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Aktionskünstler HA Schult: Müllmenschen vor dem Kölner Dom

Manche Menschen haben den Titel wohl allzu wörtlich genommen: Schon wenige Stunden, nachdem die "Trash People" installiert wurden, zerstörten Betrunkene einige der Skulpturen. Die Figuren sollen zum Nachdenken über die Konsumgesellschaft anregen.

Wenige Stunden nach der offiziellen Eröffnung der spektakulären Installation "Trash People" des Aktionskünstlers HA Schult in Köln haben betrunkene Randalierer einige der Skulpturen zerstört. Ein 48-jähriger Kölner kletterte über die Absperrgitter auf dem Platz neben dem Dom und stieß eine Vielzahl der "Müllmenschen" um, berichtet die Polizei. Ein ebenfalls alkoholisierter Mann beschädigte eine Figur und schlug danach einen Sicherheitsmann nieder. "Das ist eine unheimlich traurige Sache", sagte Elke Koska, Muse von HA Schult.

Die "Trash People" sind menschengroßen Skulpturen aus Abfall. Der Künstler HA Schult hat die Figuren, die zum Nachdenken über eine maßlose Konsumgesellschaft anregen sollen, bereits auf der Chinesischen Mauer oder vor den Pyramiden in Ägypten gezeigt. Sie sind nach den Worten des Künstlers auch ein Symbol der Globalisierung. "Es ist sehr traurig, dass es ein paar Menschen gibt, die das, was Millionen Menschen lieben, zerstören", sagte Koska.

Armee der Schrottmenschen

Keine sehr warme Begrüßung für die weitgereisten Müllmann. Dabei ist diese spektakuläre Installation am Kölner Dom quasi zu Hause angekommen. Denn die Rheinmetropole ist die Heimatstadt des Aktionskünstlers HA Schult, der die "Trash People" erschaffen hat. Stille herrscht auf dem sonst sehr lebhaften Platz im Herzen der Kölner Innenstadt, direkt im Schatten der gotischen Kathedrale. Wo sich sonst hunderte Touristen tummeln und Schnappschüsse des Kölner Wahrzeichens machen, steht stumm die Armee aus 1000 mannshohen Skulpturen in Reih und Glied. "Es ist auch ein nach innen gerichteter Schrei", so beschreibt Schult seine Müll-Geschöpfe.

Aus Dosen und Kanistern, Computerschrott und anderem Abfall hatte er sie zusammengesetzt und auf eine lange Reise geschickt. Seit 1999 zieht sein Heer um die Welt. "Es sind alles Stationen, die auf die Geschichte der Welt Einfluss genommen haben", sagt der 66-jährige Aktionskünstler. Auf der Chinesischen Mauer, an den Pyramiden von Gizeh, auf dem Roten Platz in Moskau, aber auch in 2800 Metern Höhe am Matterhorn oder in 880 Meter Tiefe im möglichen Atomendlager Gorleben baute er seine Müllmenschen auf. "Sie leben in Containern, wie Asylanten, und reisen auch so um die Welt", sagt Schult.

Provokateur der Kunst

HA Schult gilt als Provokateur der Gegenwartskunst, als wilder Wolf, der wachrütteln will: Er ist der erste europäische Künstler, der den Müll und die Umwelt zu seinen Hauptthemen machte und durch schonungslose, fast aggressive Inszenierungen bekannt wurde. "Nur an starke Bilder erinnern sich die Leute", so beschrieb Schult in der Vergangenheit immer wieder die Intention seines Wirkens. Zu diesem künstlerischen Credo passen auch die "Trash-People".

Sportflugzeug auf New Yorker Müllkippe

Mit bürgerlichem Namen heißt er Hans Jürgen Schult, geboren 1939 im mecklenburgischen Parchim. 1969 sorgte er in München-Schwabing das erste Mal für öffentliches Aufsehen: Am frühen Morgen warf er fünf Tonnen Altpapier auf die Straße, das Wort "jetzt" zierte in endloser Abfolge die Straße. In den 70er Jahren füllten 60 Helfer des Künstlers den Markusplatz in Venedig kniehoch mit 15.000 Kilo Zeitungspapier. Doch die medienwirksamste Aktion bisher: 1977 ließ Schult ein unbemanntes Sportflugzeug auf einer New Yorker Müllkippe abstürzen. "Ich habe sehr früh auf ökologische Probleme hingewiesen", sagt der 66-Jährige heute. "Aber auch ich weiß nicht, woher mein Strom kommt. Ich bin genauso ein Täter unserer Zeit."

"Müll ist Kehrseite des Wohlstands"

Er ist ein Umweltkünstler der ersten Stunde. "Alles ist eine globale Welt geworden, und diese Globalisierung symbolisieren die Trash People mit ihrer Reise", sagt der Wahlkölner. "Die Entwicklung des ökologischen Ungleichgewichts wurde von uns Künstlern sehr früh aufgenommen", sagt Schult. Und auch seine "Trash People", die in Köln "Cologne People" heißen und aus Kölner Müll gefertigt wurden, seien ein Resultat dieser Entwicklung. "Auf dem Müll landet die Kehrseite des Wohlstands", lautet Schults Credo.

Der Direktor des Römisch-Germanischen Museums, Hansgerd Hellenkemper, nannte HA Schult einen "Urbanisten" und zog Vergleiche zwischen Schults Installation und der Archäologie. "Für uns Archäologen ist Müll ein wesentlicher Aspekt - wir lesen aus dem Müll. In der römischen Zeit waren die heutigen Einwegverpackung die Amphoren mit Fisch-Sauce aus Spanien", beschreibt Hellenkemper. Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) nannte die Installation "ein Geschenk an die Stadt und einen großen Imagegewinn". Rund eine Million Menschen werden nach Schrammas Worten nach Köln kommen, um die Trash People zu sehen. Die Installation stimme einerseits nachdenklich, "aber sie macht auch Spaß - es ist eine anregende, lustig-kommunikative Installation."

6000 Euro kostet eine Skulptur

Für seine Installation habe er Unterstützung aus der Wirtschaft - "der Medici von heute" - gebraucht, sagt Schult. Die Reise der "Trash People" koste insgesamt sechs Millionen Dollar. "Das wäre für mich als Künstlerwurm unmöglich zu stemmen." Daher werden auch signierte Skulpturen für 6000 Euro pro Stück verkauft. Bis zum 1. Mai stehen die "Trash People" vor dem Kölner Dom, die nächsten Stationen sollen erst New York und dann die Antarktis sein. Ende Oktober kommenden Jahres endet die Reise der "Müllmenschen" dann. Wo sie danach ein Quartier finden, ist noch unklar, sagt Schult. "Es gibt Gespräche mit einem Schauplatz im Saarland, einem im Ruhrgebiet und dem dritten, da sind wir gerade."

DPA/AP / AP / DPA