Ausstellung "Das achte Feld" Der Penis als Pinsel


Sich der Frage der eigenen Sexualität jenseits von Tabugrenzen zu nähern, ist gerade in der Kunst möglich. Die Ausstellung "Das achte Feld" im Kölner Museum Ludwig ist im Grenzbereich zwischen Homoerotik und lustvollem Geschlechtswechsel angesiedelt.

Mit denkbar simplen Mitteln kreierte Andy Warhol vor drei Jahrzehnten seine hochästhetischen "Oxydationsbilder". Der US- Popstar urinierte auf mit Kupferfarbe präparierte Leinwände und ließ - ganz im Stil der aktuellen Aktionsmalerei - aus Spritzern grüne Wolken und Schlieren entstehen. Mit seinem Penis als Pinsel brachte Warhol so mit voller Absicht auch das Thema Sex subtil auf die Leinwand. Bis an die Tabugrenze gehen die Werke von 82 teils weltbedeutenden Künstlerinnen und Künstlern, die das Kölner Museum Ludwig in seiner Ausstellung "Das achte Feld" zu dem delikaten Thema des "Begehrens in der Bildenden Kunst seit 1960" zusammengetragen hat.

Abseits des "heterosexuellen Mainstreams" einer gängigen Mann- Frau-Orientierung liegen nahezu alle Themen und Motive der 250 Bilder, Fotos, Videos oder Skulpturen von Künstlern wie Andy Warhol, David Hockney, Bruce Nauman oder Louise Bourgeois. In den Grenzbereichen des Sex zwischen Homoerotik, lustvollem Geschlechtswechsel oder gelebter Zwitterhaftigkeit ist die Bilderschau angesiedelt, die mit Wagemut und künstlerischer Qualität eine deutliche Distanz zu plattem Voyeurismus wahrt.

Schon seit dem in Köln eher karnevalistisch zelebrierten Christopher-Street-Day weist vor dem Museum ein riesiger, rosiger Plastik-"David" als Werk des Kunst-Eulenspiegels Hans-Peter Feldmann auf die provokante Ausstellung hin. Im direkten Schatten der Domtürme lässt der pfiffige Styropor-"Michelangelo" auch über den aktuellen Widerspruch zwischen neuer Prüderie und gängiger Talkshow-Geilheit sinnieren.

Last der Ausgrenzung in einem Gemälde

Bruce Naumans Neonrelief "Sieben Figuren" (1985) bringt als munter bunt-flimmernder, homoerotischer Paarungsreigen nicht nur die lustvolle Seite des Sex, sondern im öden mechanischen Ablauf auch sexuelle Obsession auf den Punkt. Und Francis Bacons qualvolles "Porträt auf einem Faltbett" (1963) zeigt als Gemälde die Last der Ausgrenzung als Homosexueller ebenso wie eine künstlerische Fotoreportage zum Leben indischer "Zwitter".

Der brutale fotografische Blick auf den nackten Torso eines Hermaphroditen mit männlichem und weiblichem Genital stellt jedem Betrachter - wie auch Wolfgang Tillmans "Untersicht" eines unbehosten Mannes im Rock ("Dust I"/2004) - ungeschönt die Frage nach der eigenen Sexualität, die so wohl nur im "Schonraum Kunst" möglich ist.

Hybride, geschlechtslose Wesen von Barney

Louise Bourgeois, 1911 geborene Pionierin "emanzipierter" Kunst, bringt mit mumienhaften weiblichen Stoffpuppen die Gewalt in der Geschlechterbeziehung spürbar schmerzhaft ins Spiel, und Matthew Barney lässt fotografisch seine hybriden, geschlechtslosen "Cremaster"-Wesen aufmarschieren. Schwulen-Cartoons kopulierender Muskelmänner und lesbische Barbie-Puppen balancieren frech auf der Kitsch-Grenze der Kölner Schau, in der Gerhard Richters schöner, fotorealistischer Frauenakt "Ema" (1966) am Ende wohl nicht nur die "Normalos" entzückt.

Die Ausstellung " Das achte Feld - Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960" ist im Kölner Museum Ludwig vom 19. August bis 12. November 2006 zu sehen.

Gerd Korinthenberg/DPA DPA

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