Na, heute auch schon getobt? Sind Sie schon aufgestanden mit dem Gefühl, gegängelt zu werden und über die Zustände nichts mehr sagen zu dürfen? Dann sind sie wohl in großer Gesellschaft. Denn laut Umfrage glauben gerade einmal 41 Prozent der Befragten, sich frei äußern zu können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Das ist ein dünner Wert, und ständig kommt ein neuer Baustein für dieses Bedrohungsszenario dazu.
Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier
Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.
Es ist nun fast zwei Wochen her, dass Daniel Günther bei Markus Lanz saß, sich über die Gefahren sozialer Netzwerke ausließ, die Frage, ob man die Social-Media-Nutzung für unter 16-Jährige verbieten sollte, mit Ja beantwortete. In diesem Kontext kam er auch auf alternative Medienplattformen wie "Nius" zu sprechen, die er als "faktenfrei" und "Feinde der Demokratie" bezeichnete. Falls Sie "Nius" nicht kennen: Stellen Sie sich die "Bild" vor, subtrahieren Anstand, Witz und presserechtliche Standards und addieren mit Julian Reichelt den ehemaligen Chefredakteur der "Bild", der dort wegen fragwürdiger Methoden gefeuert worden war. Was folgte, waren allgemeines Getöse, eine Zensurdebatte und die Behauptung, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident wolle "Nius" verbieten.
Von Wolfgang Kubicki bis zu so ziemlich jeder Springer-Publikation sprangen alle auf das Thema an. Ein Clip aus der Lanz-Sendung, der insinuierte, dass Günther bei Lanz Ja zum Verbot gesagt habe, machte die Runde. Allein, er war halt so geschnitten, dass es zur Empörung passte. In dieser Abfolge gefallen sind die Worte bei Lanz nie. Der Radikalisierungsfachwirt Reichelt rieb sich die Hände. Etwas Besseres, als dass ein hochrangiger CDU-Mann seine Wutbürger Puppenkiste im Abendprogramm erwähnt, konnte ihm gar nicht passieren.
Daniel Günther und die Zensurdebatte
Seit Tagen diskutieren zwei Lager unversöhnlich darüber, ob Günther es bei Lanz nicht eben doch so gemeint haben könnte, das missliebige Online-Magazin zu verbieten. Das Elend aus der Fußballbundesliga, es hat auch im Journalismus Einzug gehalten: der Videobeweis.
Interessante Parallele: So wie in den USA mittels aller Kamerawinkel analysiert wird, ob der ICE-Scherge von Renee Goods Wagen nun touchiert wurde oder nicht (und sie es deshalb selbstverständlich! verdient habe, erschossen zu werden), ist es auch hier unmöglich geworden, sich auf ein gemeinsames Faktum zu einigen. Bemerkenswert auch, dass dieselben, die es richtig finden, dass Donald Trump die BBC wegen tendenziöser Schnitte in einem Bericht verklagt, es mit der korrekten Clipausspielung nicht so genau nehmen, sofern die editierte Sequenz nur die eigene These stützt.
Dabei kriegt "da draußen" eigentlich kaum jemand etwas von diesem Thema mit, es bleibt eine weitere mediale Selbstbespiegelung, lustvoll durchexerziert von allen Publikationen rechts bis links. Hängen bleibt am Ende nur ein Raunen, "dass da wohl irgendein Magazin verboten werden soll, das zu regierungskritisch ist". Das passt Reichelt mit seinem Weidelesken Zorn-Inkubator gut in den Kram. Der Laden lebt davon, eine dauerhaft erregte Stimmung anzuheizen, "die da oben" als grundsätzlich unfähig und sich selbst gleichzeitig als politisch Verfolgte zu inszenieren.
Waldemar Hartmann trifft man bei "Nius" wieder
Um den Kessel unter Dampf zu halten, täuscht man echtes Interesse an politischer Auseinandersetzung vor, lädt die politisch Andersdenkenden zum Diskutieren ein. Dabei heraus kommt bestenfalls eine Debattenattrappe, mit Hilfe derer neue reißerische Clips für Tiktok und Co. generiert werden. Schlimm genug, dass Leute wie Markus Söder sich nicht zu schade sind, sich vor ein "Nius"-Mikrofon zu setzen.
Bemerkenswert auch, wen man bei "Nius" wiedertrifft. Du denkst, Waldemar Hartmann sei längst irgendwo in Bangkok und lasse sich die schweren Jahre beim BR rausmassieren – da tritt der Mann plötzlich als politjournalistische Instanz in Reichelts Boxbude in Erscheinung, ätzt gegen die Bundesregierung und, das kommt speziell bei Rechtsaußen gut an, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Bei X schießt der Mann, der Jahrzehnte als joviale Duz-Orgel in der Schwellhodenspreizhocke mit den Fußballgrößen herumkumpelte, gegen seinen alten Arbeitgeber, der angeblich zu viele Millionen Euro verbrennt.
Gut, den ÖRR zu kritisieren, ist nicht pauschal rechtsradikal, sondern auf vielen Ebenen berechtigt, aber: Wenn ich wie Waldi über Dekaden Gebührengelder verballert habe wie sonst nur Elton John an seinem 50. Geburtstag, würde ich, was dieses Thema angeht, leise den Hinterausgang nehmen. Aber mit dem Zorn des Abgehängten passt der einst so gut gelaunte Problembär und heute so garstige Anzeigenhauptmeister gut ins Programmschema der AfD-Wurfsendung.
Micky Beisenherz über das Zeitalter des Revanchismus
Dass "Nius"-Chef Reichelt gegen Vertreter des ÖRR als alimentationsbedürftige Sklaven an der Zitze des Gebührenzahler schießt, entbehrt außerdem nicht einer gewissen Komik, sind er und das ganze Projekt "Nius" finanziell komplett abhängig von den Zahlungen Frank Gotthardts, eines Milliardärs mit einem ausgeprägten Gottkomplex.
Jetzt muss man fairerweise sagen: Dinge aus dem Kontext zu reißen, wie "Nius" es tut, und sie dann als verzehrfertige Snacks der eigenen Blase vorzusetzen, ist kein Privileg rechter Krawallplattformen. Das haben die Linken in moralischer Präpotenz auch immer schon gut hingekriegt und in ihrer Korrektheitsüberreizung Anfang der 2020er weidlich zu der Welle beigetragen, die Reichelt und seine Leute nun lustvoll abreiten.
Es ist das Zeitalter des Revanchismus. Bei Trump ist es Staatsform, bei uns bislang nur ein mediales Geschäftsmodell. Die vulgär-stumpfe Gegenöffentlichkeit.
Ist das Journalismus? So sehr wie das Rewe-Einkaufsradio: Du bist schon bewusst in den Laden reingegangen und freust dich darüber, mit billigen Angeboten beschallt zu werden. Am Ende sind solche Platt-Formen für die Information das, was Energydrinks für die Ernährung sind: Schrott. Aber wer weiß, was drin ist, schüttet sich das Zeug auch nicht literweise rein. Zu viel davon ist nicht gut fürs Herz. Muss man nicht verbieten. Aber wenn man sich selbst was wert ist, tut man sich's besser nicht an.