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Cindy Sherman: Lust auf Schock und Grusel

Auf all ihren Fotos setzt Cindy Sherman sich selbst in Szene: als Vamp, Schlampe oder Schlächterin. Eine große Verwandlungskünstlerin.

Von Anja Lösel

Cindy Sherman steht in der Rose Bar des frisch renovierten "Gramercy Park Hotels" in New York und lächelt zart. Hübsch ist sie, viel hübscher als auf den Fotos, die sie ständig von sich selbst macht. Seit über 30 Jahren kennt sie nämlich nur ein einziges Thema: Cindy Sherman in den verschiedensten Rollen und Posen.

Heute hat sie zum Cocktail geladen, um ihre neue Ausstellung zu feiern. An der Bar lehnt Keanu Reeves mit Fassbinder-Schauspielerin Barbara Sukowa und deren Mann Robert Longo. "Hi Cindy!" Sie umgibt sich gern mit Schauspielern, die schlüpfen auch immer wieder in andere Charaktere hinein. Eine Zeit lang war sie mal mit Steve Martin liiert. Freunde, Sammler, Galeristen sind heute gekommen. Man rekelt sich auf plüschig-gemütlichen Sesseln vor dem Kaminfeuer.

Cindy Shermans Fotos sind alles andere als gemütlich. Sie ist ein Verkleidungs-freak und macht sich mit Vorliebe hässlich: mit aufgeklebten Warzen, fiesen Nasen oder unmöglichen Perücken.

Angefangen hatte sie in den 70er Jahren mit "Film-Stills" in Schwarzweiß. Auf diesen Standfotos war sie noch lieb und harmlos: mal Diva im Pelz, mal Hausfrau mit Kittelschürze und Lockenwicklern. Schon als junges Mädchen schlenderte sie ständig über Flohmärkte, um Kleider, Hüte und Perücken zu kaufen. Auf Partys erschien sie dann als Schlampe oder als Business-Woman, und ihr größter Spaß war es, wenn die Freunde sie nicht erkannten.

Später wurden ihre Rollen immer härter und böser. Sie zeigte sich als Fashion-Victim: wie eine Wurst in hautenge Kleider gepresst, mit grotesk verschmiertem Lippenstift und absurd hohen Schuhen.

In ihrer Serie "Sex" mutete sie ihren Fans Horror und Verbrechen zu: Als Vergewaltigungsopfer lag sie auf dem Waldboden. Als Hexe, bläulich-schaurig angeleuchtet, reckte sie Betrachtern einen mit Pickeln und Furunkeln bedeckten Hintern entgegen. Die schaurigen Bilder komponierte sie mit Hilfe von Prothesen und allerhand medizinischen Utensilien, die sie in Ärztekatalogen fand.

Cindy Shermans Atelier ist voll mit solchen absurden Requisiten. An den Wänden hängen die harmloseren Dinge: Masken, Hüte, Perücken, auch mal ein künstlicher Busen oder ein Bein. Irritierend wird's, wenn sie die Schubladen aufzieht: Da quellen Penisse und Vaginas, Plastikbeine und ein Uterus samt Fötus hervor. Schockieren will sie nicht, sagt sie, nur "vorbereiten auf die Gewalt".

Wenn sie ihre Bilder arrangiert, lässt Cindy Sherman sich niemals helfen. Vom Schminken bis zur Beleuchtung macht sie alles allein. "Andere Menschen würden mich stören und verunsichern."

Ihre jüngste Obsession - jetzt u. a. in einer neuen Ausstellung zu sehen - sind Clowns. Und Hollywood-Damen: grell überschminkt, schrill gekleidet und todtraurig in ihrem einzigen, sehnlichsten Wunsch, nur ja nicht älter zu werden. So will sie selbst nicht werden. Auf keinen Fall. Wird sie auch nicht, davor bewahren sie ihre New Yorker Freunde.

Kunsthaus Bregenz, 2. 12. 06-28 .1. 07. Danach geht die Ausstellung nach Humlebæk und Berlin. www.cindysherman. com und www.kunsthaus-bregenz.at

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