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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Auf die Heimat!

Stadtfeste sind große Klassentreffen. Exilanten und Standorttreue wetteifern beim Bier, wer das coolere Leben hat. Ich fahre gerne hin.

Wenn Sie das hier lesen, dann sitze ich gerade bei meiner Omma mit Filterkaffee und Kondensmilch in der Küche.

Ich werde in meinem Elternhaus geschlafen haben (mein Kinderzimmer gibt es nicht mehr. Das ist jetzt ein begehbarer Kleiderschrank. Danke, Mama) und mit meinem Bruder am Vorabend losgezogen sein. Denn es ist Stadtfest. In Castrop-Rauxel.

 "Castrop kocht über"

Im Grunde genommen wie das Coachella-Festival oder Rock am Ring. Nur komplett anders. Hier gibt es keine Influencerinnen, die sich vor einem Riesenrad fotografieren. Dafür den Erin-Turm, der an die vergangene Ära der schwarz-goldenen Steinkohlejahre erinnert. Es ist eine seltsame Sehnsucht, die mich 350 Kilometer zurücklegen lässt, um in der Altstadt ein Teil zu sein von "Castrop kocht über". Jaja, so heißt das wirklich. Wobei der Stadt zu gute zu halten ist, dass man darauf schon gekommen ist, bevor das Fernsehen verhensslert und durchgemälzert wurde.

Seit rund 25 Jahren nennt sich die Marathonbetankung "Gourmetfest". Was auch viel charmanter klingt als "zum Saufen auf den Marktplatz". Wenn man dann fünf Tage am Stück dort verbringt, fühlt man sich eben nicht wie ein Fall für den Sozialarbeiter, sondern wie ein Restaurantkritiker.

Im Kern hat man eine Reibeplätzchenbude durch einen Stand mit gebratenen Champignons ersetzt, und während der Besucher mit dem angewinkelten rechten Arm vier Bierbecher Richtung Clique bugsiert, hält er in der linken Hand statt Bratwurst einen Scampispieß. Und am Ende gibt es ein Feuerwerk, logo.

Was mach ich eigentlich hier?

Ist das wirklich gut – oder völlig daneben? Wie so vieles ist auch das Stadtfest ein Heraufbeschwören der Vergangenheit, der Jahre, in denen man als Heranwachsender aus dem Ganzen eine Art Ferienlager gemacht hat, erst wieder nach Hause gekommen ist, als die Sonne schon schien und nach fünf Tagen in ein riesiges Loch gefallen ist.

Jedes Stadtfest ist ein einziges großes „Und was machst du so?“ Ein mehrtägiges Klassentreffen, auf dem es nicht selten darum geht, dass die Weggezogenen und die Dortgebliebenen sich kritisch beäugen, um in den Augen des anderen so etwas wie Bedauern zu erkennen.

 "Summer of 69" kommt auch noch, klar.

Da werden salopp ausgegebene Biere zum Wahrheitsserum, das dem Exilanten irgendwann das Geständnis abnötigen soll, dass es zu Hause doch am schönsten ist. Und dass im Leben längst nicht alles so toll gelaufen ist, wie man dachte. Das hier ist eine Messe, und das Produkt, das wir am (Bier-) Stand vertreiben, ist nicht weniger als unser Leben.

"Ach, du bist geschieden? Das tut mir leid."

"Wie, und dann hast du mit 46 schon einen Herzschrittmacher?"

"Und damit macht man so viel Geld?!"

Währenddessen spielt die Band Songs von Bon Jovi und irgendwas von Revolverheld. "Summer of 69" kommt auch noch, klar. Mit dem Leadsänger warst du in derselben Stufe.

Bei Licht betrachtet ist es die etwas weniger hippe Variante dessen, was in der Großstadt genauso bescheuert ist. Nur mit Leuten, die du wirklich magst. Heimat ist dort, wo man dich schon am Bierstand freudig erwartet. Und dir nach dem dritten Kurzen sagt, dass du eigentlich immer schon ein Arschloch warst. Nächstes Jahr geh ich auf jeden Fall wieder hin!