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Zum Tod von Regisseur Schlingensief: Die geniale Nervensäge

47 Jahre alt war Christoph Schlingensief, als bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Der umstrittene Künstler produzierte gegen das Sterben an. Er hat den Kampf verloren - kurz vor seinem 50. Geburtstag.

Von Anja Lösel

Ich war grade dabei, wieder ins Leben zurück zu kommen", sagte Christoph Schlingensief im letzten Dezember. Da hatten die Ärzte "zehn neue erbsengroße Metatasen" entdeckt - "in dem einen Lungenflügel, der mir geblieben ist". Den anderen hatten sie ihm schon rausgeschnitten: Krebs.

Schlingensief wusste sehr genau, wie es um ihn stand. Und stürzte sich doch immer weiter in seine Arbeit, die sein Leben war und ohne die er nicht sein konnte. "Was für ein Glück! Ein Riesengeschenk", jubelte er, als Tilda Swinton ihn im Februar 2009 in die Jury der Berlinale einlud. Die wunderbare Tilda, mit der Schlingensief in jungen Jahren mal eine Affäre hatte und mit der er jetzt Filme über Filme angucken durfte. "Letztes Jahr um die Zeit fast weg und nun wieder in der alten Heimat! FILM! Das hat mich unglaublich aufgebaut!", schrieb er in seinem "Schlingenblog".

Der Apothekersohn aus Oberhausen war das Enfant Terrible der deutschen Kulturszene - und zugleich ihr liebster Junge. Nett, charmant, mit genialisch verstrubbelten Haaren tigerte er durch Berlin, inszenierte Theaterstücke, trat in Talkshows auf, kannte alle, sprach mit jedem. Seine chronische Arbeitswut war berüchtigt: ein Berserker, hart und erbarmungslos mit sich und anderen, zugleich aber sanft, verletzlich und klug. 80 Theaterstücke und Aktionen hat er inszeniert, zuletzt die Oper "Mea Culpa" am Burgtheater in Wien. Dutzende von Filmen gedreht, eine eigene Talkshow gestaltet, wild und expressiv gemalt und skurrile, begehbare Skulpturen gebaut. Wenn er als Regisseur probte, nervte er seine Schauspieler mit stundenlangen Monologen. Trotzdem liebten sie ihn alle - von Irm Herrmann bis Fritzi Haberland.

"Provokationsprofi"

Das konnte man von seinem Publikum nicht unbedingt sagen. Chaotisch, langweilig, verrückt und manchmal auch unverschämt und unerträglich fanden viele seine Stücke. Als "Provokationsprofi" bezeichneten sie ihn, als einen, der "auf der Bühne die heiligen Kühe der Gesellschaft schlachtete".

Seine Filme trugen Namen wie "Ein deutsches Kettensägenmassaker", "100 Jahre Adolf Hitler" und "Terror 2000". Auf der Bühne schockte er mit "Schlacht um Europa" oder "Fickcollection". Er ging mit geistig Behinderten zum Weihnachtsshoppen. Gründete die Partei "Chance 2000" mit dem Slogan "Scheitern als Chance". Lud alle deutschen Arbeitslosen dazu ein, gleichzeitig in den Wolfgangsee zu springen, um ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch Helmut Kohls Urlaubsort zu fluten. Und als Schlingensief auf der documenta in Kassel "Tötet Helmut Kohl" forderte, wurde er verhaftet. Aber er ließ nicht locker.

Die Spießigkeit des Bösen

Er veranstaltete Pfahl-Wettsitzen, ließ sein Publikum die geografische Lage von KZs raten, packte Asylbewerber in einen Container und ließ sie in "Big Brother"-Manier vom Publikum rauswählen. Wer als letzter blieb, sollte Asyl in Österreich bekommen. Geschmacklos und scheußlich, billig und ekelhaft fanden das viele. Und sahen nicht, wie intelligent er die Politik vorführte und die Spießigkeit des Bösen zeigte.

Viele glaubten, er provoziere um des Provozierens willen. In Wirklichkeit war er ein großer Moralist. Ein grundehrlicher Mensch, "trotzig wie ein Kind und starrsinnig wie ein Weiser", so ein Kritiker. Ja, es war oft nervig, seine überlangen Theaterstücke anzugucken, dieses Gebrülle und Gerenne. Und doch war da immer etwas, was einen packte und mitriss und noch Tage später grübeln ließ.

Am "Parsifal" in Bayreuth wäre Schlingensief beinahe verzweifelt. Er hatte, wie immer, vor sich hin experimentiert und improvisiert. "Alles live und spontan", so hatte er es am liebsten. Und immer in Hochgeschwindigkeit. Das kam nicht gut an auf dem Grünen Hügel. Es gab Streit, man bremste ihn aus, und am Ende kam nicht viel mehr heraus als Langeweile.

Manchmal hatte man das Gefühl, dass er vor sich selbst davonrannte. Immerzu war er in Bewegung, plante, reiste, schrieb. Und redete, redete, redete. Mit jedem, über alles, am liebsten über sich selbst und seine Aktionen. Charmant, liebenswert, ganz und gar nicht der Rabauke, der er aus der Ferne betrachtet zu sein schien. Selbst im Krankenbett war noch das Aufnahmegerät dabei. Reden musste sein, es war eine Art Therapie für ihn. Wenn man ihm den Mund verboten hätte, wäre er auf der Stelle gestorben.

Eigene Totenfeier inszeniert

Immer persönlicher wurde seine Arbeit, bis er bei seinem letzten großen Thema angelangt war, der "Kirche der Angst", die er in Venedig zeigte und später in Dortmund. Dass er krank werden würde, wusste er da noch gar nicht. Im Nachhinein sagte er: "Die Bilder haben das Erlebte vorweggenommen."

Natürlich machte er auch den Krebs und sein Leiden öffentlich. Er konnte gar nicht anders. Das ging sogar so weit, dass er seine eigene Totenfeier inszenierte. Ständig grübelte er: Warum gerade ich? Und kam zu dem Schluss: "Der Krebs ist für mich nicht nur ein chemischer Unglücksfall, sondern auch ein spirituelles Ding. Das hat ein Gesicht. Der Krebs ist in der Zeit entstanden, als ich mich um das Weltabschiedswerk von Herrn Wagner gekümmert hab und um Erlösung."

Nein, er wollte nicht sterben. "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein" nannte er sein Tagebuch der Krebserkrankung, das im April 2009 herauskam. Versteckt hat er sich bis zum Schluss nicht, obwohl er bleich und hohläugig aussah, von Chemotherapien gezeichnet. Unbedingt wollte er ein Opernhaus in Afrika bauen, dafür nahm er schwer krank die anstrengende Reise nach Mosambik auf sich. Seine große Liebe Aino, eine Kostümbildnerin, hatte er noch im Sommer 2009 geheiratet. Der Arzt sagte: "Die Krankheit hat ihr Haupt erhoben. Genießt alles!!!" Am 21. August 2010, kurz vor seinem 50. Geburtstag, ist Christoph Schlingensief gestorben.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo