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M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier: Salute! Die Hirntodgeweihten grüßen dich?

Heute schauen viele in den Stadien und vor dem Fernseher ganz genau hin. Denn heute geht es nicht nur um Tore, nein. Vor allem der Jubel nach dem Treffer steht unter genauer Beobachtung.

Der Hurra-Patriotismus im Stadion schwappt nach Deutschland.

Der Hurra-Patriotismus im Stadion schwappt nach Deutschland.

DPA

Die Länderspielpause hat dem Fußball nicht gutgetan.

Seitdem türkische Nationalspieler auf die seltsame Idee kamen, die EM-Qualifikationsspiele gegen Albanien und Frankreich mit militärischen Grüßen zu veredeln, wurde ein Trend losgetreten, von dem uninformierte Geister annehmen mussten, nach #Planking oder der #icebucketchallenge den neuesten heißen Scheiß verpasst zu haben.

Bis in die Kreisliga Castrop-Rauxel hinein fingen Spieler mit türkischem Migrationshintergrund- oder Vordergrund an, zu salutieren, sodass man sich auf den Rängen vorkam, einer Live-Aufführung von Platoon beizuwohnen.

Krieg ist wie AKP wählen- irgendwie lässig, solange man die Konsequenzen nicht selber erdulden muss.

So weit, so türkisch. Ins Brodeln geriet die Volksseele spätestens in dem Moment, als der Skandal im Nest des deutschen Adlers landete.

Praktisch noch im Gewand des DFB, wagten es Emre Can und Ilkay Gündogan, bei Instagram ein Foto des Türken Cenk Tosun zu liken, der nach seinem wichtigen Tor gegen Albanien ein Foto postete, auf dem er ebenfalls salutierend zu sehen ist.

Die Aufregung war groß, die Integration komplett gescheitert, der Rauswurf aus der Nationalelf das Mindeste - und das Entsetzen, dass "unsere" Spieler sich mit einem Unrechtsregime wie dem Erdogans solidarisieren und einen völkerrechtswidrigen Krieg unterstützen, konnte auch dadurch kaum abgeschwächt werden, dass die Spieler dieses Like zurückgezogen haben.

Es ist grundsätzlich richtig, dass man sich schon fragen darf, ob jemand sie noch alle hat, sich mit dieser fragwürdigen Militäraktion analog oder digital zu solidarisieren.

Und jemand wie Gündogan, der sich im letzten Jahr noch mit dem Klaps-Kalifen Erdogan hat ablichten lassen (mutmaßlich, weil der gute Wille des Autokraten bei einem millionenschweren Bauvorhaben in der Türkei sicher hilfreich ist), muss es sich gefallen lassen, kritischer als andere beäugt zu werden.

Richtig aber ist auch, dass jeder von uns weiß, wie unbedacht wir alle soziale Netzwerke nutzen, hier mal durchscrollen, da mal eben ein Like hinterlassen.

Die Twitter-User diskutieren über die Likes von Gündogan und Can

Likes und Reue

Kurz ein Herzchen bei Sylvie Meis im Leo-String hinterlassen, und schon drei Minuten später darfst du deiner Freundin am Telefon erklären, wie das denn nun wieder gemeint war.

Er kann also durchaus auch nur arglos das Tor eines guten Freundes digital beklatscht haben, ohne gleich als Katze zum Streicheln auf den Schoß von Dr. Evil gehüpft zu sein.

Ja, Instagram ist mittlerweile eine harte Währung, in der kaum mehr voneinander trennbaren Welt des Pop und Profifußballs hat ein Like mehr Bedeutung als eine Meinungsäußerung in der "FAZ".

Weshalb öffentliche Statements dieser Art ein großes Gewicht bekommen haben, ob uns das nun gefällt oder nicht.

Doch wer Profifußballern große Reflexion des eigenen Handelns oder langes Überlegen vorm Tun unterstellt, tut den meisten schreckliches Unrecht.

