Einheits- und Freiheitsdenkmal Party-Schlümpfe und eine goldene Banane


Der Wettbewerb für das Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin ist gescheitert. Eine Ausstellung mit den Entwürfen zeigt warum: zu viele Säulen, Kugeln, Bänder. Dazu jede Menge Albernheiten und Witze. Die Deutschen sind einfach noch nicht reif für so ein Denkmal.
Von Anja Lösel

Ganz schön peinlich. Da wünscht sich der Kulturstaatsminister ein "Nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal", lobt einen Wettbewerb aus, zu dem 532 Architekten und Künstler ihre Entwürfe einschicken - und dann ist nichts, aber auch gar nichts dabei, was der Jury gefällt. Aus. Schluss. Setzen. Durchgefallen mit Pauken und Trompeten.

Schon kurz nach der Sitzung der 19 Preisrichter stöhnte Jurymitglied André Schmitz, der Berliner Kulturstaatssekretär, entnervt: "Säulen, Säulen, immer nur Säulen." Und Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerien maulte: "Ich habe noch nie so viele Möbiusbänder gesehen: liegend, stehend, zerknüllt und wieder aufgestellt."

Einfallslose Entwürfe

Scheint nicht einfach zu sein, eine Form zu finden für das Thema Einheit. Wie einfallslos die Entwürfe tatsächlich sind, ist bis zum 31. Mai in einer Ausstellung im Kronprinzenpalais Unter den Linden zu sehen. Neben den Säulen und Endlosbändern gibt es jede Menge Kugeln und Eier, Ringe und Knoten. Es schimmert und schillert in Gold und Silber und natürlich immer wieder in Schwarz-Rot-Gold. Viele schreiben das Wort "Freiheit" in Stein, Metall, Glas. Manche lassen Figuren schweben oder über Mauern klettern, viele schlagen Bühnen, Treppen, Podien vor. Einfallslos und langweilig. Deshalb ist man ganz froh über ein paar Witze und Respektlosigkeiten, auch wenn die als Denkmal nie und nimmer in Frage kämen. Wolfgang Strack etwa lässt ein paar Schlümpfe mit Champagnerflasche auf der Mauer feiern. 1992 war der Künstler sogar mal zu einer documenta in Kassel geladen, auch damals zeigte er: Schlümpfe. Heute erinnert sich kaum noch jemand daran.

Geduldiges Warten auf die Einheit

Eine Riesengiraffe stellen Birgit Plank und André Licker vor das Schloss - als Sinnbild für Weitblick, Toleranz und Grazie. Ein Künstlerpaar aus Amsterdam will uns eine Säule in Form einer Kerze einreden - mit Docht und Feuer natürlich. Eine Dame aus Brüssel schlägt ein "Kartoffelfeld mit Mies-van-der-Rohe-Wartestelle" vor. Kartoffeln stehen dabei fürs Volk, die Haltestelle fürs geduldige Warten auf die deutsche Einheit.

Einer steckt die deutsche Fahne in eine überdimensionale Blumenvase. Ein anderer wünscht sich das "Denkmal des Verbrauchers" in Form eines Mannes mit Einkaufswagen und fügt gleich ein rotes Preisschild hinzu: 14,99 Millionen. Einer hat 13 Tortenstücke fotografiert und schlägt ein "Café Deutschland" auf dem Schlossplatz vor - zum "kollektiven Meinungsaustausch" zwischen Ost und West. Gleich mehrere hantieren mit riesigen Schlüsseln. Es gibt ein Kino der Freiheit, eine Bühne der Freiheit und eine Sinfonie der Freiheit. Absoluter Gipfel der Geschmacklosigkeit: eine goldene Banane als "selbstbewusster Ausdruck des individuellen Freiheitsdrangs".

Auch ernst zu nehmende Kandidaten scheiterten

Man könnte das ja alles als Witz und Missverständnis abtun, hätten sich nicht auch ein paar ernst zu nehmende Kandidaten beworben - die sich jetzt brüskiert fühlen und mit der Totalablehnung der Jury nicht klarkommen. Die prominentesten unter ihnen sind Axel Schultes und Charlotte Frank, Architekten des Bundeskanzleramtes. Sie schlagen vor, die Skulptur eines Apfelbaums auf den Schlossplatz zu stellen, denn "gibt es ein friedlicheres Lebewesen unter der Sonne als einen Baum?" Und sollten wir nicht ein Leben führen "wie ein Baum, einzeln und frei, doch brüderlich wie ein Wald". Immerhin sind sie mit dieser Idee in die engere Wahl der 128 besseren Arbeiten gekommen. Rob Krier dagegen, der in Berlin schon viele gute Wohnhäuser gebaut hat, flog schon im ersten Rundgang raus. Seine offene Bühne mit ostdeutschem und westdeutschem Haus fiel ebenso durch wie die fröhlich tanzende Familie in Schwarz-Rot-Gold des Künstlers Stefan Szesny. Keine Gnade fand auch der Entwurf von Brad Pitts Lieblingsarchitekten Graft. Kaum zu glauben, aber auch sie schlugen ein Möbiusband vor. Wer all diese Zeichnungen, Pläne und Fotos gesehen hat, ist am Ende froh über den Mut der Jury, in der Politiker wie Bernd Neumann, Wolfgang Thierse und Lothar de Maizière saßen, Künstler wie Olaf Nicolai, Stephan Huber und Nikolaus Hirsch. Sie haben einfach die Notbremse gezogen und Stopp! gesagt. Bei keinem Entwurf waren sie sich einig, keiner bekam mehr als neun von 19 Stimmen.

Nun dürfen wir alle noch einmal nachdenken, ob wir überhaupt ein Denkmal für die "Nationalen Einheit und Freiheit" brauchen. Noch dazu in einer Stadt wie Berlin, in der man an jeder Ecke über Denkmäler stolpert: für Alexander von Humboldt und Kaiser Friedrich, für die Schwulen und Lesben, die Sinti und Roma, den Holocaust, die Befreiungskriege, die Luftbrücke und die sowjetischen Soldaten. Wäre es nicht besser, wenn es dann doch ein Einheits- und Freiheitsdenkmal geben soll, es den Leipzigern zu gönnen, die ja mit den Montagsdemonstrationen erst die Voraussetzungen für die Wende schufen? Vielleicht ist es ohnehin noch zu früh. Michael Cullen, US-Historiker und Berlinkenner meint: "Alle guten Denkmäler sind erst 40, 60 oder gar hundert Jahre nach den Ereignissen entstanden. Diejenigen, die schnell kamen, Statuen irgendwelcher Diktatoren, waren immer auch schnell wieder weg." Wir brauchen also Zeit. Hoffentlich haben unsere Politiker den Mut, sie uns zu geben.


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