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Ausstellung in Hamburger Galerie Monika Mohr: Wie viel Riefenstahl steckt in den Olympia-Fotos?

80 Abzüge, Preise bis zu 9000 Euro: Wieder bietet eine Galerie Fotos der berüchtigten NS-Regisseurin Leni Riefenstahl an. Dabei ist, zumindest im Falle der Olympischen Spiele 1936, zweifelhaft, ob sie auch nur einmal selbst auf den Auslöser drückte.

Von Lutz Kinkel

Monika Mohr lässt sich rasch entschuldigen. Es stünden Besucher in ihrer Galerie, um diese müsse sie sich kümmern. Es sei unmöglich, Details zu diskutieren, sagt sie beim Telefonat mit stern.de. Aber es gäbe ja eine Pressemitteilung.

Stimmt. Ihr ist zu entnehmen, dass die Fotogalerie Monika Mohr am feinen Hamburger Mittelweg an diesem Samstag eine Einzelausstellung "Nuba und Olympia" eröffnet. "Riefenstahls puristisch inszenierte Photographien sind von klassischer Eleganz und Schönheit", heißt es. Es folgt ein Zitat des bereits verstorbenen Riefenstahl-Fans Helmut Newton, natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass Newton "jüdischer Herkunft" war. Und, um ganz sicher zu gehen, formuliert die Galeristin im dritten Absatz noch eine Art Bitte: "Leni Riefenstahl starb 2003 im Alter von 101 Jahren und ihre politische Umstrittenheit dürfte heute kein Thema mehr sein, das eine Ausstellung ihrer Photografien überlagert."

Hoch privilegierte Alibi-Frau

Nun: Riefenstahl ist nicht umstritten. Die historische Forschung hat ihre Funktionen in der NS-Diktatur quellensatt dokumentiert: Sie war eine Vertraute Hitlers, seine führende Propagandistin und eine der wenigen, hoch privilegierten Alibi-Frauen des Staates. Ihre Filme zwischen 1933 und 1945 wurden ausnahmslos mit Mitteln der Partei, öffentlichen Geldern, oder, wie im Fall "Tiefland", sogar von Hitler persönlich finanziert. Wer die Vokabel "umstritten" verwendet, unterstellt, es könnte noch eine andere belegbare Interpretation dieses Abschnitts ihrer Biografie geben. Und er sagt, dass er sich einer eigenen Wertung enthält.

Das ist, aus der Perspektive einer geschäftsorientierten Galerie, nachvollziehbar. 80 von Riefenstahl handsignierte Abzüge bietet Monika Mohr an, es sind Bilder der Olympiade 1936 und der afrikanischen Nuba, zu denen Riefenstahl in den 60er und 70er Jahren reiste. Die Preise reichen, je nach Bildgröße und Motiv, von 3500 bis 9000 Euro. Das ist, gemessen an den Hot-Shots der internationalen Fotokunst nicht viel, aber auch kein Schnäppchen. Vor knapp neun Jahren, als die Berliner Galerie Camera Work eine ähnliche Verkaufausstellung abhielt, lagen die Preise noch zwischen 2500 und 7500 D-Mark. Und schon damals wurden Fotos der Olympiade 1936 verkauft, ohne bewusst zu machen, dass nicht überall, wo Riefenstahl drauf steht, auch Riefenstahl drin ist.

Ein Blick in den Olympia-Bildband

Hat die Regisseurin selbst auf den Auslöser gedrückt, um Turmspringer, Segler und Zehnkämpfer abzulichten? "Die Fotos sind meistens von Leni Riefenstahl selber mit der Leica gemacht worden", sagt Horst Kettner, ihr ehemaliger Lebensgefährte, der nun ihren Nachlass verwaltet, allerdings zu Zeiten der Berliner Olympiade noch gar nicht geboren war. "Es ist nichts davon überliefert, dass sie während der Dreharbeiten selbst eine Kamera betätigte – weder eine Foto- noch eine Filmkamera", kontert Martin Loiperdinger, Medienwissenschaftler der Universität Trier und Experte in Sachen Riefenstahl. "Sie schreibt davon auch nichts in ihren Memoiren."

