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Vielfalt feiern Auszug aus dem diversen Kinderbuch "Märchenland für alle"

Illsutration eines schwulen Prinzenpärchens
"Gebe der Himmel, dass ihr eine gute Partie ergattern könnt!", sagte Franziska und klatschte in die Hände. ("Werde glücklich, Batbajan!")
© Lilla Bölecz
Das Buch "Märchenland für alle" von Boldizsár M. Nagy erzählt von Heldinnen und Helden, die die Gesamtheit der Menschen abbilden. In all ihrer diversen Schönheit. Der stern veröffentlicht das "Märchenland für alle" nun auf Deutsch. Hier lesen Sie ein neu erzähltes Gedicht von Zoltán Csehy aus dem Buch.
Übersetzt von Christina Kunze, Tünde Malomvölgyi und Timea Tankó

Hinter den drei Silberbergen,
wo das Goldgebirge liegt,
wo der kurzgeschwänzte Frischling
sich durch alle Äcker pflügt,
lebt’ ein Prinz an schönem Plätzchen
mit der Mutter und dem Kätzchen
stets in trauter Dreisamkeit.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
stets in trauter Dreisamkeit.

Doch die hochbetagte Mutter
hatte das Regieren satt.
"Wäre ich doch erst in Rente!",
wiederholte sie nur matt.
"Den Falten zu Leibe rücken,
Löcher in den Socken flicken,
ach, das wäre ein Genuss!"
Wie ich sage, wie ich schreibe:
Ach, das wäre ein Genuss.

Und sie fackelte nicht lange,
fragte nicht erst lieb und nett,
zerrte den verträumten Prinzen,
diesen Schlafratz, aus dem Bett.

Buchcover von "Märchenland für alle"
Die deutsche Ausgabe von "Märchenland für alle(Boldizsár Nagy/Illustrationen von Lilla Bölecz) ist ab 17. März im Handel. Herausgegeben vom stern – bei Dorling Kindersley, 180 Seiten, 16,95 Euro. Pro Buchkauf geht ein Euro an die Stiftung stern, um Menschen in Ungarn zu unterstützen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung in Not geraten

"Nichtsnutz, Faulpelz, Drückeberger!
Jetzt muss endlich eine Braut her,
und du übernimmst den Thron!"
Wie ich sage, wie ich schreibe:
Und er übernimmt den Thron.

Dann gebot die edle Mutter:
"Morgen soll’s entschieden sein!"
Doch der Prinz mochte nichts essen,
saß nur starr da wie ein Stein.
Sie sprach strenge, sie verlange
nichts, als was er seinem Range
ganz natürlich schuldig sei.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
ganz natürlich schuldig sei.

"Alle Prinzen hierzulande
haben sich schon längst vermählt.
Thronen, herrschen, führen Kriege.
Hättest du doch auch gewählt!
Alle sind beweibt, selbst Krumme,
Sommersprossige und Dumme,
nur du bist so ungeschickt!"
Wie ich sage, wie ich schreibe:
Nur er war so ungeschickt.

Sie erboste sich und keifte,
bis der Prinz ganz resigniert
sprach: "Dann heirate ich eben,
ist auch andern schon passiert."
Bei Familien in Scharen,
deren Töchter Single waren,
klingelte die Mutter an.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
klingelte die Mutter an.

Ganze Königstöchterschwärme
schwirrten ihnen nun ins Haus.
Österreich: Sophie Soprana.
Ihr Gesang ein Ohrenschmaus,
wie sie Arien tirilierte,
höchste Töne tremolierte.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
höchste Töne tremolierte.

Sie verzierte, kolorierte
wie ein leicht beleibter Schwan,
doch der Prinz verzog die Lippen, froh, dass sie zum Ende kam.
Wollte, sollt’ sie weiter röhren,
nie mehr eine Oper hören.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
nie mehr eine Oper hören.

Dolly kam, gesandt aus Texas.
Ihr Jonglieren hatte Stil:
Sieben Bälle ließ sie wirbeln,
keiner, der zu Boden fiel.
All ihr Hampeln, Strecken, Dehnen
ließ den Königssohn nur gähnen.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
ließ den Königssohn nur gähnen.

Dann kam Grönlands Königstochter,
war so grün wie ein Salat.
Glaubte, dass sie mit dem Grün den
Prinzen rasch erobert hat.
Aber er trug kein Verlangen
nach veganen Königsrangen.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
nach veganen Königsrangen.

Bombay schickte ihm ein Model,
rank und schlank, ein Turm von Frau.
Alles Gucci oder Prada,
maximal bunt, wie ein Pfau.
Doch die exquisiten Hüllen
mehrten nicht den Heiratswillen.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
mehrten nicht den Heiratswillen.

Aus der Puszta kam ein Mädchen,
heißblütig mit Peitschenknall.
Fohlentreiben, Gulaschkochen
mochte sie auf jeden Fall.
Buk ihm siebzig Palatschinken,
doch man sah ihn matt abwinken.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
Ihn sah man nur matt abwinken.

Philologin, Urologin,
Psychologin, Magierin,
Promovierte, hübsch Drapierte
traten schmachtend vor ihn hin.
Doch der Prinz schwieg nur verbissen,
wollt’ von Rendezvous nichts wissen.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
wollt’ von Rendezvous nichts wissen.

Nadelspitz fühlte der Prinz sich
von der Mutter angestiert,
wie ein Schmetterling durchbohrt, für
ihre Sammlung präpariert.
Höflich trat der Hofmarschall vor:
"Schenkt der Letzten noch das Ohr!"
Wie ich sage, wie ich schreibe: schenkt der
Letzten noch das Ohr.

Blond gelockt und lieblich schritt nun
ein Prinzesschen in den Saal
in Begleitung ihres Bruders.
Der Erfolg: phänomenal!
So ist es, vor Glück zu fliegen,
voll verknallt auf Wolke sieben!
Wie ich sage, wie ich schreibe:
voll verknallt auf Wolke sieben.

"Ach, mir steht das Herz in Flammen,
ich bin völlig aus dem Lot!
Nie empfand ich solche Liebe!",
rief der Prinz und wurde rot.
Beide sah’n sich in die Augen,
wagten es noch kaum zu glauben.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
wagten es noch kaum zu glauben.

"Niemals hätte ich vermutet,
dass mir hier die Liebe lacht.
Das ist ja, wie wenn ein Bettler
plötzlich reich wird über Nacht!"
Die zwei Prinzen lachten herzlich
und umarmten sich sehr zärtlich.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
Sie umarmten sich sehr zärtlich.

Die Prinzessin musste kichern,
denn ihr Bruder war der Star.
Blies nicht Trübsal, dass sie selber
nicht die Auserwählte war.
Ihre Wahl war längst getroffen,
und der Hofmarschall durft’ hoffen.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
Und der Hofmarschall durft’ hoffen.

Eine rechte Märchenhochzeit
feierte das Prinzenpaar,
Preislieder auf Glück und Liebe
sang der heiligste Altar.
Selbst die kleine Kirchenmaus
brach in Freudentränen aus.
Wie ich sage, wie ich schreibe:
brach in Freudentränen aus.

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