Insgesamt legen wir die Maßstäbe an Typen, die vergoldete Porsche Panameras fahren und eine umgeschneiderte Louis-Vuitton- Handtasche als Jacke tragen, vielleicht ein bisschen zu hoch an.

Haben Sie mal verfolgt, wie zombieesk diese jungen Rennpferde mit Undercut durch ihre Handys scrollen, in Rekordzeit drei-, vier-, fünfhundert Bilder durchwischen, die Likes durchziehen wie Apfeltabak in der Shishabar.

Es ist ja nicht jeder Nils Petersen oder Danny da Costa.

Und zum Glück ist auch nicht jeder Cenk Sahin, der sich in den sozialen Netzwerken recht deutlich geäußert hatte und das "heldenhafte Militär und die Armeen" unterstützte.

Weshalb er umgehend vom FC St. Pauli freigestellt wurde und jetzt bei Basaksehir gelandet ist - bekannt als Klub von Erdogan.

Das Verhalten von St. Pauli kann man durchaus als vorbildlich bezeichnen, verstößt die Verherrlichung eines Angriffskrieges doch recht deutlich gegen alle Werte, die sich der Verein auf die Fahnen geschrieben hat.

Ob man auch so reagiert hätte, hätte ein wichtiger Leistungsträger sich so verhalten, man darf es zumindest bezweifeln.

Weil es cool aussieht

Warum türkische Fußballer salutieren, da sind die Gründe recht unterschiedlich: Manche haben das Gefühl, den Verwandten in der Türkei was zu schulden, wieder andere finden Erdogan gut und manche machen es nur, weil sie es in irgendeinem Jerry-Bruckheimer-Film gesehen haben und finden, dass es cool aussieht.

Ja, es gibt auch welche, die finden es tatsächlich richtig, was da in Nordsyrien passiert, und das ist sehr, sehr traurig.

Und dann wiederum gibt es welche, die haben als türkische Nationalspieler einfach mitsalutiert, aus Angst vor Repressalien für sich oder ihre Familie, was nicht minder traurig ist.

Wir reden hier immerhin über einen amoklaufenden Regierungschef, der Kritiker des Krieges bereits als Terroristen bezeichnet.

Auch, wenn das die Mutbürger in ihrer endlosen Courage zuhause am Rechner alles wohl kaum verstehen werden.

Doch bevor man sich moralisch allzu hoch aufschwingt, sollte man bedenken, dass die Arglosigkeit einiger Spieler im Hinblick auf ihre "Vorbildfunktion" zwar ärgerlich ist.

Aber ist ein bisschen impulsive Dummheit wirklich schlimmer als die strategische Ignoranz und konsequente Kaltschnäuzigkeit, mit der die Vereine und Verbände selbst regelmäßig so ziemlich jeden ethischen Anspruch reißen, solange er nur ins Geschäftsmodell passt?

Fußball und Moral?

Es ist ein bisschen bigott, einerseits auf moralische Werte zu pochen und gleichzeitig Geschäfte mit Katar zu machen, sich von Gazprom finanzieren zu lassen oder flammende Plädoyers für Menschlichkeit zu halten, während man sich gerade noch den letzten Krempel von der WM in Russland zurückschicken lässt.

Ethik kennt keine Tabelle, das eine Schweineregime ist nicht niedriger zu ranken als das andere.

Moral endet eben nicht da, wo die eigene Bequemlichkeit angegriffen wird oder der Geldfluss versiegt.

Und das darf auch der Fan sich kurz in Erinnerung rufen, wenn er 15.30 Uhr Sky einschaltet und aktiv den ganzen Scheiß subventioniert, aber hey: Vielleicht meldet sich nach dem Salut ja auch der Videoschiedsrichter- und erkennt den Jubel einfach ab.

Dann hätte zumindest dieser Keller in Köln endlich seinen Sinn.