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Friedrich Sebastian Feichter Vom Heiligen zum Alien

Feichter Objekte in der freien Natur
Feichter Objekte in der freien Natur
© Kramper
Wenn ein Bub auf der Alm mit Schlangen spricht und lieber Außerirdische für den Gipfel schnitzt als den Christopherus für die Kirchweih wird das Heimattal schnell zu klein für ihn. Der Südtiroler Künstler Friedrich Feichter lebt fest verwurzelt in dieser Welt, seine Objekte kommen aus einer anderen.
Von Marina Kramper

Ein Schnitzer hatte einen Traum. Ihm erscheint eine Energie, es erscheinen ihm Lichter. Strahlende Wesenheiten, die sich fast vollständig von der Materie gelöst haben. Nur ihre langen, schlanken Beine verbinden sie noch elegant mit dem steinigen Boden, auf dem sie stehen. Wie sich ein Schmetterling aus einer Puppe erhebt und vom unbewegten Wurm zur fliegenden Blüte wird, so wandern die Homini solares aus ihrer materiellen Bindung hinaus. Dabei sind sie aus Holz geschnitzt und aus Materie pur entstanden.

Friedrich Sebastian Feichter wacht auf und zeichnet diese Wesen, die sein Leben radikal verändern sollen. Und explosionsartig beginnt er zu arbeiten. Vierzig Skulpturen entstehen und bevölkern sein Atelier. "Homo solares" nennt der Künstler seine Sonnenwesen, deren Körper, so Feichter, "an eine vollkommene Form grenzen, wie etwa eine Kugel, oder ein Ei. Nur ihre Beine sind die letzte Verbindung zur festen Materie Erde." Bald stehen die Homo solares Skulpturen dort, wo sie im Traum erschienen sind: Draußen in den Bergen. Eine Performance auf dem Passo Valparola in den Dolomiten macht erstmals die breite Öffentlichkeit auf das Werk aufmerksam. Hier am Pass schweben die Figuren über den Bergen und einen größeren Unterschied zwischen traditionell figürlicher Schnitzkunst aus Südtiroler Schule und den Homini solares auf den bizarren Bergen des Dolomitenpasses lässt sich trotz gemeinsamer Wurzeln kaum denken. Traditionelle Holzschnitzkunst wie sie aus dem Grödnertal bekannt ist, präsentiert sich zwischen Kuhglocken und Schlutzkrapfen. Feichters Werke hingegen kommen daher, als hätte ein Alien seine Eier in die Dolomiten gelegt und dort zum Laufen gebracht. Fernsehstationen berichten von der legendären Ausstellung und viele Menschen werden auf Feichter, vor allem aber auf die Homini solares aufmerksam.

Aus der Serie Cocoon
Aus der Serie Cocoon
© Kramper

Allein auf der Alm

Friedrich Sebastian Feichter ist gelernter Holzschnitzer aus Südtirol. Ein Mensch, der in vielen Welten zu Hause ist. Äußerlich jemand, der sich in keiner Weise vom Großstadtmenschen unterscheidet: Mit Replay-Jeans, Ralph-Lauren Hemd und Turnschuhen plaudert er gut aussehend und sonnenverbrannt wie viele junggebliebene Mittvierziger und würde auch beim Essen im Szenelokal einer Hafenmetropole keineswegs auffallen. Und doch unterscheiden sich seine Skulpturen von allen anderen holzgeschnitzten Objekten. Seine visionäre Kraft entzieht sich jeglicher Erfahrung, die ein Großstadtmensch in seinem Leben sammeln kann. Die in Holz geschnitzten Figuren, die anmuten wie eine Mischung aus Elementarwesen, Science Fiktion und der Urbevölkerung von Atlantis staksen auf langen Beinen durch die Kunst der Gegenwart.

Geboren wurde er 1962 in Luttach, einem Flecken im Ahrntal, der im Schatten des Hauptortes Sand in Taufers steht. Sand hat es mit seiner mächtigen Burg und seinen "24 Stunden Wanderungen" samt Erfinder Hans Kammerlander immerhin zu einiger Berühmtheit gebracht. Als Friedrich als kleiner Junge im Ahrntal aufwuchs, war der heute allgemeine Wohlstand noch nicht selbstverständlich und Fritz wurde vom Vater als achtjähriger Knabe zum Kühe hüten und Geld verdienen auf die Alm geschickt. Ein Esser weniger daheim. Den ganzen Sommer lang. Wie jedes Kind hatte Fritz Heimweh und langweilig war ihm auch. Und er begann, mit den Tieren, den Pflanzen, dem Himmel und den Wolken zu sprechen. Schlangen wurden zu Gefährten. In ihm formte sich ein eigenes Universum aus beseelten Wesen, die mit ihm lebten. Und er begann zu zeichnen und zu schnitzen. Aus Hölzern, der er dort oben fand.

