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Königin Nofretete: Legenden von Inzest und Nebenfrauen

Kaum ein Kunstwerk regt unsere Phantasie so an wie Nofretete. Jede Menge Legenden ranken sich um die Büste der ägyptischen Königin. Nach 70 Jahren ist sie nun in ihr angestammtes Haus, das Neue Museum in Berlin, zurückgekehrt. Porträt einer Pharaonin.

Von Anja Lösel

Niemand sollte wissen, wann sie, die Königin, die Schönste der Schönen, in ihr neues Domizil reisen würde. Schließlich ist sie 400 Millionen Euro wert, das könnte Begehrlichkeiten wecken. Nur ein paar Nachtschwärmer wunderten sich deshalb über das Trüppchen, das da am Sonntag Morgen um sechs Uhr im Zeitlupentempo vom Berliner Lustgarten über die Bodestraße schlich: vier Männer, die eine Art von Sänfte mit einer Kiste trugen. Darin: Nofretete, fixiert in einem eigens für sie gefertigten Gestell aus Edelstahl. Zart, zerbrechlich, zauberhaft.

Nofretete, das bedeutet "die Schöne ist gekommen". Majestätisch thront die Ägypterin nun in einer Glasvitrine unter der Nordkuppel des Neuen Museums. An dem Ort, den sie 1925 bezogen hatte und von dem sie 1939 vor Bombeneinschlägen fliehen musste - zuerst in den Tresor der Staatsbank, später in den Geschützturm am Zoo und am Ende in ein Thüringer Salzbergwerk, wo sie den Krieg unversehrt überstand.

Modeideal und Liebling der Berliner

1925 wurde die Nofretete-Büste zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Sofort stieg sie zum Liebling der Berliner und zum Modeideal auf. Damen schminkten sich wie die schöne Ägypterin, himmelten ihre eleganten Züge an, die feine Nase und die schräg geschnittenen Augen.

Nofretete war die Ehefrau des Pharaos Echnaton, eines der wichtigsten und ungewöhnlichsten Könige des alten Ägypten. Er brach mit allen Traditionen und untersagte es, mehrere Götter anzubeten. Stattdessen verehrte er nur einen einzigen: Aton, Gott der Sonne und des Lichts.

An Echnatons Seite führte Nofretete ein absolut gleichberechtigtes und sehr ungewöhnliches Leben. Ihren Mann heiratete sie, als er noch ein Kind war, grade mal 13 Jahre alt. Unzucht mit Minderjährigen würde man das heute nennen. Sechs Töchter brachte Nofretete zur Welt. Weil kein Sohn dabei war, ein Thronfolger aber unbedingt her musste, nahm ihr Mann sich eine Nebenfrau, Kija, die wahrscheinlich Sohn Tutenchamun zur Welt brachte. Aber das genügte Echnaton nicht, er machte auch noch zwei seiner Töchter zu seinen Ehefrauen. Offenbar kein Problem im alten Ägypten.

Sie waren trotzdem eine harmonische Familie. In mehreren Reliefbildern sind Nofretete, Echnaton und ihre Töchter in herzigen Szenen zu sehen: wie sie mit den Kindern schmusen, sie küssen und mit ihnen spielen. Echnaton schätzte seine Nofretete so sehr, dass er sie neben sich auf den Thron setzte, ihr enorme Macht gab und sie quasi zur zweiten Pharaonin machte.

Ein Ausnahmefund

Ausgegraben wurde Nofretetes Büste 1912 von einem deutschen Team im Tal von Amarna. Als erstes sahen die Archäologen "einen fleischfarbenen Nacken mit aufgemalten Bändern". Und dann die Schöne mit ihrer hohen Haube, um die ein Diadem gelegt ist, rund 3300 Jahre alt, elegant, streng, entrückt, göttlich. Schnell war klar: dies ist ein Ausnahmefund.

Weil die Nofretete-Büste so schön ist, so viele Menschen fasziniert, aber auch, weil sie ein Politikum ohnegleichen ist, fordert Ägypten sie immer mal wieder zurück. Angeblich hat der Chefausgräber und kaiserliche Schatzjäger Ludwig Borchardt gemogelt und die Nofretete schlechter gemacht, als sie ist, um sie behalten zu können. Über 400 Stücke hatte er ausgegraben, die mussten, so war es ausgemacht, mit den Ägyptern geteilt werden. Rückgabe? Friederike Seyfried, seit acht Wochen Direktorin des Ägyptischen Museums, hält sich bedeckt. "Die Fundteilung von 1913 war korrekt." Mehr will sie dazu nicht sagen. Zahi Hawass, Ägyptens Chefarchäologe, glaubt immer noch, dass "die Nofretete Ägypten 1913 illegal verlassen hat". So erklärte er es kürzlich dem "Tagesspiegel". Er lässt gerade prüfen, ob er sie zurückfordern kann. Ein pikantes Thema.

Experten halten Fälschung für ausgeschlossen

An eine Fälschung dagegen glaubt kein ernst zu nehmender Experte. "Darüber muss man kein Wort verlieren", sagt Friederike Seyfried, sie findet solche Theorien bestenfalls "amüsant". Wer vor der Nofretete steht, wird sich ihrer Ausstrahlung, ihrem Charme, ihrer Grandezza nicht entziehen können. Das schafft keine Fälschung.

Dass Nofretete ins Museum kam, hat Berlin dem Sammler James Simon zu verdanken. Er finanzierte die Grabung, stellte Nofretete bei sich zu Hause in der Tiergartenstraße aus, wo sogar Kaiser Wilhelm II. sie besuchte. Und er übergab sie und andere Grabungsfunde später als Dauerleihgaben ans Ägyptische Museum Berlin. Wer genau hinsieht, wird James Simon gleich neben Nofretete im Neuen Museum entdecken. Sein Porträtkopf steht als einziger ebenfalls im nördlichen Kuppelraum, ganz bescheiden in einer Nische und doch im Abglanz der schönen Ägypterin.

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