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Marriage Story: Dieser neue Scheidungsfilm lässt keinen kalt

Von zarter Liebe bis zum Scheidungskrieg: "Marriage Story" klingt erstmal wie jede andere gescheiterte Lovestory - ist er aber nicht.

Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson) und Regisseur Charlie (Adam Driver) hadern zwischen Familie und Scheidung.

Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson) und Regisseur Charlie (Adam Driver) hadern zwischen Familie und Scheidung.

Dieser Film ist nichts für zarte Gemüter. Es spritzt zwar weder Blut, noch geht es sonst extrem zu, aber: "Marriage Story" (dt. Start in ausgewählten Kinos am 21. November; ab 6. Dezember auf Netflix) geht an die emotionale Substanz. Der Film zeigt die zermürbende Entwicklung eines jungen Traumpaares von der glücklichen Familie bis zum erbitterten Scheidungs- und Sorgerechtskrieg um ihren gemeinsamen Sohn. Wem das aufgrund eigener persönlicher Erfahrungen zu nahe geht, macht besser einen Bogen um den Film. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einem empfindsamen Plot und überragenden Schauspielern belohnt.

Darum geht's

Regisseur Charlie (Adam Driver, 36) und Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson, 34) waren zehn Jahre lang das Traumpaar der New Yorker Theaterszene, liebten und arbeiteten als Team. Doch die einstige Liebesgeschichte ist in Banalitäten und Berufsalltag verloren gegangen, überdies hat Charlie seine Frau betrogen. Nicole will nun eine Filmkarriere in Los Angeles verfolgen und fordert die Trennung.

Zum Streitpunkt des ehemaligen Liebespaars wird vor allem der gemeinsame Sohn Henry (Azhy Robertson, 9), den die Mutter mit an die Westküste nehmen will. Als sie sich für die Scheidung entscheidet und Anwälte (Laura Dern, 52 und Ray Liotta, 64) ins Spiel kommen, weitet sich der Beziehungskollaps zum erbitterten juristischen Grabenkampf aus. Doch trotz aller Gemeinheiten geht die spezielle Bindung, die zwischen dem Paar bestand, nie ganz verloren.

Obduktion einer Ehe

Schon die Eingangssequenz ist überraschend: Beide Eheleute beschreiben als Stimme aus dem Off, romantisch untermalt, die gegenseitigen Besonderheiten des anderen. Gerade als man davon überzeugt ist, dass die Beziehung zwischen Charlie und Nicole eine ist, die funktioniert, stellt man fest, dass die Liste eine Aufgabe des Scheidungsmediators ist. Doch es bleibt eine Aufzählung in Gedanken - Nicole weigert sich, sie vorzulesen und geht. Zu lange ist ihr Mann nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen, hatte nur sich und nicht die Familie als Priorität. Für sie gibt es nichts mehr zu vermitteln, sie will die Scheidung.

Noah Baumbauch ("Frances Ha", 50) seziert einen Scheidungsprozess, der mit jeder Runde tiefer in die Intimsphäre der beiden Ehepartner vordringt. Fast bekommt der Zuschauer das Gefühl, er kenne Charlie und Nicole nach den schmerzhaften wie tragisch-komischen 135 Minuten besser als so manch privaten Freund. Dank Soundtrack-Genius Randy Newman (75, "Toy Story") wirken sogar die zwei Gesangsnummern (eine von Johansson, eine von Driver) nicht aufgesetzt oder peinlich, sondern weisen den Weg, wohin die beiden sich am Ende der Trennung entwickelt haben. Und: Drivers gesungene Schlussakkorde von "Being Alive" aus Stephen Sondheims 1970er Musical "Company" lassen so manche Fassade bröckeln und einige Tränen verdrücken.

So gut ist Scheidung selten

Mit "Marriage Story" ist wohl einer der besten Beziehungsfilme des Jahres geglückt. Das ebenso emotionale wie differenzierte, vom Ende aus gesehene Ehe-Porträt, balanciert virtuos zwischen Screwball-Komödie und Drama und berührt bis ins Mark. Als Sahnehäubchen liefert das Driver-Johansson-Duo eine ihrer besten Produktionen überhaupt ab und beweist, dass Kino auch ganz ohne Spezialeffekte aus dem "Star Wars" oder "Marvel"-Multiversum auskommen kann - wenn man es lässt.

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