Ein Homo solaris vor der großen Kugel in Hochfrangart
Ein Homo solaris vor der großen Kugel in Hochfrangart
© Kramper

Der Heiligenschnitzer

Mit vierzehn kam Fritz auf Anraten seines Lehrers in die Holzschnitzschule St. Jacob in die Lehre. Drei Jahre verbrachte er hier mit anderen Kindern zwischen 14 bis 18 Jahren und lernte das Schnitzen. "In der normalen Schule habe ich sowieso nur geträumt", so Fritz Feichters heutiges Resümee und es spricht für den Dorfschullehrer, dass der lieber das Talent gefördert und nicht den Mangel problematisiert hat.

Als dann die ersten Aufträge kamen und der Fritz zwei lebensgroße Heiligenstatuen in Kirchen nach Rom und nach Sardinien verkauft hat, da war auch der Vater stolz. Ein heiliger Luca und ein Jesus, der gramvoll auf sein offenes Herz zeigt. Wenn schon ein Künstler, dann so einer, dessen Werk man auch verstehen kann. Ein tröstlicher Gedanke von vielen Eltern, die eigentlich nicht wirklich begreifen, was ihre Kinder bewegt und antreibt.

Beginn einer Metamorphose

Feichter war es nicht genug. Weder in der Anerkennung des Vaters, noch im Schnitzen von Heiligen sah er seine Zukunft. Er suchte nach anderen Wegen. Mit Vierundzwanzig schreibt er sich an der höheren Technischen Lehranstalt in Graz, Österreich ein und besucht dort die Bildhauer Meisterklasse. Doch auch diese Meister können ihn weder formen noch halten. Nach nur zwei Jahren verlässt Feichter Graz und die Schule und kehrt zurück nach Luttach um weiter nach seinem eigenen Weg zu suchen. In dieser Zeit entstehen Werke, in denen sich die Materialien des Bodens und der Umgebung miteinander vermischen. Er arbeitet mit Steinen und Hölzern und kombiniert Gefundenes mit Bearbeitetem. Die Zukunft liegt für ihn hier, im Material, im Geist, in der Verbindung von beidem, in der Abstraktion. Für einen Menschenschlag, der von der Natur so sehr abhängig war, wie die Bergbewohner haben auch die Heiligen ihre Würde und Bedeutung. Die Anbetung des heiligen Florian sollte das Feuer besänftigen und der Wanderer hielt sich ebenso am heiligen Christopherus fest wie der Ungläubige am guten Schuhwerk. Feichter entsteigt der figurativen Formsprache und findet seine eigene. Die Metamorphose seiner Figuren oder besser gesagt Skulpturen beginnt.

Beginn einer Metamorphose

Und mit der Einsamkeit des Künstlers beginnt auch seine Durststrecke. Zwar hat er einzelne kleine Ausstellungen auf lokaler Ebene. Galerien in Bruneck, dem Hauptort des Pustertales, bieten ihm Einzelausstellungen. Leben kann er davon nicht und kaum sein Holz kaufen, dass er zum Schnitzen so dringend braucht. Fast zehn Jahre lang quält er sich durch diese Phase, Auftragsarbeiten von Heiligen helfen ihm dabei. In der Luttacher Kirche führen heute sein heiliger Rochus und der heilige Sebastian ihre Säulenexistenz. Zu dieser Zeit findet Feichter auch zu seiner Galeristin Lenka Tresnak, die ihn fördern und beraten wird. Ihre Galerien befinden sich in Bruneck wie auch direkt neben dem großen und hellen Atelier, dass der Feichter sich heute leisten kann.

Friedrich Sebastian Feichter mit dem Kunstliebenden Karl Nicolussi-Leck
Friedrich Sebastian Feichter mit dem Kunstliebenden Karl Nicolussi-Leck
© Kramper

In dieser Zeit hat Fritz Feichter seine Vision. Im Traum erscheinen ihm diese Lichtwesen, die seine Metamorphose vollziehen-, die die Formsprache des Schnitzkünstlers auf eine andere Ebene heben sollen: Für Feichter bedeuten die Homini Solares neben aller künstlerischen Entwicklung, die Möglichkeit zu arbeiten. Fast zehn Jahre lang ließen die Ideen seinen Kopf fast zerbersten. Diese Zeiten sind vorbei, denn inzwischen sind die Sonnenmenschen durch die zahlreichen Ausstellungen im Ausland zu Europabürgern geworden. "Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler" wusste schon Goethe über die Bergbewohner zu sagen. Auch Feichter schnitzt lieber, als zu reden und findet im "Tun", im "Arbeiten", seine wahre Berufung. So wie er eine Bergwanderung unternimmt, um zu gehen und nicht nur um anzukommen, so schnitzt er seine Werke um an ihnen zu arbeiten, und nicht um sie zu besitzen.

