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Künstlerstreik: "Nutzt die Kunst der Stunde"

Erstmals in der deutschen Geschichte ist für den 29. Juli ein Generalstreik freier Künstler geplant. stern.de sprach mit dem Initiator Georg Joachim Schmitt über die Situation von Künstlern - und seine Antwort auf die bierernste deutsche Streikkultur.

Von Carsten Heidböhmer

"Künstler, legt Eure Arbeit nieder! Macht mit, kommt zum Brandenburger Tor und demonstriert gegen den Abbau von Dialogfähigkeit und engstirnigem Technokratentum! Lasst unser Land spüren, was es heißt, wenn unsere Pinsel ruhen!". Was in der Diktion an Streikaufrufe aus der Weimarer Republik erinnert, wurde 2006 verfasst und bezieht sich auf ein aktuelles Problem: Die finanzielle Situation von Künstlern in Deutschland ist dieser Tage alles andere als rosig. Nach Auskunft der Künstlersozialkasse ist deren Jahresdurchschnittseinkommen für 2006 drastisch gesunken. Hatten Künstler 2005 noch durchschnittlich 11.091 Euro verdient, so sinkt das voraussichtliche Jahreseinkommen 2006 dramatisch auf 9879 Euro ab - damit verfügt ein Künstler in Deutschland über durchschnittlich 823,25 Euro im Monat.

Für Georg Joachim Schmitt ein guter Grund, endlich einmal öffentlich auf die Lage der freien Künstler im Lande aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck hat der Kölner für den 29. Juli einen Generalstreik geplant. Das Datum ist bewusst gewählt: An diesem Tag im Jahre 1890 starb Vincent van Gogh an selbst beigebrachten Verletzungen. Damit so etwas nicht noch einmal passiert, will Schmitt in Berlin vor dem Brandenburger Tor demonstrieren.

6000 Kunstprojekte verwirklicht

Schmitt selbst weiß aus eigener Erfahrung sehr genau, wie es um die finanzielle Lage der Künstler steht: Seit Jahren schlägt er sich als Freischaffender durch. In dieser Zeit hat er nach eigener Aussage rund 6000 Kunstprojekte verwirklicht - und kann dennoch von der Kunst allein nicht leben. Vor fünf Monaten ist er zum zweiten Mal Vater geworden. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen, wie das in Zukunft weiter gehen soll. So kam Schmitt auf die Idee mit dem Generalstreik.

Die Zeit scheint dafür günstig zu sein: Momentan wird so viel gestreikt wie lange nicht mehr. Die Angestellten im Öffentlichen Dienst, die Ärzteschaft, die Studenten - sie alle haben bisweilen lautstark auf ihre Belange aufmerksam gemacht. Genau dies soll nun auch mit den freien Künstlern geschehen. Allerdings geht es ihm nicht um konventionelle Formen der politischen Repräsentation, viel mehr will er mit der bestehenden deutschen Streikkultur brechen, die sich darin erschöpft, miesepetrig durch die Straßen zu ziehen und Parolen zu skandieren. "Ich will keine nationale Jammerei", umreißt Schmitt die geplante Aktion.

Wen interessiert Kunst?

Vielmehr geht es um ein Experiment mit der öffentlichen Wahrnehmung: "Wen interessiert es, wenn Künstler keine Kunst machen?", fragt er. Doch gleichzeitig werde der Öffentlichkeit dadurch bewusst, dass die Frage auch umgekehrt ihre Gültigkeit hat: Wen interessiert es dann, ob ein Künstler Kunst macht? Dadurch kann in der Gesellschaft ein Reflexionsprozess über die Rolle von Künstlern in Gang gesetzt werden - und darüber, was der Gesellschaft Kunst wert ist.

Die politische Intervention steht nicht im Zentrum des Streiks: Die ganze Aktion ist als ein Versuch mit offenem Verlauf angelegt: Selbstverständlich geht es dabei um eine politische Botschaft, aber auch um vieles mehr: um Spaß, Kontakte und auch den Export des Kölner Karnevals an die Spree. Der ganze Streik ist eine Form hochpolitischer Aktionskunst, die auf die Straße geht.

Jeder kann mitmachen

In welche Richtung sich das Ganze entwickelt, kann Schmitt nicht vorhersagen: "Das ist kein Ego-Projekt von mir. Jeder kann sich einbringen". Den Streikaufruf verfasste er bewusst so offen, dass jeder, der sich angesprochen fühlt, mitmachen kann. Der Rheinländer verschickte den Aufruf durch die ganze Republik: an Künstler- und Schriftstellerverbände, Medienvertreter, sogar der Bundespräsident erhielt ein Schreiben - und sagte bereits ab. Um nicht vor den Karren anderer Interessen gespannt zu werden, legt Schmitt wert darauf, dass keine Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften mit im Boot sind.

Die Resonanz auf seine Ankündigung fiel bislang eher bescheiden aus. Wie viele Menschen sich am 29. Juli in Berlin einfinden werden, kann der Künstler nicht abschätzen. "Vielleicht wird es eine Familienfeier, vielleicht kommen auch ein paar Tausend". Gerade weil er das nicht unter Kontrolle hat, erwartet Schmitt den Tag mit Spannung: "Das wird eine Riesenüberraschung".