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Jackson Pollock Ausstellung: Jack The Dripper

Er soff wie ein Loch, fluchte leidenschaftlich und pinkelte in den Kamin der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim: Jackson Pollock, der teuerste Maler der Welt, war ein rundum unsympathischer Mensch. Ihm und anderen "Action Paintern" widmet sich eine Ausstellung in Basel.

Von Anja Lösel

Ausgerechnet von diesem Künstler kann Amerika, das Land, in dem die "political correctness" erfunden wurde, gar nicht genug bekommen. Als das New Yorker Museum of Modern Art vor ein paar Jahren eine große Pollock-Ausstellung zeigte, drängten sich 7000 Besucher pro Tag vor seinen Bildern. Gigantische, bis zu sechs Meter lange "drip paintings", auf die der Künstler seine Farbe kunstvoll herabtröpfeln ließ. Für insgesamt zwei Millionen Dollar kauften seine Bewunderer Souvenirs wie Seidenschals mit Pollock-Muster oder CDs mit Pollocks liebsten Swing-Songs. Die Mitgliederzahl des Museum of Modern Art stieg während der Pollock-Schau um 25 Prozent.

Die Hysterie hält an. Besessene Sammler machten Pollock kürzlich zum zum teuersten Künstler der Welt: 140 Millionen Dollar brachte sein Tröpfelbild "No. 5, 1948", fünf Millionen mehr als das bisher teuerste Bild des Österreichers Gustav Klimt. Und weil fast alle seine Werke im Besitz von Museen sind, sind die wenigen Bilder, die zum Verkauf kommen, heiß begehrt.

Jackson Pollock (1912 bis 1956) gelang die fast perfekte Erfüllung eines amerikanischen Traums: Er war der erste US-Künstler, der es mit europäischen Genies wie Picasso aufnehmen konnte und einen eigenen Malstil entwickelte: den "abstrakten Expressionismus". Weil sein ausschweifendes Leben aber nicht so recht ins Bild des American Hero passte, dichtete man hier ein wenig dazu und ließ dort ein bisschen weg. Sogar das Rauchen gewöhnten die Amerikaner ihm ab: Für eine jugendfreie Briefmarke retuschierten sie dem Kettenraucher seine Zigarette, die ihm im Mundwinkel hing, einfach weg.

Vater war Taugenichts

Doch nicht nur die anderen versuchen ständig, etwas aus Pollock zu machen, was er nicht war. Auch er selbst stilisierte sich zum amerikanischen Helden. Gern posierte er mit Hut, Stiefeln und Gewehr, als er 1930 nach New York kam, trat er in Cowboykleidung auf. Dabei verbrachte er in Wirklichkeit nur wenige Monate im "Wilden Westen", und sein Geburtsort Cody in Wyoming war alles andere als romantisch. Die Pollocks lebten in einer ärmlichen Neubausiedlung. Jacksons Vater LeRoy war ein Taugenichts und Herumtreiber, der als Tellerwäscher und Tagelöhner sein Geld verdiente. Irgendwann war er es leid, seine Frau und die fünf Söhne ernähren zu müssen, und machte sich aus dem Staub. Da war Jackson acht, und so richtig konnte er diesen Verlust nie verkraften.

Nach Psychiater-Sitzungen holte er alles aus sich raus

Schon früh landetet er beim Psychiater. Wenn er von den Sitzungen zurückkam, war er immer besonders schlecht drauf, fiel in seine Stammkneipe "Cedar Tavern" ein und ließ sich vollaufen. Selbst seine Frau, die Malerin Lee Krasner, konnte ihn dann nicht mehr beruhigen. Er bekam Wutausbrüche, wurde beleidigend, gemein und zerstörerisch. Ein Gutes hatten die psychiatrischen Sitzungen aber: Pollock begann, in sich hineinzuschauen und Bilder aus seinem Innersten zu holen. Er ließ alles hinter sich ließ, was er bei seinem konservativen Mal-Lehrer gelernt hatte, und wurde zum Revolutionär. In einem grandiosen Alleingang schleuderte er den 'abstrakten Expressionismus' aus sich heraus.

