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Carsten Höller: Der Kongo in London

Für sechs Monate verwandelt der Künstler Carsten Höller ein Lagerhaus im Londoner Stadtteil Islington in eine neue Welt: In Bar, Restaurant und Nachtclub des "Double Club" wähnt sich der Besucher halb im Kongo und halb im Westen. Die Londoner Elite liebt das Spiel mit den Kulturen, die Restaurant-Tische sind an vielen Abenden ausgebucht.

Von Cornelia Fuchs

Es ist eine Frage, die Carsten Höller regelmäßig mit seinen Werken provoziert: Ist das jetzt schon etwas Besonderes oder kommt die Kunst erst noch? Im Fall des "Double Clubs" beginnt die Frage bereits, bevor man überhaupt durch die Stahltüren des alten Ziegelgebäudes eingetreten ist. Davor stehen neben mehreren Absperr-Gittern auch zwei sehr bullige Sicherheitsleute, einer schwarz und einer weiß. Begegnen sich hier schon Kulturen? Oder ist das einfach nur die Personalpolitik eines Sicherheitsunternehmens?

An der Garderobe nimmt eine schwarze Concierge den Namen für die Restaurant-Reservierung auf, eine weiße Frau nimmt die Mäntel entgegen, im Restaurant nimmt eine schwarze Kellnerin die Bestellungen auf, ein weißer bringt den Wein. Zweideutigkeit ist das Konzept des "Double Clubs". Carsten Höller hat seine Kreation "Kunst und etwas anderes" genannt: "Es ist zwei Dinge zur selben Zeit.", wie das menschliche Dasein, eben - "oft zweideutig".

Inspiration im Kongo

Höllers Faszination mit dem Kongo begann im Jahr 2001. Da tanzte er, so geht zumindest die Legende, im afrikanischen Benin zu kongolesischer Musik. Dessen Musiker haben sich zu "La Sape" zusammengeschlossen - eine Abkürzung für "La Société des Ambianceurs et des Personnes Elegants", die Gemeinschaft für Stimmungsmacher und elegante Menschen. Papa Wemba ist der bekannteste Künstler dieser Musikrichtung. Carsten Höller fährt seit seiner Initiation in Benin regelmäßig in den Kongo.

Im "Double Club" stellt er die afrikanische der westlichen Kultur gegenüber - oder umgekehrt. Eine blank polierte Bar voller Spirituosen steht Rückwand an Rückwand zu einer Wellblech-Hütte, die Holzbalken und die Ein-Liter-Bierflaschen der Marke Primus kommen aus Kinshasa. Auf der einen Seite des großen Bar-Raumes prangen die grellen blau-gelben Farben der Primus-Bier-Werbung an der Wand, auf der anderen Seite glänzen kühl blau-weiße Fliesen mit der utopischen Traumstadt eines russischen Architekten, der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fliegende Häuser entworfen hat. Im Restaurant stehen die weltweit erfolgreichsten stapelbaren Plastikstühle neben gepolsterten Bänken, auf der Karte gibt es Austern und Wachteln neben Fumbwa, eingelegten Yam-Blättern in Erdnuss-Sauce. Und im Nachtclub dreht sich der DJ auf einem großen Betonkreisel in der Mitte der Tanzfläche - wenn er mit seiner kleinen Box die diagonale Linie im Raum überschreitet, wechselt er die Musik von afrikanisch zu westlich und umgekehrt. Dazu glitzern Disco-Kugeln durch den Raum, sie scheinen sowohl in Afrika als auch im Westen Allgemeingültigkeit zu haben.

Rutschen in der "Tate Modern"

Bereits im Juli hat Carsten Höller mit den Umbauten des heruntergekommenen Lagerhauses begonnen. Die Fondazione Prada, eine Kunst-Stiftung des berühmten Mode-Hauses, steuerte die finanzielle Unterstützung bei. Sie mögen "dass Höller nicht Kunst anpreist, sondern den Dialog zweier Kulturen". Kunst verschwindet so hinter Realität. London liebt Höller, seit er in der Turbinenhalle des Museums Tate Modern zwei riesige Rutschen installierte und über drei Millionen Besucher kreischend aus drei Stockwerken in die Tiefe gleiten ließ. Es war die bisher erfolgreichste Installation in der Geschichte der großen Kunstwerke im größten Kunst-Raum der britischen Hauptstadt.

Der "Double Club" schien jedoch zu Anfang gewagter als die lustigen Rutschen - vor allem weil, kaum war die Eröffnung geplant, der Kongo wieder in den Schlagzeilen war. Flüchtlings-Ströme ziehen durch Goma, es herrscht wieder offener Krieg, die Vereinten Nationen beraten über zusätzliche Truppen. Darf man unter diesen Umständen mit einer kongolesischen Bierflasche in der Hand die Nacht durchmachen? Carsten Höller merkt zu solchen Fragen an, dass Kinshasa von Goma ungefähr so weit entfernt ist wie Berlin von Madrid.

Höller hatte schon vorher geplant, die Einkünfte aus seinem Kunstwerk der Stiftung des Krankenhauses "City of Joy" zukommen zu lassen, das vergewaltigten Frauen und Kindern hilft. Und die Nachrichtenlage brachte ein neues Element in das Experiment des Künstlers. Höller ist promovierter Biologe, sein wissenschaftliches Interesse gilt unter anderem der Erforschung der chemischen Basis menschlicher Emotionen. Seine Kunstwerke, so sagen Kritiker, erinnern nicht selten an ein wissenschaftliches Experiment, in dem Versuchsobjekte unter klinischen, genau geplanten Bedingungen besonderen Erfahrungen ausgesetzt werden.

Ein abgefahrenes Club-Erlebnis

Die Londoner haben den "Double Club" in die Reihe der abgefahrenen Nachtclub-Erlebnisse aufgenommen, für die Tische im Restaurant muss man seinen Platz vorbestellen, die Tanzfläche bevölkert sich nicht vor ein Uhr Nachts. Der Kongo macht, zumindest im Nordlonder Stadtteil Islington, vor allem eines: Spaß.