Um die Frage zu klären, hilft ein Blick in den Bildband "Schönheit im olympischen Kampf", den Riefenstahl 1937 herausbrachte und 1988 nachdrucken ließ. In beiden Ausgaben steht der Passus: "Der größte Teil der Bilder sind Vergrößerungen aus dem Olympia-Film. Von Willy Zielke sind die Aufnahmen der Tempel, Plastiken und Akte. Arthur Grimm machte die Standfotos. Die Werkaufnahmen sind von Arthur Grimm und Rolf Lantin. Das Heraussuchen der Bilder aus dem Filmmaterial erfolgte durch Guzzi Lantschner. Vergrößerungen und Ausarbeitung der Fotos: Getrud Sieburg und Rolf Lantin." Mit anderen Worten: Riefenstahl selbst hat nie behauptet, Urheber der Olympia-Fotos zu sein. "Sie war die Artdirektorin und verfügt über die Copyrights“, knurrte damals der Camera-Work-Galerist Christian Diener auf Nachfrage. "Jeder, der hier Bilder kauft, weiß das." Monika Mohr wollte sich im Gespräch mit stern.de erst gar nicht auf die Debatte einlassen.

Das gemachte Genie

Weiß das wirklich jeder? Damals wie heute fehlen jegliche Hinweise auf die Urheberschaft an den Olympia-Fotos. Damit nutzen die Galeristen einen Marketing-Trick, dessen sich auch schon die Nazis bedienten: Riefenstahl wird zum alleinigen kreativen Genie hochgejubelt. Tatsächlich war sie eher eine geniale Organisatorin der Kreativität ihrer Mitarbeiter. Um bei der Olympiade 1936 zu bleiben: Für ihren Zweiteiler "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit" standen ihr 43 Kameraleute zur Verfügung. Darunter Willy Zielke, Fotograf der Neuen Sachlichkeit und Regisseur des avantgardistischen Kulturfilms "Das Stahltier" (1935), Walter Frentz der spätere "Kameramann des Führers", Wilfried Basse, ein etablierter Kulturfilmer, Walter Hege, Architeketurexperte, die Gebrüder Guzzi und Otto Lantschner, bekannt aus Arnold Fancks Bergfilmen - und, und, und. Der amerikanische Filmhistoriker Cooper Graham, der über die Olympia-Filme promovierte, schreibt über die Crew "They represent almost a Who's Who of German documentary and culture film makers". Zweifellos formten auch sie jenes typische "Amalgam aus Neuer Sachlichkeit und Heroismus" (Loiperdinger), das die Olympia-Fotos stilistisch charakterisiert.

Allein: Daran erinnert sich kaum noch jemand. Riefenstahl steht allein für diesen Stil, diese Filme, diese Fotos. Das war ihrer Crew nach dem Krieg, als Riefenstahl politisch Prügel bezog, wohl auch ganz recht. Und das mag auch der Grund dafür sein, weshalb die Erbengemeinschaften nicht lauthals protestierten, als das Werk ihrer Ahnen von der "Artdirektorin" absorbiert wurde. Für die Galerie Camera Work und nun für Monika Mohr wäre eine Debatte darüber ohnehin geschäftsschädigend. Kaum vorstellbar, das jemand tausende Euro für zum Teil unscharfe Sportfotografien hinlegen würde, wenn darunter stehen würde: "Aufnahme des Kameramanns X von Disziplin Y bei den Olympischen Spielen 1936. Übrigens entstanden im Rahmen der Dreharbeiten für die Olympia-Filme der berüchtigten Leni Riefenstahl.“

Glamour des Bösen

Nein, nur mit der Prominenz des Namens Riefenstahl und dem Glamour des Bösen, der ihn umweht, ist das Geschäft zu machen. Wobei, wohlgemerkt, das Böse nicht allzu deutlich hervortreten darf. In der Galerie Monika Mohr fehlt auch jeder Hinweis auf den propagandistischen Charakter der Spiele, der der Welt vorgaukelte, der NS-Staat sei friedliebend und tolerant -während er heimlich bereits für den Zweiten Weltkrieg rüstete. Kritische Anmerkungen zu Riefenstahls Nuba-Expeditionen, zuletzt in Jörn Glasenapps Sammelband "Riefenstahl Revisited" (Verlag Wilhelm Fink) publiziert, sind auch nicht zu finden. Vorträge oder gar Diskussionen zu ihrer Ausstellung will Mohr nicht veranstalten. Riefenstahls Verkäufer, so viel ist klar, bevorzugen das Ungefähre.

"Nuba & Olympia", Photography Monika Mohr Galerie, Mittelweg 45; 20149 Hamburg - bis 1. September.

Autor Lutz Kinkel leitet das Berliner stern.de-Büro. Nach seinem Studium hat er über Riefenstahl promoviert.