Unermüdlicher Schaffensdrang

Endlich kann Feichter arbeiten und tut dies unermüdlich. Die Serie Cocoon entsteht aus dem Gedanken, dass es Lebewesen gibt, die eine Hülle brauchen, um gehalten zu sein. In den Abfällen einer Aluminiumfabrik findet er kleine Metallplättchen, mit denen er mosaikartig seine Skulpturen überzieht. Seine Serie "Augen" gibt zurück, was wir gemeinhin mit Kunstwerken tun. Sie schauen uns an, wir schauen zurück. Mit ihren weitaufgerissenen Pupillen wirken die zierlichen Skulpturen wie kleine neugierige Elementarwesen. Aber auch steinerne Fische oder an Neunaugen erinnernde Urzeitwesen blicken uns unverwandt erstaunt an.

Die Lichtbäume von Hochfrangart
Die Lichtbäume von Hochfrangart
© Kramper

Wirklich daheim in der Natur

Fritz Feichter besitzt einen untergründigen Humor. Alle seine Skulpturen erheitern auf eine leichte und befreiende Weise, nie drängt sich Schwere und Pathos in den Raum. Dabei sind die Werke von einer atemberaubenden technischen Fertigkeit, ja Perfektion, die die Kunst vom Konzept trennt. Witz und Einfühlungsvermögen beweist Feichter in seinen Werken in Hochfrangart, dem Kunstgarten des Karl Nicolussi-Leck oberhalb von Bozen. Eine Reihe von Bäumen, die eigentlich hätten gefällt werden müssen, wird von Feichter kurzerhand zu Lichtbäumen umgestaltet. So gelichtet und vielgestaltet und aus dem Vorgefundenen entwickelt, sind sie zu einem Lieblingsort für viele geworden. Auf der Art Bozen stellen Feichter und seine Galeristin aus. Plötzliche rennt ein kleiner Junge den Stand mit den Baby-Skulpturen des Homo solares um, schnappt sich einen Prospekt und entschwindet in der Menge. Später erscheinen die Eltern des aufgebrachten Jungen, und fragen, ob er der Künstler sei, der diese wunderbaren Bäume gestaltet hat. Ihr Sohn sei so fasziniert, dass die Eltern ihn jeden Abend durch den öffentlichen Teil des Gartens fahren müssen, um dem Kind den Anblick zu ermöglichen. Feichter führt die Verschiedenheit der Welten und die Relativität der Bedeutungen immer wieder vor Augen. "Feichter", so das Urteil eines Freundes, "befindet sich bürgerlich und politisch voll in der Realität und gleichzeitig schweben ihm vor seinen geistigen Augen ganz andere Welten vor." Eine einzigartige Mischung aus Erdgebundenheit und visionärer Kraft.

Spaß in der Verdamnis

Seine Werke berühren. Sie streicheln im Inneren und versetzen es in Schwingungen. Auf einer Ebene, die sich jenseits aller Bedeutungen befindet. Er will nicht erziehen oder weltverbessern, er will niemandem einen Schlag aufs Auge versetzen. Und so haben auch seine jüngsten Werke jene eigenartige Magie, die nur verstehen kann, wer sich auf sie einlassen will. Trotz finsterem Hintergrund: In einem Buch des Österreichischem Mystikers Jacob Lorbeer (1800-1864) las Feichter über die Mond-Menschen, die Homo lunares. Diese sind Seelen, so der Mystiker, die sich auch nach dem Tod noch nicht von den irdischen Begierden befreit haben und so in einem lunaren Zustand der materiellen Verhaftung ihr Dasein fristen. Feichter hat daraus ein buntes Universum äußerst bizarrer Wesenheiten erschaffen. Schlangenfrauen locken mit gefährlichen Reizen und riesige rote "Venus Fallen" liegen bereitwillig zur Aufnahme und zur gleichzeitigen Vernichtung des Aufgenommenen bereit auf dem Boden. Zuerst staunt der Betrachter über die Vielzahl der Geschöpfe und kann sich doch ein Bild machen über die eigenen Begierden und deren scheinbare Würde und Wichtigkeit. Gefräßige übergewichtige Geier blicken auf kopulierbereite Vogelmenschen. Dabei hat der Anblick dieser übersexualisierten Geschöpfe viel mehr mit "Lustig" als mit purer "Lust" zu tun.


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