Jackson Pollock malte am liebsten auf dem Fußboden. Er legte die Leinwand aus und tropfte Farbe darauf. Er schmierte und goss, riss den getränkten Pinsel von einer Seite auf die andere, ließ die Farbe in großen Strömen und kleinen Rinnsalen laufen. Er tanzte um die Leinwand herum, malte Bogen und Kurven, Schlingen und Schlieren. Dabei bewegte er sich graziös und elegant. "Tanzender Derwisch" nannten sie ihn deshalb und "Jack the Dripper". "Auf dem Boden bin ich lockerer", sagte er. "Ich fühle mich dem Bild näher, fast wie ein Teil des Bildes. Ich kann darauf herumlaufen, von vier Seiten daran arbeiten und buchstäblich mittendrin sein", sagte Pollock.

Er spritzte mit Farben rum

Berühmt machte ihn die exzentrische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim. Für sie malte er ein über sechs Meter langes Bild. Um die riesige Leinwand in seinem Studio in der 8. Straße aufspannen zu können, musste er sogar eine Mauer einreißen. "Dann saß er tagelang davor und wusste nicht, wie er anfangen sollte", schreibt Peggy Guggenheim in ihren Memoiren. "Er steigerte sich in eine Depression hinein, schickte seine Frau aufs Land, um sich freier zu fühlen und vielleicht auf diese Weise zu neuen Einfällen zu kommen. Als sie zurückkehrte, war immer noch nichts geschehen." Wochenlang ging das so weiter. Doch endlich "fing er an, wild mit Farben herumzuspritzen, und beendete die Arbeit innerhalb von drei Stunden. Dieses Wandbild war so ungegenständlich, wie es Pollock nie zuvor gelungen war", schreibt Peggy voller Bewunderung.

Es ist ein gigantisches Werk, das Kritiker mit den Fresken von Giotto oder Michelangelo verglichen. Schwünge und Arabesken wechseln sich ab mit Formen, die an gepresste Figuren erinnern. Köpfe scheinen zwischen den Linien hervorzulugen, Pferdehäupter vielleicht oder Stiere. Die gesamte Oberfläche strahlt eine Energie aus, in die der Betrachter sofort hineingezogen wird.

Peggy Guggenheim war begeistert. Sie organisierte Ausstellungen für Pollock und unterstützte ihn finanziell, bis er zum Superstar aufstieg. 1950 waren seine Bilder auf der Biennale von Venedig, er wurde von Sammlern hofiert. Und er malte wie ein Besessener. Leider trank er auch wie ein Besessener. Und malte und trank. Hörte auf zu trinken, fing wieder an. Malte immer schlechter. Quälte sich herum, zweifelte an seinem Talent. Tyrannisierte seine Umgebung. Rastete immer öfter aus. Und hörte 1955 schließlich ganz auf zu malen.

Malte wie ein Besessener, spielte russisches Roulett

Irgendwann würde etwas Schlimmes passieren, das war allen klar. Am Ende war es, als würde Jackson Pollock russisches Roulette spielen: Mal raste er wie ein Verrückter mit dem Wagen durch New York. Dann wieder spazierte er zu Fuß über die belebte Madison Avenue, ohne nach links oder rechts zu schauen. Er schien sein Schicksal herausfordern zu wollen. "Ich habe Angst, mit ihm im Auto zu fahren", sagte sein Freund James Brooks wenige Wochen vor Pollocks Tod. "Ich rechne immer damit, daß er sich umbringt."

Am 11. August 1956 war es soweit. Jackson Pollock, gerade 44 Jahre alt, raste betrunken mit seinem Auto gegen einen Baum. Eine Freundin, die mit im Wagen saß, starb, eine andere wurde schwer verletzt. Er selbst flog noch vor dem Aufprall aus dem Wagen. Mehr als 30 Meter weit wurde er durch die Luft geschleudert, bis er gegen eine Eiche schlug. Er war sofort tot.

Ausstellung:

Action Painting.


Werke von Jackson Pollock, Willem de Kooning, Sam Francis, Eva Hesse u.a.
27. Januar bis 12. Mai.
Fondation Beyeler, Riehen/Basel
Katalog im Hatje Cantz Verlag