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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Weiche, Störung!

Eigentlich ist es langweilig, sich noch über die Bahn aufzuregen. Denkt man so. Dann aber sitzt man im Zug. Und muss sich leider aufregen.

Eigentlich war an dieser Stelle etwas völlig anderes geplant. Man könnte also sagen: Dieser Text passt hervorragend zur Deutschen Bahn. Ich mach es denen auch explizit zum Vorwurf, dass sie mich in die Riege derer einreihen, die sich über sie echauffieren – aber ich hab halt grad viel Zeit.

Ich schreibe Ihnen aus dem ICE 279 Berlin–Basel Richtung Biblis. In dem ich mit Hollandradgeschwindigkeit dem Ziel entgegentuckere. Um von dort dann weiter nach Karlsruhe zu kommen. Da möchte ich gar nicht hin. Ich möchte nach Baden-Baden. Um aber nicht noch ein drittes Mal in ein Stück rollendes Altmetall einsteigen zu müssen, lasse ich mich in Karlsruhe abholen.

Plötzlich bin ich es, der jemandem Mut zuspricht.

Es ist 16.17 Uhr, und ich bin bereits drei Stunden zu spät. Ich täte mir selbst vermutlich noch bedeutend mehr leid, wäre da nicht der Schaffner, der gebeutelt wie Heinrich IV. beim Canossagang Beschwerdeformulare an wütende Fahrgäste austeilt. Plötzlich bin ich es, der jemandem Mut zuspricht.

Der Plan war: um 8.15 Uhr in Hamburg in den ICE einsteigen, um 13.25 Uhr in Baden-Baden aussteigen. Lange Fahrt, klar. Aber umweltfreundlich. Und entspannt.

Das konnte nicht gut gehen. Um 12.30 Uhr in Frankfurt der alles verändernde Satz, munter vorgetragen: "Meine Damen und Herren, wir werden unsere Reise nicht fortsetzen. Der Zug ist kaputt." Wann genau haben die Zugdurchsagen eigentlich diese defätistische Titanic-Geiger-Fröhlichkeit bekommen? Also raus aus dem ICE und rein in den nächsten, 20 Minuten später. Kurz nach der Abfahrt: Der Zug steht wieder. Er steht lange. In Bürstadt. Weichenstörung. Als Imperativ wäre der Begriff ungleich schöner. "Weiche, Störung!" Ab und an wird die Stille vom Schaffner durchbrochen, der uns mitteilt, dass er keine Informationen hat.

Die ersten werden laut.

In Bürstadt gibt es wenig zu sehen. Davon aber reichlich. Wenn Menschen lange warten und wenig News erhalten, werden sie unruhig, ja, wütend. Das lässt sich hier sehr schön beobachten. Die ersten werden laut. Besonders unangenehm sind die brüllend lauten 90er-Jahre-Klingeltöne der Best Ager, deren Nachwuchs immer wieder anruft, um zu fragen, wo Papa und Mama denn bleiben.

Nächstes mal doch das Auto? Auch scheiße – aber wenigstens nicht so fremdbestimmt.

Immer noch Bürstadt.

"Kann ich Ihnen etwas an Ihren Platz bringen?"

"Oh, ein Kaffee wäre toll."

"Kaffee ist aus."

Den letzten hat ein junger Mann gerade versehentlich einem Oberstudienrat über die Jack-Wolfskin-Jacke gekippt. Der ist wenig begeistert und maßregelt den Koffeinverschütter, der seinerseits peinlich berührt einen ausgeben will. Der Besudelte entlässt ihn nicht aus dem Schuldschwitzkasten, gönnt sich eine Kunstpause und sagt dann im Bondbösewichtstonfall: "Sie können mir die Reinigung bezahlen." Er sieht den Reparationsrubel rollen. So wie unser aller Augen. Wenn schon nicht die Bahn, dann soll wenigstens DER für den Schaden aufkommen! Jetzt hassen zumindest nicht mehr alle das Bahnpersonal.

Deutsche Bahn – das letzte große Abenteuer. Danke, Greta Thunberg!

Um 16.45 Uhr erreiche ich mein Ziel. Anders als die Schweizer Mitfahrer, die hören, dass der Zug "heute aufgrund der Verspätung nur bis nach Offenburg fährt" . Es bleibt nur noch kapitulierendes Lachen. Bahnfahren ist wie SPD-Mitglied sein: ein ehrenhaftes Ansinnen. Im Prinzip so schön – man altert nur so schrecklich schnell dabei.