurch liebe ich es, leicht bekleidet zu sein, denn dann klebt das Shirt oder die Hose nicht am Körper und ich kann mich in meiner Shortleggings und einer handvoll Glitzer frei und pur fühlen", erklärte "Bird Berlin" dem stern auf die Frage, warum er letzten Samstag in Nürnberg "halbnackt" gegen die AfD protestiert hat. "Am vergangenen Samstag sang und tanzte ich leichtfüßig wie immer und sprühte die Liebe aus. Sie tut gut, wenn man sich mit so viel Negativem beschäftigt wie die Besucher der Demo und der Kundgebung gegen die Hetze und den Hass der AfD."

Nachdem die AfD und weitere Patriot*innen, Menschenfeind*innen und Rassist*innen die Bilder vom Samstag stetig und...

Gepostet von bird berlin am Montag, 1. Oktober 2018

"Was für ein ekliger Fettsack"

Was sich dann auf Facebook abspielte, ist leider nichts Neues. Hunderte User ließen in der Anonymität des Internets ihrem Hass freien Lauf. Zahlreiche Anfeindungen und Beleidigungen fanden sich in Privatnachrichten an "Bird Berlin" und den Facebook-Kommentaren. Am Tag nach seinem Auftritt musste der Künstler nach eigenen Angaben Dinge wie "genetischer Abfall", "Oh, wieder jemand das Inzest Labor aufgelassen", "Bei den Kannibalen wäre er jetzt schlachtreif!" oder "Was für ein ekliger Fettsack" lesen. Doch anstatt in die Defensive zu gehen, entschied sich der Musiker, in die Offensive zu gehen. Mit einem ironischen Facebook-Post bedankte er sich für die ganze Aufmerksamkeit und erklärte, dass seine Downloadzahlen über Nacht um satte 1400 Prozent gestiegen seien.

Außerdem gab er seinen "Hatern" ein paar humoristische "Anhaltspunkte, wie man gut kommentiert" mit auf den Weg. Er rät zum Beispiel: "bitte niemals die Bausteine 'verschwitzt', 'igitt' und 'zum Kotzen' in den Kommentaren vernachlässigen" oder "Jede Sekunde, in der man mich beleidigt, ist eine gewonnene Sekunde in unserem Leben und bringt uns alle näher zu Gott. Weiter so! Führt uns zum Schotter!". Wie "Bird Berlin" am Dienstagvormittag auf Facebook erklärte, will er die durch die ganzen Downloads entstandenen Einnahmen in Höhe von aktuell rund 250 Euro für die Nazi-Aussteiger-Initiative "EXIT-Deutschland" spenden.

"Bird Berlin" kann mit der Hetze gut umgehen

Gegenüber dem stern erklärte er, dass er nach rund 13 Jahren Bühnenerfahrung damit "gut umgehen" könne. Trotzdem räumte er ein, dass bislang noch nie etwas in dieser Qualität und Quantität gewesen sei. Das sei schon eine "andere Dimension". Nachdem etwas Zeit vergangen war, entschied er sich dann, zu seinem viel beachteten Facebookpost (siehe weiter oben). "Durch das Verfassen der Zeilen auf meiner Seite habe ich so unglaublich viel Solidarität und Zuspruch von Freunden, Fremden, Politikern, Türstehern und Aktivisten bekommen", sagt "Bird Berlin" zu den Reaktionen im Netz. Nach seiner Aktion fühle er sich jetzt sogar wohler als davor. "Ich habe jetzt erfahren, dass es auch bei dem härtesten Gegenwind unglaublich viele Menschen gibt, die hinter einem stehen und für das Lächeln und nicht für die Fratze einstehen."

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hh